Die deutschen Bahnrad-Asse wollen sich bei der WM durch eine Trendumkehr Rückenwind für die anstehenden Olympia-Ausscheidungswettbewerbe verschaffen. Weil Emma Hinze als „Lokomotive“ wegen ihrer Schwangerschaft ausfällt, dürfte die Anführerrolle „Methusalem“ zufallen.
Die Bahn-Sparte gehörte lange über den Radsport hinaus zu den erfolgreichsten Bereichen im deutschen Sport. Die Zeiten scheinen vorbei, seit mehreren Jahren sinkt die Erfolgsquote. Bei den Weltmeisterschaften in der zweiten Oktoberhälfte in der chilenischen Hauptstadt Santiago wollen die Asse von German Cycling (offiziell neudeutsch für: Bund Deutscher Radfahrer) durch eine Trendwende vor den anstehenden Ausscheidungswettbewerben für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles in die Erfolgsspur zurückkehren.
Für die Rolle als Leitfigur in Südamerika hatten die Bundestrainer Lucas Schädlich und Jan van Eijden ursprünglich einmal mehr die achtfache Weltmeisterin Emma Hinze vorgesehen. Doch weniger als zwei Monate vor Beginn der Titelkämpfe meldete sich die 27-Jährige, die als Gesicht des deutschen Radsports gilt, überraschend ab: Emma Hinze und ihr Trainer sowie Lebensgefährte Maximilian Levy, immerhin auch viermaliger Weltmeister, erwarten ihr erstes Kind. An Radrennen ist für die zweifache Olympia-Medaillengewinnerin vorerst nicht mehr zu denken.
Das Alter spielt keine Rolle
Durch die „Baby-News“ rückt nun besonders Roger Kluge in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Brandenburger ist ein alter Bekannter: Bereits vor mehr als 17 Jahren trat Kluge bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit Silber im Punktefahren ins Rampenlicht, reüssierte später auch als Straßenprofi, holte in der zweiten Hälfte der 10er-Jahre dreimal WM-Gold auf der Bahn – und feierte im Vorjahr in Kopenhagen durch seinen insgesamt vierten WM-Titel mit seinem neuen Madison-Partner Tim Torn Teutenberg nochmals eine Art sportliche Wiederauferstehung. Im Moment seines WM-Triumphes richtete Kluge aber schon vor rund einem Jahr den Blick gleich wieder schnell und weit nach vorne. „Ja, ich fahre nach L.A., das ist mein Ziel“, stellte der 38-Jährige lächelnd klar: „Das Alter spielt keine Rolle.“
Mit nicht weniger als einer nochmaligen Olympia-Teilnahme will Kluge abtreten – 2028 mit dann 42 Jahren. Dass sich der Rad-Routinier seinen sechsten Olympia-Start anscheinend wirklich zutraut, ist bemerkenswert, aber nachvollziehbar.
Vor allem aufgrund des Gold-Coups von 2024 mit Teutenberg. „Dass wir den Titel recht souverän herausgefahren haben, hätte ich vorher nicht geglaubt“, beschrieb Kluge den Überraschungserfolg als Grundstein für seinen nicht unbedingt erwarteten Masterplan für Los Angeles: „Wären wir vielleicht nur Fünfte, Sechste gewesen, hätte das vielleicht anders ausgesehen. Aber so hat jeder gesehen, dass wir trotz neuer Paarung weiter vorne mit dabei sind.“
Denn bei den Olympischen Spielen in Paris war Kluge noch an den eigenen Medaillenambitionen gescheitert. Nach einem Sturz seines Standardpartners Theo Reinhardt reichte es im Madison nur zu Rang sieben. Dänemark allerdings versöhnte den Altmeister an der Seite des 16 Jahre jüngeren Teutenberg noch mit dem Jahr 2024 und sorgte für neue Motivation.
Nach inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten ist Kluge eine Art Urgestein im deutschen Radsport. Dabei sorgte der Eisenhüttenstädter nicht nur im Bahn-Oval für Glanzlichter.
Auch auf der Straße ließ Kluge schon mehrfach aufhorchen. 2020 nahm der bullige Fahrer bei einer seiner insgesamt fünf Teilnahmen an der Tour de France sogar den letzten Platz in der Abschlusswertung in Kauf, um seinen damaligen Kapitän Caleb Ewan aufopferungsvoll und sicher nach Paris ins Ziel zu geleiten. Für dieses Zeichen von Charakterstärke erhielt der in Eisenhüttenstadt geborene Mannschaftssportler par excellence in der weltweiten Radsport-Community reichlich Anerkennung und Applaus – mehr sogar als für seinen Etappensieg beim Giro d’Italia 2017 als einzigem Tageserfolg bei einer der großen drei Rundfahrten durch Frankreich, Italien und Spanien.
Immer weniger WM-Medaillen
Nach seiner erfolgreichen und schon jetzt sehr langen Laufbahn stellt Kluge seine Los-Angeles-Ambitionen verständlicherweise allerdings unter einen einzigen Vorbehalt: „Vielleicht sagt der Körper irgendwann, jetzt geht es nicht mehr so gut, oder mir geht doch die Motivation verloren. Dann kann es auch sein, dass ich ganz schnell entscheide, aufzuhören. Ich werde dann noch den folgenden Winter dranhängen und mache dann Schluss. Ich schaue von Jahr zu Jahr.“
Von Jahr zu Jahr schauten zuletzt auch die deutschen Verantwortungsträger auf immer weniger WM-Medaillen. Noch bei der WM 2021 sammelten die BDR-Aktiven sechs Titel und fünf weitere Medaillen. Doch danach sank die Zahl der Regenbogentrikots sukzessive auf zunächst noch drei und 2023 noch zwei. Vor Jahresfrist in Kopenhagen war der Erfolg von Kluge und Teutenberg der einzige WM-Triumph für German Cycling. Auch insgesamt erreichten die deutschen Fahrer in Dänemark nur noch zwei weitere Podestplätze. Bei der WM in Chile soll der erste Schritt aus dem Tal zurück erfolgen – ein kleiner zumindest. Die eine oder andere Medaille sowie einige Topplatzierungen „wären“, so van Eijden, „eine gute Basis für die WM im nächsten Jahr in China, wo es um erste Punkte für die Olympia-Qualifikation gehen kann.“
Im Reich der Mitte will auch Emma Hinze wieder dabei sein. Eine ausgemachte Sache scheint ein Comeback auf die Bahn aber auch für die Mutter in spe selbst, die erst im Frühjahr aus einer selbst gewählten Auszeit nach den Sommerspielen in Paris zurückgekehrt war, noch nicht definitiv zu sein. „Ich habe so etwas auch noch nie erlebt. Aber Stand heute ist mein Plan schon, dass ich versuchen möchte, wieder in den Leistungssport zurückzukehren“, sagte Hinze bei der WM-Generalprobe Mitte September in Cottbus: „Ich trainiere auch noch nebenbei. Aber natürlich sieht das jetzt ganz anders aus. Ich merke, dass ich meinen Körper nicht so fordern kann – und das ist auch voll in Ordnung.“
Wenig Spielraum für junge Mütter
Ihre frühere Vierer-Kollegin Pauline Grabosch will sich – gerade vor der WM – noch nicht allzu viele Gedanken über ein Hinze-Comeback machen, das ihrer Meinung nach ohnehin nur unter veränderten Vorzeichen stattfinden könnte: „Natürlich kann auch für mich als Teamkollegin wichtig sein, dass Emma zurückkommt. Man ist dann aber nicht mehr nur Sportlerin, Freundin, Tochter, sondern dann auch Mama. Damit geht jeder anders um.“
Aufgrund bisher nur vergleichsweise weniger vollauf gelungener Comebacks von Topathletinnen nach der Geburt eines Kindes verweist Grabosch, ebenfalls eine Medaillengewinnerin bei Olympia und mehrfache Weltmeisterin, auf die weiterhin unzureichenden Rahmenbedingungen für junge Mütter im deutschen Hochleistungssport hin. „Ich persönlich würde es mir als Frau wünschen, dass die Rolle der Mutter mehr etabliert und normalisiert wird, dass man sich so einen Schritt zutraut und auch von einem System getragen wird“, sagt die 27-Jährige. Für Hinze könnte sich jedoch ihr persönlicher Ehrgeiz als ausschlaggebender Faktor erweisen. Denn nach ihren beiden bisherigen Olympia-Teilnahmen 2021 in Tokio sowie vor Jahresfrist in Paris fehlt der gebürtigen Hildesheimerin immer noch eine Goldmedaille in ihrer Sammlung. Derzeit allerdings sind die Sommerspiele 2028 in Kalifornien für Hinze nicht nur kalendarisch noch sehr weit entfernt: „Es hat früher schon sehr gekribbelt, wenn ich bei großen Wettbewerben nur zuschauen durfte. Aber gerade geht es tatsächlich, weil ich gerade etwas anderes habe, auf das ich mich freue.“ Nicht ausgeschlossen also, dass Roger Kluge in drei Jahren in Los Angeles womöglich wieder als Leitfigur auf Medaillenjagd gehen muss.