Landwirtinnen und Landwirte arbeiten seit Jahren inmitten des Klimawandels. In diesem Hitzejahr sei die Qualität überdurchschnittlich, die Menge jedoch nicht, so Alexander Welsch vom Bauernverband Saar.
Herr Welsch, wie macht sich der Klimawandel derzeit bei der Ernte bemerkbar?
Der Klimawandel ist da. Vor wenigen Jahrzehnten erntete man häufig noch im September. Als ich selbst jünger war, lag die Ernte meist Anfang bis Mitte August. Dieses Jahr sind wir – abgesehen vom Nordsaarland – im restlichen Saarland so gut wie durch, und der Juli hat noch zehn Tage. Dafür gibt es zwei Gründe: Die Sortenzüchtung hat reagiert und immer frühere Sorten hervorgebracht, um das optimale Erntefenster witterungsbedingt besser zu treffen. Und der Weizen reift ab, sobald er sein Korn voll hat – oder wenn zu hohe Temperaturen und Wassermangel das Signal zum Abreifen geben. Damit müssen wir umgehen: durch Sortenauswahl und veränderte Bodenbearbeitung.
Der Landwirt lebt also längst mit und im Klimawandel. Wo stößt seine Anpassung an ihre Grenzen?
Vor etwa fünf bis zehn Jahren wurde diskutiert, ob man andere Kulturen anbaut, zum Beispiel Soja oder Kichererbsen. Das hat sich im Mittel der Jahre nicht durchgesetzt. Soja braucht im Sommer Regen, der bleibt häufig aus. Kichererbsen brauchen es vollsonnig und haben am liebsten trockenes Wetter – das bekommen wir in den Regensommern, die es nach wie vor gibt, ebenfalls nicht hin. Man muss also sagen: Der Klimawandel ist nicht beständig und extrem genug, um unser Portfolio komplett zu verändern. Mit Weizen, Raps, Roggen, Gerste, Mais und teilweise Hafer fahren wir in Deutschland nach wie vor am besten. Beim Hafer gibt es aber eine Anpassung. Statt der Sommerform, die man im Frühjahr aussät und im August erntet, geht man immer häufiger zum Winterhafer über. Der wird schon im Herbst des Vorjahres ausgesät und toleriert auch mal Frost – nicht richtig winterhart, wie zum Beispiel Weizen, aber genug für die milden Winter, die wir mittlerweile haben. Geerntet wird er etwa einen Monat früher als die Sommerform, dieses Jahr schon Mitte Juni statt Anfang Juli. Der Vorteil: Man nutzt die Winterfeuchte besser und bekommt bessere Hektolitergewichte – das Korn wird schwerer und größer, das passt besser zu den Anforderungen für die Weiterverarbeitung zu Haferflocken.
Wie sieht es mit der Wasserentnahme aus, gerade in diesem Dürrejahr?
Bei uns im Saarland wird praktisch nicht bewässert. Es gibt wenige Standorte mit Gemüseanbau und vereinzelt einen Kartoffelacker, die bewässert werden. Ansonsten betreiben wir Regenfeldbau. Wir leben mit dem Wasser, das da ist, und sehen keine Möglichkeit, Bewässerung in nennenswertem Umfang zu installieren. Wer bewässert, zapft eigene Quellen an oder die Saar, andere haben leitungsgebundene Versorgung oder Brunnen – die sind aber so gleichmäßig gespeist, dass die aktuelle Trockenheit erst mal keinen Einfluss hat.
Und wie fällt die Ernte in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr aus?
Die Landwirte haben mit einem lachenden und einem weinenden Auge geerntet. Wir gehen für das Gesamtsaarland von einer durchschnittlichen Erntemenge mit erheblichen lokalen Unterschieden aus, aber immer von überdurchschnittlicher Qualität. Es regnet nicht, also fehlt dem Getreide nichts, kein Pilzbefall, keine Verwitterung wie in nassen Jahren. Die Proteingehalte sind durch die Bank hoch, auch die Fallzahlen – ein Qualitätsparameter beim Weizen, aus dem sich die Teigfestigkeit ergibt – sind ultrahoch. Der Weizen als späteste flächenstarke Hauptkultur enttäuscht bei der Tonnage, hat dafür aber ein ultrahohes Hektolitergewicht. Und die Ernte läuft ohne Unterbrechung, planbar, entspannt – man muss nicht bangen, ob morgen noch mal ein Zeitfenster kommt, bevor es zu feucht wird.
Hat die Hitze auch Auswirkungen auf die Tierhaltung?
Ja, durchaus. Bei 40 Grad draußen geht die tierische Leistungsfähigkeit zurück. Für Kühe ist das nicht schön, die mögen es eigentlich am liebsten kalt. In diesem Hitzesommer reagieren sie mit geringerer Leistung. Die meisten Ställe sind mit Ventilatoren und Vernebelungsanlagen ausgestattet, sie kühlen durch Verdunstung zusätzlich. Insofern war das Wetter gar nicht so schlimm. Die Leistung braucht eine Weile zur Erholung. Wenn es wieder kühler wird, geht sie aber zügig wieder hoch.
Wie sieht es mit Getreide- und Düngemittelpreisen auf den Märkten derzeit aus?
Das ist der wunde Punkt. Mit der Ernte könnte man gut leben, aber nicht zu diesen Weltmarktpreisen. Auf dem Weltmarkt ist zu viel Menge vorhanden, und der Marktzugang für den größten Getreideproduzenten in Europa ist zu einfach: Getreide aus der West-Ukraine landet sehr schnell bei uns auf dem Markt, dabei gilt sie als Drittland, für das nur Grenzwerte statt Verbote für Pflanzenschutzmittel gelten. Wenn der Marktzugang zu einfach wird, wird der Druck für uns zu groß. Wir sind im Saarland dabei nicht konkurrenzfähig. Das ist eine politische Frage: Wie viel Versorgungssicherheit will man im Land haben, und muss man dafür sorgen, dass die Produktion vor Ort erhalten bleibt, auch wenn sie sich im Vergleich zu Anbaukosten anderer Länder nicht rechnet? Die globale Weizenernte schwankt um zwei bis vier Prozent um den globalen Verbrauch, bei Mais und Reis ähnlich. Diese wenigen Prozent Lagerbestand entscheiden, ob sich Preise halbieren oder verdoppeln.
Sie sagen, hochproduktive Landwirtschaft sei der bessere Naturschutz, warum?
Naturschützer sagen, Naturschutz sei immer Klimaschutz, entsprechend werden im Naturschutzbereich viele Maßnahmen gefördert, die auch im Saarland stark genutzt werden. Wir vertreten aber die Auffassung, dass hochproduktive Landwirtschaft der bessere Klimaschutz ist, statt Flächen zu pflegen, wobei man Ressourcen verbraucht, ohne nennenswert etwas zu produzieren. Nehmen Sie die Extensivlandwirtschaft: niedrigere und unsichere Erträge, etwa weil auf Pflanzenschutzmittel verzichtet wird. Trotzdem muss genauso gepflügt und gesät werden, und der Mähdrescher muss genauso über die Fläche, egal ob er fünf oder zehn Tonnen erntet. Der Kraftstoffverbrauch fürs Befahren und die Bodenbearbeitung bleibt weitgehend gleich, unabhängig vom Ertrag. Rechnet man das auf die Produkteinheit um, sieht die Bilanz anders aus als bei einer reinen Flächenrechnung, wie sie derzeit üblich ist. Aus meiner Sicht nicht der richtige Weg.
Wäre mehr Agroforst – die Kombination von Ackerbau und Bäumen – eine Möglichkeit, auf den Klimawandel zu reagieren?
Es gibt Einschränkungen: Die Maschinenarbeitsbreite wird begrenzt, und in nassen Jahren trocknet der Bestand schlechter ab, sodass man nicht mehr dreschen kann. Uns ist wichtiger, dass wir unser Getreide auch im nassen Jahr noch ernten können. Im Saarland gibt es meines Wissens nur einen Betrieb im Agroforstbereich. Unsere Landschaft hat ohnehin sehr kleine Schläge, mit Einschränkungen durch Gewässer, Wälder und Wege. Dazu kommen die Eigentumsstrukturen: Als Landwirt gehört einem meist nur ein Anteil einer Fläche. Man müsste erst großflächig Eigentum bilden, um überhaupt Bäume pflanzen zu können. Das Hauptargument gegen Agroforst bleibt für mich aber das nasse Jahr: Letztes Jahr war es lange trocken und wurde zur Ernte hin nass. Trocknet das Getreide nicht rechtzeitig, drohen nicht zehn Prozent weniger, sondern Totalausfall oder ein Erlösrückgang von fünfzig Prozent, weil vielleicht nur noch Biogasware übrigbleibt.
Die Proteste rund um den Agrardiesel – waren die zu voreilig? Hätte man vielleicht auf Subventionen für die Elektrifizierung setzen sollen?
Die Agrardiesel-Proteste waren richtig. Es gibt bis heute keine alternativen Antriebssysteme für große landwirtschaftliche Maschinen. Erste elektrifizierte Schlepper gibt es unter 100 PS oder als Hoflader, also für Maschinen, die nur zwei, drei Stunden täglich im Hofbereich laufen. Da ist die Batterietechnik angekommen, ähnlich im Weinbau. Bei uns aber müssen Maschinen manchmal 16 Stunden am Tag laufen. Zum Vergleich: Ein moderner Schlepper hat so um 180 bis 240 PS. Üblich beim Lkw sind 500 PS, aber der hat einen Fahrer mit Lenkzeiten und oft fest definierte Strecken. Beim Schlepper fehlt der Platz für die Batterie, und man kann das nötige Akkugewicht oft nicht sinnvoll verbauen. Deshalb bleibt Diesel noch auf Jahre richtig – auch mit Blick auf die Bestandsmaschinen.
Welche klimatischen Entwicklungen erwarten Sie, und wie stellt sich die Landwirtschaft darauf ein?
Wir erwarten immer wärmere Winter. Die Arbeitszeiträume im Winter sind durch Vorgaben schon eingeschränkt, etwa Verbote fürs Düngerausbringen oder für Bodenbearbeitung zu bestimmten Zeiten – unabhängig davon, ob es wärmer wird. Zusätzlich verändert sich das Schädlingsbild: Die Kirschessigfliege ist im Weinbau ein bekannter Vertreter, dazu kommt die Glasflügelzikade, die etwa Zuckerrüben mit dem SBR-Syndrom infiziert. Auf neue Schadbilder müssen wir reagieren, möglichst präventiv, notfalls mit chemischem Pflanzenschutz. Ansonsten wollen wir nicht in Bewässerung investieren, sondern Betriebsprozesse effizienter gestalten. Klar ist: Es wird sicher der eine oder andere ungünstig gelegene Schlag aufgegeben – einzelne Teilflächen, die dann irgendwann brachfallen.