Seit 2018 findet die Fahrradmesse „VeloBerlin“ auf dem Gelände des alten Flughafens Tempelhof statt. Auf 13.000 Quadratmetern überdachter Ausstellungsfläche präsentierten Mitte April mehr als 200 Aussteller etwa 300 Marken.
Seit inzwischen acht Jahren gastiert die „VeloBerlin“, die sich selbst auch als Fahrradfestival bezeichnet, jedes Frühjahr auf dem Gelände des alten Flughafens Tempelhof. Im Mittelpunkt standen auch in diesem Jahr Fahrräder für alle Lebensbereiche: Ob im urbanen Alltag, in der Freizeit oder im beruflichen Einsatz – City-, Kompakt- und Cargobikes zeigen, wie vielseitig moderne Mobilität heute gedacht wird. Auch beim Umweltschutz wird aufgerüstet: Nachhaltige Konzepte geben einen Ausblick auf das Radfahren von morgen.
Das riesige Flughafengelände bietet dabei großzügig Platz für Teststrecken und Fun-Parcours und ein Rennprogramm. Im Bühnenprogramm gab es eine Gesprächsrunde mit gleich zwei Fahrrad-Champions: dem 19-maligen Grandtour-Etappensieger Marcel Kittel sowie dem viermaligen Weltmeister im Einzelzeitfahren und fünfmaligen Tour-de-France-Etappensieger Tony Martin. Beide wollen nach der Rennkarriere jetzt als Väter und Mitgründer des Kinderradherstellers „li:on Bikes“ Kinder für das Radfahren begeistern. Im Designkonzept der Firma werden Sicherheitsaspekt und Recycelbarkeit der Fahrräder großgeschrieben.
Eine Innovation bei der Sicherheit von Kinderfahrrädern verkörpern die neuen nachrüstbaren Schutzbleche „Rowdy 2.0“ der deutschen Firma SKS, die über ein integriertes Rücklicht für Kinderräder verfügen. Weil Rahmen und auch Sattelstütze an Kinderrädern deutlich kürzer sind als an Erwachsenenrädern, war es bisher schwer, ein Schutzblech und ein Akku-Rücklicht gleichzeitig zu befestigen. Zudem wächst die SKS-Konstruktion mit, denn sie ist vom Kinder- zum Jugendfahrrad verwendbar, genauer von Rädern ab 20 Zoll bis 24 Zoll.
Beim ersten Messerundgang ist unschwer zu erkennen, dass sich der letztjährige Trend zum Lastenrad in allen Variationen – vom Kindertransporter über das Mountainbike bis zum Reiserad – fortsetzt. Wer im Alltag seine Lasten lieber auf seinem konventionellen Stadtrad transportieren möchte, für den hat der Berliner Tüftler Constantin Bartning (77) den „Fahrradsperrgutträger“, kurz „Fasgut“, erfunden. Bartning nennt es bescheiden eine „Ausweitung der Fahrradtasche“, mit der man besonders sperrige Sachen von A nach B bringen kann, für die man ohne Fasgut einen Fahrradanhänger bräuchte. Gegenüber einem teuren und aufwendigen Anhänger hat der Fasgut weitere Vorteile: Er kann sperrige, lange Sachen wie Stangen oder Verbindungselemente zwischen Regalbrettern senkrecht transportieren.
Lastenrad-Trend setzt sich fort
Seine Fasgut-Konstruktion erklärt der Erfinder so: „An einer senkrechten Holzplatte ist eine Packtaschen-Aufhängung der Firma Ortlieb angeschraubt, mit der Fasgut wie eine Fahrradtasche am Gepäckträger angehängt wird. An der senkrechten Holzplatte ist eine kleinere, waagerecht ausklappbare Träger-Platte befestigt. In dieses ‚L‘ kann ich Dinge hineinstellen und mit Gummigurten festschnallen. Zusätzlich gibt es in beiden Holzplatten Öffnungen zum Einhaken der Gurte.“ Bartning hat damit mühelos eine Kloschüssel, ein Kinderfahrrad und einen Weihnachtsbaum transportiert. Und: Fasgut lässt sich – trotz der recht hohen Traglast von 10 Kilogramm pro Seite – klein und platzsparend verstauen. Zusammengeklappt misst er 50 mal 60 Zentimeter und ist circa fünf Zentimeter dick.
Die Satteltasche mit Schnellverschluss für Bikepacking, der Ortlieb „Seat-Pack QR“, ist besonders für Mountainbiker und Rennradfahrer geeignet, die sich den Gepäckträger sparen wollen: keine umständlichen Laschen oder Schnallen. Das Quick-Release-System für die direkt unter dem Sattel angebrachte, abriebfreie Nylontasche hält bombensicher und ermöglicht ein schnelles Anbringen. Beim kurzen Trainings-Zwischenstopp im Café kann man nicht nur seine Wertsachen dann mit einem Klick an sich nehmen. Auch eine zweite Wasserflasche passt locker in die maximal 16,5-Liter-Volumen-Tasche. Der Clou des „Seat-Pack QR“: Die steife Platte am Taschenboden soll für zusätzliche Stabilität sorgen und dient gleichzeitig als Schutzblech gegen Spritzwasser.
Das Smartphone ist für die meisten von uns beim Fahrradfahren unverzichtbar. Eine einfache und umweltfreundliche Handyhalterung ist der „Ruberman“. Gefertigt aus alten Traktorreifen und einem Federstahlring, hält er praktisch jedes Handy bombenfest am Lenker. Kein Werkzeug und auch kein klobiger Adapter sind nötig, der dann dauerhaft das Handy verunstaltet und beim täglichen Telefonieren lästig ist. Der „Ruberman“ ist zwar schon ein paar Jahre auf dem Markt. In puncto Preis (14,95 Euro) und Einfachheit der Konstruktion und Handhabung ist er auf der „Velo Berlin“ aber immer noch ein herausragendes Produkt. Der stationäre Fahrradhandel ist nach Aussagen von Gunnar Fehlau vom Pressedienst-Fahrrad (PD-F) „das einzige Einzelhandelssegment, das derzeit wächst“. Das liegt auch an der zunehmenden „Artenvielfalt“. Alle Bedürfnisse werden vom Markt abgedeckt, alte Kategorien wie Stadtrad, Rennrad oder Mountainbike weichen zunehmend auf, und Mischformen werden immer beliebter. „Nie war die Wahrscheinlichkeit höher, dass jeder das für sich ideale Rad findet“, sagt Fehlau.
Toller Weg raus aus der Rollator-Ecke
Auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wird das Angebot größer. Spezialräder, die früher oft nur mit zeitraubendem Eigenbau oder als teure Sonderanfertigung zu haben waren, werden heute in großer Vielfalt und hoher Qualität angeboten. Ein besonderes Merkmal der deutschen Firma Hase Bikes ist die Fähigkeit, Räder individuell an nahezu jede körperliche Einschränkung anzupassen. Ob Handantrieb, Schulterlenkung oder Einhandbedienung – für fast alle Anforderungen wird eine Lösung gefunden. Und auch Dreiräder gewinnen besonders für Senioren an Bedeutung. Mit den kippstabilen Konstruktionen trauen sie sich, aufs Fahrrad zu steigen und damit wieder mobil zu werden. Das Hase-Dreirad mit dem lustigen Namen „Kettwiesel One“ ist mit Oben- und Untenlenker erhältlich und lässt sich perfekt auf die persönlichen Bedürfnisse anpassen, etwa durch die Einstellung des Radstands sowie die Anpassung von Sitzfläche und Lehne.
Solche modernen Spezialräder für Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen haben sich auf den Weg raus aus der „Rollator-Ecke“ und rein in unseren Mobilitätsalltag gemacht. Gina Lacroix von der Verkehrswendeagentur „cargobike.jetzt“ beleuchtet mit ihrem Kurzvortrag „stabil mobil“ den Status quo des „Spezialrad-Booms“ in den vergangenen anderthalb Jahren. In ihrem deutschlandweiten Testformat „stabil mobil“ stellt ihre Agentur neun Testräder bereit und sieht sich zudem in einer Vermittlerrolle zwischen den Endnutzern, sozialen Trägern, Kommunen und den Spezialrad-Herstellern. Ein Ziel von „cargobike.jetzt“ sei es, dazu beizutragen, dass die Krankenkassen die Kosten für Spezialräder als Regelleistung übernehmen.
Rücknahmesystem für Fahrradreifen
Die Marktdaten der Fahrradwirtschaft für das Jahr 2025 zeigen es deutlich: Die Fahrrad- und E-Bike-Flotte in Deutschland wächst weiterhin stabil und erreicht mit 90,6 Millionen Rädern einen Höchststand. Diese neue Dimension der Mobilität benötigt ein Nachhaltigkeitskonzept. Hier ist der deutsche Reifenhersteller Schwalbe aus Reichshof im Oberbergischen Kreis, der sich auch auf der „VeloBerlin“ präsentierte, schon seit einigen Jahren und immer noch ein Trendsetter. „Beim Recycling treibt die Firma Schwalbe die Automobilreifenhersteller vor sich her“, beobachtet Gunnar Fehlau vom PD-F. Denn Schwalbe hat das erste Rücknahmesystem für Fahrradreifen aller Marken geschaffen. Statt alte Reifen und Schläuche zu verbrennen, werden sie in Schwalbe-Recyclingboxen, die in Fahrradläden zu finden sind, gesammelt. Die dabei zusammengetragenen Rohstoffe wie rCB, also zurückgewonnener Ruß, der ein hochwertiges, kohlenstoffhaltiges Material ist, und Pyrolyseöl werden für die Herstellung neuer Schwalbe-Reifen eingesetzt. Der E-Bike-Trend, der in der Coronapandemie 2020 seinen Höchststand erreicht hatte, ist inzwischen in einer Phase der Normalisierung. Noch gibt es laut Gunnar Fehlau in der derzeitigen Benzinpreiskrise keine messbaren Auswirkungen auf den E-Bike-Verkauf. Mehr als 50 Prozent aller Strecken, die wir im Alltag zurücklegen, sind kürzer als zehn Kilometer. Die sind mühelos machbar mit dem E-Bike. „Der Blick auf die Tanksäule ist aktuell sicher ein gutes Argument mehr für das Fahrrad.“ Die aktuelle Energiekrise ist eine Chance, das Fahrrad weiter populär zu machen. Eine Popularität, die durch die rund 18.000 begeisterten Besucher bei der „VeloBerlin“ 2026 bestätigt wurde.