Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist auch Deutschland massiv im Visier von Cyberattacken. Das trifft staatliche Infrastruktur und Wirtschaft gleichermaßen. Doch Deutschland hat bei der Abwehr aufgeholt.
Es sind Meldungen, die in den vergangenen Jahren häufiger zu hören waren: Die Verwaltung einer Kleinstadt, die von Universitäten oder Kliniken sind elektronisch nicht mehr erreichbar, bestimmte Dienstleistungen stehen nicht mehr zur Verfügung, ihre IT-Infrastruktur wurde angegriffen oder gleich ganz lahmgelegt. Der Grund: Cyberangriffe, die fast immer vom Ausland aus gesteuert sind. In manchen Fällen kann es Wochen dauern, bis alles wieder rundläuft. Nicht selten muss die Hardware in Teilen ausgetauscht werden. Der spektakulärste Fall für die deutsche Politik liegt schon zehn Jahre zurück. Damals wurde der Bundestag mit Schadsoftware angegriffen, das gesamte bundestagseigene Netzwerk verwanzt. Der Hauptrechner musste abgeschaltet und Hardware-Elemente teilweise ausgetauscht werden.
Cyberangriffe aus China und Russland
Ein Weckruf für die deutschen Sicherheitsbehörden, sieben Jahre vor dem Ukrainekrieg. Dahinter steckte sehr wahrscheinlich der russische Militärgeheimdienst GRU. Beweiskräftig belegt werden konnte es freilich nicht, aber alle Spuren deuteten darauf hin. „Heute müssen wir davon ausgehen, dass gut die Hälfte aller Cyberattacken auf Behörden und Unternehmen in Deutschland von Russland oder China ausgeht“, bringt Bitkom-Präsident Rolf Wintergerst die aktuelle Cyber-Gefahrenlage im FORUM-Gespräch auf den Punkt. Bitkom ist der Interessenverband der deutschen IT-Industrie. „Der erkannte, oder genauer, angezeigte Schaden, belief sich für die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr auf 289 Milliarden Euro. 23 Milliarden mehr als noch ein Jahr zuvor. Diese Steigerung zeigt: Wir haben es mit einer wachsenden Bedrohungslage zu tun.“
Wintergerst lobt dabei ausdrücklich die Zusammenarbeit mit den deutschen Sicherheitsbehörden wie Verfassungsschutz oder Bundesnachrichtendienst, ohne die eine Aufklärung der Cyber-Attacken überhaupt nicht mehr möglich wäre. Denn die Grenzen sind mehr als fließend. „Ging es früher bei Hacker-Angriffen noch oftmals darum, die Produktion eines Unternehmens zu blockieren, um es zu erpressen, sind die Ziele heute weit höhergesteckt.“ Es geht darum, über Wirtschaftsunternehmen auch staatliche Infrastrukturen anzugreifen oder Lieferketten zu unterbrechen und damit zum Beispiel eine Mangelversorgung der Bevölkerung zu provozieren. Sei es bei wichtigen Medikamenten, der Wasserversorgung oder Grundnahrungsmitteln, im schlimmsten Falle in der Stromversorgung. Bitkom-Präsident Rolf Wintergerst sieht dabei die deutschen Unternehmen sehr gut aufgestellt. Viele haben ihre Hausaufgaben in den vergangenen Jahren gemacht, allerdings kosten IT-Sicherheit und Cyber-Abwehr auch viel Geld. „Die Bitkom empfiehlt seit Jahren den Unternehmen, 20 Prozent des Gewinns in die IT-Sicherheit zu stecken. Große Unternehmen machen das. Doch gerade Mittelstand oder Handwerk haben wegen der schwierigen Wirtschaftssituation weniger Gewinne, von denen sie nur schwerlich in ausreichende IT-Sicherheit investieren können.“
Anteil des Gewinns in Sicherheit stecken
Die größte Herausforderung: Zwar sind noch immer viele Kriminelle unter den Angreifern, doch Cyber-Angriffe durch Geheimdienste, die mit ebenjenen paktieren, nehmen zu, in zwei Jahren um mehr als 20 Prozent, Tendenz weiter steigend. Das ist Hauptaufgabe für die deutsche Abwehr, für den Bundesverfassungsschutz und den Bundesnachrichtendienst. Der Vize-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Sinan Selen, beschreibt die Lage so: „Staatliche Stellen, gerade in Russland, bedienen sich zunehmend auch krimineller Strukturen. Banden der Organisierten Kriminalität werden regelrecht angeworben und bekommen ihr Geld auch vom Staat. Das ist eine sektorübergreifende Herausforderung, bei der alle unsere Dienste gefordert sind.“