Die deutschen Tennisdamen wollten mal eben wieder aufsteigen. Doch im windigen Matsch von Portugal kam alles anders. Generell fehlt es an Nachwuchs.
Was für eine Premiere für die hochtalentierte 22-jährige Reinbekerin, die schon mit 17 Jahren Deutsche Meisterin war: Zwei Tage dauerte das erste Einzel zwischen Noma Noha Akugue und Matilde Jorge. Noma wartete und wartete, ob der Regen nachlässt, wann auf dem nassen Sand von Oeiras weitergespielt wird. Für volle vier Stunden war das für Deutschlands Wiederaufstieg in die Weltklasse so wichtige Match im Billie-Jean-King-Cup (BJK) gegen Portugal unterbrochen. Am späten Dienstagabend wurde es vertagt. Die Fortsetzung folgte am Mittwochmorgen. Da startete Noha Akugue beim Stand von 6:4, 2:5 mit Satzball gegen sich, wehrte diesen aber ab. Die BJK-Debütantin gab kein Spiel mehr ab und gewann den Satz mit 7:5. „Als es in die Regenunterbrechung ging, wurde es mental schwierig. Heute war das Wetter besser, was gut für mich war. Wir haben den Matchplan noch ein bisschen geändert, und ich habe mehr in ihre Vorhand gespielt“, erzählte Noma Noha Akugue nach ihrem Auftaktsieg. Die am besten performende deutsche Spielerin der BJK-Showdown-Woche stand zu dieser Zeit auf Platz 192 der Weltrangliste.
Wo bleiben die großen Talente
Zu den drei besten von 16 Nationen in der Regionalgruppe Europa/Afrika I zu gehören, hieß die scheinbar lösbare Herausforderung, die der neue Kapitän Torben Beltz nach drei Tagen Training vor Ort so beschrieb: „Das Team ist gut aufgestellt, ein sehr junges Team, und der Spielmodus ist sehr challenging. Back to back, drei Gruppenspiele. Gegen heimische Portugiesen, dann Schweden und Dänemark. Dann ohne einen Tag Pause weiter.“
Am Anfang der Woche stand die Mission zum Wiederaufstieg in die Weltgruppe. Jene Nationen-Weltgruppe, die seit 41 Jahren für die Damen der Tennisnation Deutschland als gewohnter Aufenthaltsort betrachtet wird. Doch am Ende aller Anstrengungen erdete die Misere des Abstiegs in die Regionalgruppe II. Auf ein drittklassiges Level, auf dem noch kein deutsches Team bislang gelandet war. Obwohl Noma Noha Akugue bei ihrer Premiere in der Nationalmannschaft in drei von vier Matches brillierte und siegte. Auch wenn Ella Seidel bei ihrem zweiten BJK-Einsatz in ihrem zweiten Match am Marathontag gegen Schweden abends ihren Patzer gegen Portugal vom Morgen souverän wieder wettmachte und Anlass zur Hoffnung gab.
Wie das ganze junge Team, besonders an jenem Marathon-Mittwoch, an dem die deutsche Mannschaft gleich gegen zwei Nationen in insgesamt sechs Matches antreten musste. „Um 8 Uhr in den Bus gestiegen und um 22 Uhr wieder zurück“, beschrieb der ebenfalls debütierende Teamchef Torben Beltz die anstrengenden Open-Air-Gegebenheiten des BJK-Cups im regnerischen und windigen Portugal. „Gegen Portugal haben sich unsere Mädels gut verkauft. Gegen Schweden hatten wir einen guten Start.“
Nachdem Deutschland Ende vergangenen Jahres aus der Weltgruppe abgestiegen war, kämpfte sich das junge Team, ummatscht vom portugiesischen Regen, durch ein Match nach dem anderen an jenem 14-stündigen Marathontag. Kein leichtes Unterfangen, zumal mit nur wenigen unterstützenden Menschen auf den Rängen am Spielort unweit von Lissabon. Neulinge und wenig erfahrene Nationalmannschaftsspielerinnen unter sich. Mit guter Stimmung, aber noch zu wenig Erfahrung miteinander und flatternden Nerven angesichts der großen Herausforderung.
Keine Perspektiven im Doppel
Das Match zwischen der Weltranglisten-85. Seidel und Kajsa Rinaldo Persson nahm unter Flutlicht seinen Lauf. Seidel zeigte, was sie eigentlich draufhat. Durch ihren 6:1 und 6:3-Erfolg sorgte die 21-Jährige für ein 1:1 zwischen Deutschland und Schweden. „Das letzte Match von Ella war eine super starke Leistung. Sie wollte zeigen, was sie kann, und hat ein super Sandplatzmatch hingelegt. Sie hat sehr abgeklärt und ruhig gespielt, das war ein Schritt in die richtige Richtung“, lobte Beltz, der einst Angelique Kerber zu ihrem ersten Grand-Slam-Sieg geführt hatte. Doch die gegen beide Nationen verlorenen Doppel-Partien machten die Einzel-Erfolge der Deutschen zunichte.
Doppel läuft im deutschen Tennis immer noch nebenher. Aus Facebook-Sicht der ehemaligen Bundestrainerin und doppelten Grand-Slam-Doppelsiegerin Claudia Kohde-Kilsch stellt das sogar ein entscheidendes Manko der jungen deutschen BJK-Damen dar. Doppel-Weltmeisterin Laura Siegemund und die erfahrene Anna-Lena Friedsam fehlten bei den wichtigen Nationen-Doppeln besonders. Ohne sie schienen die Youngsters in den Doppel-Partien nicht so recht zu wissen, was zu tun war.
Daher entschied dann auch eine Doppel-Partie gegen Litauen zum bitteren Ende über den Absturz in die Drittklassigkeit – am Ausgang einer Woche gegen zweitklassige Mannschaften. Das war’s dann. Die ausgepowerten BJK-Jungspielerinnen wechselten von Portugal direkt zu ihren Auftakt-Matches in Stuttgart und unterlagen erschöpft auch dort. Doppeltes Pech, aber alles gegeben. Eine Runde weiter kamen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart von den deutschen Damen lediglich Laura Siegemund und Eva Lys. Die beiden Top-Spielerinnen hatten sich nach Verletzungen geschont, statt sich in die Strapazen von Portugal zu stürzen.
Ein Radikalumschwung auf die jüngeren Spielerinnen, die bislang kaum im BJK-Cup zum Einsatz kamen, war so ursprünglich nicht geplant. Außer Noma und Ella spielten die 20-jährige Tessa Brockmann, Nummer 277 der Weltrangliste, und Nastasja Schunk, derzeit auf Rang 364 der internationalen Wertung, weil die 22-jährige Tennishoffnung lange Verletzungspech hatte. Es kamen so viele Absagen wie noch nie von den Älteren, die in dieser Phase ihrer Laufbahnen mehr auf ihre Körper beziehungsweise ihre weiteren Karrieren achteten. Tamara Korpatsch und Anna-Lena Friedsam, sonst allzeit bereite und Cup-erfahrene Vertreterinnen der „Mittel“-Generation, brauchten noch Punkte vom Turnier in Linz, um bei den French Open antreten zu dürfen. Tatjana Maria, die früher trotz ihres Wohnsitzes in den USA oft dabei war, durfte sich über erfolgreiche Tage in Rouen freuen.
Laura Siegemund, die nimmermüde Überraschungsspielerin aus Schwaben, konzentrierte sich zum Einstieg in die Sandplatzsaison auf das direkt an Oeiras anschließende Prestige-Damenturnier in Stuttgart. Vor zehn Jahren gewann die 38-Jährige dort. „Ich wurde ganz normal gefragt, ob ich spielen möchte“, erzählte Laura im Eurosport-Interview am Rande des Stuttgarter Turniers über ihren Nicht-Einsatz beim Nationen-Cup in Portugal. „Ich habe es physisch nicht rechtzeitig geschafft und abgesagt“, sagte die Metzingerin. Und fügte hinzu: „Es ist natürlich bitter, dass die Mädels es ohne mich und jemanden der älteren Riege nicht gepackt haben.“
Rückkehr erst 2029 möglich
Eva Lys, die Durchstarterin des Jahres 2025, hätte im Einzel vielleicht Entscheidendes retten können. Seit 2022 war die 24-Jährige auf die Übernahme im Nationencup von den letzten der älteren Generation vorbereitet worden. Doch sie war schon beim Abstieg im November nur am Rand dabei. Die Strapazen der Nationen-Cup-Woche kurz vor Stuttgart wären wohl zu viel für das lange Zeit lädierte Knie und die problembeladenen Oberschenkel der Markenrepräsentantin gewesen. Was ein wenig irritiert, schaut man nur auf die Oberflächlichkeiten der Social-Media-Glitzerwelt, wo sie häufig strahlend aufploppt – und denkt man nicht daran, dass eine Autoimmunkrankheit bei Eva von einem Moment auf den anderen den Stecker ziehen kann.
Egal, ob Weltgruppe eins oder zwei, ob der Nationenwettbewerb Fed-Cup oder Billie-Jean-King-Cup genannt wurde: Auf die deutschen Tennisfrauen war früher stets Verlass. Auch wenn der Fahrstuhl mal ein Stück rauf- oder runter fuhr. In der Weltgruppe I der besten acht Nationen holte Deutschland in seiner goldenen Nationen-Ära mit Claudia Kohde-Kilsch 1987 und Steffi Graf 1992 sogar den Titel. Das Team um Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki stieg in den 2010er-Jahren wieder in die Weltgruppe I auf. Die „Golden Girls“ spielten 2012 in der Weltgruppe II, nahmen abermals den Aufzug zur Spitzenklasse und erreichten 2014 das Finale.
2026 ging die Rechnung des DTB nicht auf: Statt in die Play-offs für die Weltgruppe, in die drei von 16 Nationen einziehen konnten, führten zwei 1:2-Niederlagen und ein belangloser 3:0-Sieg mit hinterem Gruppenplatz in die Relegationsrunde gegen Litauen – und dort mit einem knapp verlorenen Doppel erstmals in die Drittklassigkeit der Regionalgruppe II. Eine Rückkehr in die Weltgruppe ist frühestens 2029 möglich. Doch das könnte dann auch der richtige Zeitpunkt sein, zu dem sich mehr der jungen Talente unter den Top 100 und im Doppelmodus etabliert haben könnten – und zu dem parallel die nächste Generation der unter 20-Jährigen schon ein wenig früher und intensiver in den Teamspielbetrieb einbezogen werden sollte.