Drehbuchautor, Regisseur und Produzent James Gunn ist ein Big Player in Hollywood. Seit 2022 ist er Co-CEO des DC Universe. Mit uns sprach er über seine Neuschöpfung des Superman-Mythos, wer das Vorbild des Superhunds Krypto war und wie er seine Batterie wieder auflädt.
Mr. Gunn, Sie zeigen in Ihrem letzten Film die starke Superman-Figur sehr verwundbar und machtlos. Eine ziemlich mutige Entscheidung. Was hat Sie dazu bewogen, ihm diese menschliche Seite zu geben?
Superman ist jemand, der einen guten Charakter hat. Was nicht heißt, dass er immer das Richtige tut oder keine Fehler macht. Aber er glaubt eigentlich immer an das Gute und das macht ihn, in meinen Augen, auf eine sehr sympathische Art durchaus menschlich. Superman lebt allerdings in einer Welt, die alles andere als gut ist. Daraus entsteht ein Spannungsverhältnis, das ich sehr interessant finde. In meinem Film zeige ich auch, dass Superman sehr emotional sein kann. Aber genau deshalb lieben wir ihn doch. Natürlich ist Superman ein Außerirdischer – und zwar einer, der Planeten aus der Bahn werfen oder Wolkenkratzer hochheben kann –, doch ihn nur so zu zeigen, das wäre mir zu eindimensional gewesen.
Zu Beginn des Films sieht man, wie Superman total geschwächt im Schnee liegt und aus dem Mund blutet.
Ich wollte für den Zuschauer sofort ein neues Szenario schaffen, etwas, das man so noch nie gesehen hatte. Nicht bei Richard Donners Superman und auch nicht bei Zack Snyder. Diese Eröffnungssequenz setzt den Ton für den Film. Das war mir sehr wichtig. Aber mein größtes Anliegen ist, einen guten „Superman“-Film zu machen und nicht unbedingt auf Teufel komm raus etwas Neues zu fabrizieren. Und obwohl es auch hier jede Menge Pyrotechnik und CGI-Special-Effects gibt, zeige ich Superman als jemanden, der sich neu kennenlernt und mit dieser Erkenntnis zunächst ziemlich zu kämpfen hat. Ich meine, Superman blutend im antarktischen Schnee – was für ein einzigartiges Bild!
Er wird dann sehr spektakulär vom Superhund Krypto gerettet.
Ja, auch das hat man so noch nie gesehen. Krypto ist übrigens meinem Hund Ozu nachempfunden. Ozu ist extrem lebhaft. Er ruiniert unsere Einrichtung und zerkaut jeden Schuh, den er erwischen kann. Er hat sogar meinen Laptop gefressen. Er ist der schlimmste Hund, den man sich vorstellen kann. Da dachte ich eines Tages: Was wäre, wenn so ein verrückter Hund Superkräfte hätte? Krypto ist also eigentlich Ozu.
Sie haben einen relativ unbekannten Schauspieler als Superman gecastet. Warum ist Ihre Wahl auf David Corenswet gefallen? Und nicht auf den Hollywoodstar Nicholas Hoult, der dann Lex Luthor spielte?
Nick hat tatsächlich auch für die Superman-Rolle vorgesprochen. Aber er ist ein sehr kontrollierter Schauspieler, der mir nicht so unbefangen, so frei schien wie David. Er eignete sich viel besser für die Rolle von Lex Luthor, den er total überzeugend spielt, und zwar nicht als Verbrecher, sondern als jemanden, der sich eigentlich immer im Recht fühlt. Der große Unterschied zwischen Superman und Lex Luthor ist, dass Superman immer nur nach seinem Gewissen handelt. Lex Luthor ist es wichtig, wie er von der Außenwelt wahrgenommen wird, die er ja letztendlich dominieren will. Und deshalb setzt er auch all diese extremen Mittel ein, um Superman schließlich zu killen.
Und warum dann David Corenswet als Superman?
Für meinen Superman suchte ich jemanden, der die Menschlichkeit, Freundlichkeit und das Mitgefühl der Figur besaß. Und jemand war, den man umarmen möchte. Das alles habe ich dann in David gesehen. Und als ich ihn beim Vorsprechen mit Rachel Brosnahan als Lois Lane erlebte, war für mich die Sache klar. Die beiden haben auf Anhieb sehr gut miteinander harmoniert. Wenn man einen Film besetzt, ist es sehr wichtig, dass die Chemie zwischen den Schauspielern, die viel miteinander agieren, stimmt. David ist ein fantastischer Schauspieler. Wer ihn zum Beispiel in „Twister“ gesehen hat, wird mir da sicher zustimmen. Er hat mich sogar an Christopher Reeves erinnert, der Superman damals so glänzend verkörpert hat. David hat einen ähnlichen Charme wie Christopher. Und sie haben beide auch eine spielerische Leichtigkeit dabei, Superman zu verkörpern.
Was war denn für Sie die emotionalste Szene beim Drehen?
Ganz klar die Szene mit Clark Kent in diesem alten Haus, wo es überall schimmelig war. Ich stand hinter der Kamera und musste ständig mein Niesen unterdrücken, da ich eine allergische Reaktion auf diesen Schimmel hatte. Dabei war das eine Schlüsselszene im Film, bei der ich mir beim Schreiben wirklich sehr viel Mühe gegeben hatte, um es richtig zu machen. Ich hoffte inständig, dass ich den Take nicht ruinieren würde. Aber es hat zum Glück dann doch geklappt.
Sie haben sowohl Regie geführt als auch das Drehbuch verfasst und sind – zusammen mit Peter Safran –
der neue Chef der DC Studios. Im DC-Universum gibt es ja neben Superman zum Beispiel auch noch Batman, Wonder Woman, Supergirl oder Catwoman. Warum haben Sie Superman als ersten DC-Film ausgewählt?
Weil er der erste Superheld war. Mit ihm fing doch alles überhaupt erst an. Außerdem ist er natürlich auch ein außerordentlich wichtiger Superheld im DC-Universum. Folglich war Superman perfekt für den Neustart. Abgesehen davon war ich schon als Kind ein großer Fan von Superman, von Krypto und der restlichen Gang. Und natürlich habe ich auch den „Superman“-Film von Richard Donner aus den 70er-Jahren sehr geliebt.
Wenn Sie nicht völlig im DC-Universum gefangen sind, wie verbringen Sie dann am liebsten Ihre Freizeit? Was inspiriert Sie da am meisten?
(Lacht) Als ob ich jemals Freizeit hätte! Aber im Ernst: Da verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie, meinen Freunden, die ich seit 30 Jahren kenne – und meinem Hund. Da kann ich dann meine Batterie wieder ganz gut aufladen.
Sie legen im Film viel Wert auf Details. So sieht man zum Beispiel, wie sich die Haare von Superman im Wind bewegen, wenn er fliegt …
… gut, dass Sie das erwähnen. Es hat mich schon immer aufgeregt, dass in den anderen Filmen seine Haare wie angeklebt wirkten …
… und noch ein Detail: Der Chefredakteur der Tageszeitung „Daily Planet“ hat – ganz comicgerecht –
die ganze Zeit eine Zigarre im Mund. Allerdings ist der Stumpen immer aus. Warum haben Sie ihn nicht angezündet? Ist das etwa der Political Correctness geschuldet?
(Lacht) Nein, das zeigt nur, was beim Drehen alles nicht so geklappt hat, wie es sollte. Es war eher ein technisches Problem. Wendell Pierce, der den Chefredakteur spielt, bestand tatsächlich darauf, dass er die Zigarre ständig im Mund hat. Aber vielleicht ist es ganz gut, dass sie nicht brennt. Denn in Amerika reagiert man auf das Zigarettenrauchen – und sogar auf das Zigarrenrauchen – sehr empfindlich. Wir in Hollywood bekommen sehr oft Probleme, wenn in den Filmen, die wir ja für ein weltweites Publikum machen, geraucht wird.
Was macht Superman menschlich und was macht uns Menschen super?
Eine interessante Frage. (Lacht) Ich glaube, wir gehen in einen „Superman“-Film, weil wir so sein wollen wie er: Wir wollen fliegen, diese Superkräfte haben und Röntgenstrahlen aus den Augen schießen können. Und dann sehen wir, dass Superman sich nichts sehnlicher wünscht, als menschlich zu sein. Er fühlt sich vereinsamt. Und er will, dass ihn die Leute lieben, und dass er imstande ist, zu lieben. Und die Superkräfte, die wir Menschen haben? Ich hoffe, das ist die Bereitschaft, sich um diejenigen zu kümmern, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen.
Ein aktueller Wirklichkeitsbezug ist, dass – wie im Film – in naher Zukunft die Menschheit wohl von superreichen und supermächtigen Konglomeraten regiert wird, wie zum Beispiel der LuthorCorp …
… oh ja, das ist wirklich eine sehr große Gefahr für die Menschheit. Ich befürchte auch, dass die Macht in Zukunft weniger bei staatlichen Institutionen liegen wird, sondern eher bei mächtigen privaten Unternehmen. Genau dieses Dilemma spiegelt sich auch im DC-Universum wider – wer hat da die Kontrolle? Welches Unternehmen wird die Oberhand bekommen? Wer wird aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen?
Was können wir von weiteren DC-Universe-Movies erwarten?
Sie werden alle sehr verschieden sein. „Superman“ ist sicher ein familienfreundlicher Film, wir lernen Superman auf eine so intime Art und Weise kennen wie noch nie zuvor. Ein Universum, das mir gefällt, ist eines, das Filme mit sehr unterschiedlichen Elementen hervorbringen kann. Unser nächster Film „Peacemaker“ zum Beispiel war dann erst ab 18 Jahren und wendet sich an ein erwachsenes Publikum. Oder „Supergirl“: Das ist eine lupenreine Space-Fantasy. Oder „Clayface“, ein Horrorfilm, ab 18 Jahren. Was mir an den DC-Comics immer sehr gefallen hat, ist, dass jeder Autor Charaktere mit eingebracht hat, die ihren ganz eigenen Stil haben. Und das führen wir so fort.
Eine ikonische Szene in allen „Superman“-Filmen ist, wie Clark Kent seinen Businessanzug aufreißt und darunter sein Superman-Outfit zum Vorschein kommt. Warum haben Sie keine solche Umkleide-Szene im Film? Etwa weil Ihr Superman seine Unterhosen über seinem Kostüm trägt?
(Lacht) Oh Gott … Was über Supermans Unterhose schon alles im Netz geschrieben wurde … Lassen Sie es mich so sagen: Einen dieser Kleiderwechsel zu zeigen war nicht nötig, weil sich Superman eben überall sehr schnell umziehen kann.