Union Berlin offenbart weiter Schwächen in der Offensive. Dabei stellt der Trainer taktisch und personell um – einen 4,5 Millionen Euro teuren Stürmer lässt er aber weiter links liegen.
Für den 1. FC Union verläuft die Saison bislang relativ unproblematisch. Der gute Tabellenplatz und die ordentliche Punkte-Ausbeute kaschieren einige Schwachstellen, die im Falle eines akuten Abstiegskampfes die Alarmglocken schrillen lassen würden. Dazu gehört zweifelsohne die Sturm-Flaute. Seit dem 21. September haben die Angreifer kein Tor mehr erzielt – das ist schon zweieinhalb Monate her. Grund genug für die „Berliner Zeitung“, sich auf die Suche nach möglichen Offensiv-Verstärkungen für die anstehende Winter-Transferperiode zu machen. Aber nicht nur für ihre Leser, sondern angeblich auch für den Sportdirektor. „Herr Heldt, schauen Sie genau hin!“, stand in der Zeitung geschrieben.
Das Sturm-Problem muss gelöst werden
Sicher nicht ganz ernst gemeint, denn die dort aufgeführten Namen Eren Dinkci (SC Freiburg), Martijn Kaars (FC St. Pauli), Robert Glatzel (Hamburger SV), Ayoube Amaimouni-Echghouyab (U23 von TSG Hoffenheim) und Michy Batshuayi (Eintracht Frankfurt) dürften auch Horst Heldt bekannt sein. Genau wie der von Younes Ebnoutalib, den Union Medienberichten zufolge genau beobachtet. Der 22 Jahre alte Deutsch-Marokkaner, der vor knapp einem Jahr für nur 50.000 Euro zum Zweitligisten SV Elversberg gewechselt war, hat mit zehn Toren in 14 Spielen große Begehrlichkeiten geweckt. Nicht nur Union, sondern auch Eintracht Frankfurt und die TSG Hoffenheim sollen an Ebnoutalib interessiert sein.
So oder so: In der Hinrunde müssen die Eisernen das Sturm-Problem noch mit dem vorhandenen Personal lösen. Bei der bitteren 1:2-Niederlage gegen das bisherige Tabellenschlusslicht 1. FC Heidenheim mit zwei späten Gegentoren probierte es Trainer Steffen Baumgart mit einem personellen und taktischen Wechsel: Statt dem bei ihm bislang gesetzten Mittelstürmer Andrej Ilic durfte der Zehner Woo-Yeong Jeong in der Startelf auflaufen. „Es ist einfach so, dass Andrej ein sehr wichtiger Spieler für uns ist, er aber aus meiner Sicht vielleicht ein bisschen mit sich hadert“, begründete Baumgart die überraschende Maßnahme. Ilic hat noch keinen eigenen Saisontreffer erzielt, allerdings schon sechs Torvorlagen beigesteuert – nur Bayern-Star Michael Olise ist in dieser Statistik besser. Zudem war Ilic als Brecher im Sturmzentrum immer anspielbar, er schaffte für seine Sturmkollegen Oliver Burke und Ilyas Ansah immer wieder Lücken. Deswegen war er für Baumgart („Aus meiner Sicht der wichtigste Stürmer, den wir haben“) auch für die Startelf gesetzt – bis jetzt.
„Im letzten Jahr hat er sich durchgesetzt über die Bank, hat da immer wieder Impulse gebracht, dadurch hat er sich den Stammplatz erarbeitet und eine hohe Akzeptanz bei uns“, sagte Baumgart vor dem Anpfiff des Heidenheim-Spiels: „Und jetzt geben wir ihm mal die Möglichkeit, hintenraus zu kommen, und wir haben schon das Gefühl, dass es gut werden kann.“ Doch es wurde nicht gut. Der Serbe wurde für den Schotten Burke nach einer Stunde beim Stand von 1:0 für Union eingewechselt, am Ende stand es 1:2. Ilic hatte kaum gefährliche Szenen, insgesamt waren die Gastgeber viel zu passiv und ließen die Heidenheimer Schlussoffensive dadurch überhaupt erst zu. „Eine ganz bittere Pille, die wir schlucken müssen“, konstatierte Rani Khedira, der die 1:0-Führung erzielt hatte. Die Niederlage sei „sehr, sehr unnötig“ gewesen. Kapitän Christopher Trimmel meinte: „Es tut natürlich weh, weil wir unbedingt gewinnen wollten, aber so ist der Fußball.“ Baumgart haderte vor allem mit dem Ausgleich in der 90. Minute. „Das kann immer passieren, wenn du kein zweites machst“, sagte der Coach: „Wir hätten den Gegner vorher mehr vor Probleme stellen müssen.“
In indirekte Kritik an die eigene Offensive? Zumindest Marin Ljubicic durfte sich nicht angesprochen fühlen. Der 23-Jährige kommt erst gar nicht in die Gelegenheit, sich Chancen herauszuarbeiten und diese womöglich zu vergeben – er spielt ja gar nicht. Gegen Heidenheim stand der Kroate nicht einmal im Kader, stattdessen durften die Angreifer Tim Skarke und Livian Burcu neben Ilic zumindest auf der Bank sitzen. Bei Baumgart spielt Ljubicic überhaupt keine Rolle, der Trainer gewährte ihm bislang nicht eine Sekunde Spielzeit. Das überrascht nicht nur aufgrund der Angriffs-Flaute innerhalb des Teams. Auch die Ablöse von 4,5 Millionen Euro, die Union vor knapp einem Jahr nach Österreich an den Linzer ASK überwiesen hat, macht die Dauer-Reservistenrolle für Ljubicic zu einem kleinen Mysterium. Die naheliegendste Erklärung ist, dass Baumgart mit dem Spielerprofil nur wenig bis gar nichts anfangen kann. Denn schon in der Vorsaison bekam Ljubicic nur wenig Spielzeit und galt im Sommer als Verkaufskandidat. Ein Abnehmer für den Bankdrücker fand sich aber nicht, und so steht er weiter auf der Gehaltsliste des 1. FC Union. Heldts einziger Winter-Transfer der Vorsaison floppt also auf ganzer Ebene.
„Gezeigt, dass er Tore machen kann“
Dabei war der Angreifer mit großen Hoffnungen nach Berlin-Köpenick gekommen, schließlich wusste er in der österreichischen Liga mit 43 Scorerpunkten in 100 Partien für Linz absolut zu überzeugen. Heldt schwärmte nach der Verpflichtung von Ljubicic als „großes Talent in seiner Altersklasse“ und frohlockte: „Er hat in den letzten Jahren für Quote gesorgt. Er hat nachweislich gezeigt, dass er Tore machen kann.“ Doch nicht nur das: „Auch seine Übersicht, Schnelligkeit und technischen Stärken werden uns weiterhelfen und dem Trainerteam mehr Möglichkeiten in der Offensive geben.“ Auch internationale Erfahrung brachte er durch Europacupspiele mit LASK und den Junioren-Auswahlteams Kroatiens mit. Für die U21 seines Heimatlandes erzielte er beispielsweise neun Tore in 19 Spielen – eine Quote, die viele internationale Clubs auf ihn aufmerksam machen ließ. Zumal er dann auch noch von Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic vor der Europameisterschaft 2024 in den vorläufigen Kader berufen wurde. Doch bei der EM in Deutschland durfte er dann doch nicht mitspielen, und der Durchbruch in der Bundesliga gelang ihm auch nicht. Ohne Frage wäre es für beide Seiten am besten, wenn sich im Winter ein Wechsel ergeben würde.
Dass ihn Baumgart wie gegen Heidenheim nicht einmal mehr in den Kader beruft, ist alarmierend. Der Ljubicic-Transfer dürfte als eines der teuersten Missverständnisse in die Club-Geschichte eingehen. Dabei hatte Ljubicic Anfang Februar beim 4:0-Sieg in Hoffenheim einen Traum-Einstand im Union-Trikot gefeiert, als er ein Tor und eine Torvorlage beisteuerte. Doch die auch damit verbundenen Erwartungen konnte er danach nie mehr erfüllen. Ihm wird unter anderem fehlende Durchschlagskraft vor allem gegen körperlich robuste Verteidiger als Kritikpunkt vorgeworfen. Die Statistiken der Rückrunde in der Vorsaison, in der der Angreifer zumindest oft als Joker randurfte, unterstreichen dies: Ljubicic gewann lediglich 38 Prozent seiner Zweikämpfe, in Kopfballduellen waren es gar nur 27 Prozent. Auch die Passquote von 57 Prozent ist auf dem Papier katastrophal. Baumgart hatte im Frühjahr die Hoffnung auf einen sportlichen Durchbruch des Kroaten dennoch nicht aufgegeben: „Ich gehe davon aus, dass seine größte Chance dann in der Vorbereitung kommen wird.“ Doch die hat Ljubicic ganz offensichtlich nicht genutzt.