In Deutschland gibt es 104 Naturparks mit einer Gesamtfläche von rund zehn Millionen Hektar. In den Landschaften sollen Naturschutz, regionale Wirtschaft, Bildung, Erholung, Tourismus und Klimaschutz miteinander verbunden werden.
Zunächst ein Blick zurück. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war das Land ergraut, viele Städte lagen in Schutt und Asche. Der Wunsch nach hoffnungsvollem Grün in natürlich gewachsenen Kraftorten rückte ins gesellschaftliche Leben. Im Jahr 1956 wurde mit dem „Naturpark Saar-Hunsrück” die erste großflächige Kulturlandschaft offiziell unter Schutz gestellt, um Naturerhalt, Erholung und regionale Entwicklung zu vereinen. Fast 70 Jahre später sollte sich das Konzept der Naturparks jedoch grundlegend wandeln. Die Arbeit stützt sich auf vier zentrale Handlungsfelder.
Nachhaltiger Tourismus
Neben den klassischen Zielen wie dem Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt, der Landschaftspflege und der Renaturierung von Ökosystemen sowie nachhaltigen Tourismusangeboten mit naturfreundlichen Freizeitaktivitäten wie Wandern und Radfahren ist verstärkt die Umweltbildung (Bildung für nachhaltige Entwicklung, BNE) für alle Altersgruppen hinzugekommen. Dazu gehört die Zertifizierung von Kindergärten als „Naturpark-Kitas“, um das Naturverständnis der Jüngsten zu fördern. Ganz oben auf dem Maßnahmenkatalog stehen verbesserte Ausstattungen für Schulen, um Naturerfahrungen direkt vor Ort zu ermöglichen, die Umgebung spielerisch zu entdecken und den Wert intakter Natur früh zu begreifen, beispielsweise durch „Mobile Waldlabore“ oder „Streuobstwiesen mit Umweltbildungspfaden“. Diese bieten bedrohten Arten Lebensraum und ermöglichen gleichzeitig Schulklassen einen direkten Zugang zur Natur. Mit der Unterstützung von Partnern wie der Unesco, dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) oder den Nationalen Naturlandschaften (NNL) werden zahlreiche Bildungsinitiativen umgesetzt. Auch die Vernetzung mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR), dem Nabu und dem BUND spielt eine zentrale Rolle.
Erlebniswege und Mitmachangebote helfen auch Erwachsenen, die komplexen Zusammenhänge zwischen Ökologie, Klimawandel und dem täglichen Leben besser zu verstehen und Naturerfahrungen in den Alltag zu integrieren. Bildungsinitiativen wie die Ausbildung von Klimabotschaftern, die die Naturparkgäste für bestimmte Themen sensibilisieren, finden großen Zuspruch. Damit gestalten Kommunen, Landwirte, Unternehmen und Bürger ihre Heimatregionen aktiv mit. Das „Zurück-zu-den-Ursprüngen-Gefühl“ hilft, sich wieder mit der eigenen Heimat zu identifizieren. Hinzu kommen Regionalentwicklung und Unterstützung der Landwirtschaft. „Naturparks zeigen, dass Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung keine Gegensätze sind, sondern sich sinnvoll ergänzen können”, betont Friedel Heuwinkel, Präsident des Verbands Deutscher Naturparke (VDN). Ziel muss es sein, die natürlichen Ressourcen auch für kommende Generationen zu bewahren.
Die Vielfalt der deutschen Naturparks ist beeindruckend. Kaum ein anderer Schutzgebietstyp vereint so viele verschiedene Landschaftsformen und Lebensräume. Im Naturpark Altmühltal prägen beispielsweise bizarre Kalksteinformationen, Wacholderheiden und Trockenrasen das Bild. In Bayern, einer der ältesten Naturparkregionen, pflegen noch die meisten Schafherden Deutschlands die offenen Landschaften, die sonst längst zugewachsen wären. Die Hochlagen im Naturpark Südschwarzwald bieten hingegen Lebensraum für fragile und seltene Arten wie das Auerhuhn und den Feuersalamander. Im Feldsee, einem Karsee, der auch als das „dunkle Auge des Feldbergs“ bezeichnet wird, wurde das Baden sogar verboten, um den seltenen Unterwasserfarn Stachelsporiges Brachsenkraut, der in zwei Metern Tiefe wächst, zu schützen. Der „Naturpark Lauenburgische Seen“ in Schleswig-Holstein mit seinen Moränenlandschaften, Mooren und zahlreichen Seen ist ein Relikt der jüngsten Eiszeit. Bedrohte Wasservögel und Seeadler finden hier Rückzugsräume. Das Hollerather Knie im „Naturpark Nordeifel“ steht für Kontraste: Jedes Frühjahr verwandeln unzählige, hier wild wachsende Narzissen die Wiesen in strahlend gelbe Teppiche. Gleich nebenan ruhen die Relikte des Westwalls. Dort verlaufen Panzersperren und Bunkerreste, die an die Kriegsereignisse im Herbst und Winter 1944/45 erinnern. Sie dienen als Reflexionsfläche der Kunstinstallation „Zum ewigen Frieden“. Im „Naturpark Westhavelland“ in Brandenburg leuchten die Sterne in Deutschland am üppigsten und hellsten. 2014 wurde die „lichtärmste Region Mitteleuropas“ als erster deutscher Sternenpark (Dark Sky Reserve) ausgezeichnet.
Relikte der letzten Eiszeit
Der erste Nationalpark Deutschlands, der Nationalpark Bayerischer Wald, entstand 1970 und ist bis heute eines der bekanntesten Schutzgebiete des Landes. Hier galt von Anfang an das Prinzip „Natur Natur sein lassen“: Es sollten möglichst keine Eingriffe mehr durch den Menschen erfolgen, sondern es sollte Raum für die freie, natürliche Entwicklung von Wald, Moor, Fluss und Tierwelt gegeben werden. Heute gibt es in Deutschland 16 Nationalparks, die jedoch nur rund 0,6 Prozent der Landesfläche einnehmen. Die beiden Schutzkategorien ergänzen sich: Während Nationalparks dem reinen Prozessschutz dienen, verbinden Naturparks nachhaltige Nutzung, Naturschutz, Bildung und Regionalentwicklung der Kulturlandschaft. Die Verwaltung erfolgt auf regionaler Ebene, oft durch lokale oder regionale Naturschutzorganisationen und Kommunen, während Nationalparks den Ministerien unterstehen.
Aktuell gibt es in Deutschland 16 Biosphärenreservate, die sich über verschiedene Bundesländer verteilen. Beispiele sind der Naturpark Südschwarzwald oder die Rhön in Bayern. Diese ebenso speziell zertifizierten Gebiete sind neben Naturschutzarealen auch für nachhaltige Entwicklungszwecke von Bedeutung. Die Reservate sind Teil des 1971 ins Leben gerufenen Unesco-Programms „Man and the Biosphere“ (MAB). Seit 2015 gibt es die offizielle Unesco-Kategorie „Unesco Global Geopark“. In Deutschland gibt es acht dieser Geoparks: die Vulkaneifel, Terravita (Raum Osnabrück), die Geoparks Schwäbische Alb und Ries (Meteoritenkrater), Bergstraße-Odenwald, Muskauer Faltenbogen (grenzüberschreitend mit Polen), Thüringen Inselsberg – Drei Gleichen und Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen. Eine weitere Kategorie ist das 1992 ins Leben gerufene „Natura 2000“-Netzwerk, ein europäisches Netz von Schutzgebieten, das durch EU-Richtlinien wie die Vogelschutzrichtlinie (2009/147/EG) oder die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) geregelt wird. Es erstreckt sich von Gebirgen bis zu Küsten- und Flussgebieten und hat die Mission, gefährdete Arten und Lebensräume europaweit zu schützen. In Deutschland können sich die Schutzgebiete überschneiden, jedes hat aber eigene Zielsetzungen und eine eigene Verwaltung.
Die Herausforderungen durch den Klimawandel wachsen. Der Wechsel zwischen Starkregen, Dürren und starken Winden sowie die Schädlingsbekämpfung erfordern schnelle Anpassungen. Viele Naturparks setzen daher auf konkrete Klimaschutzprojekte: die Renaturierung von Mooren zur CO₂-Bindung, den Schutz artenreicher Wiesen und die Wasserrückhaltung durch Schwammlandschaften. Besonders erwähnenswert ist das „Humusprojekt“, das die CO₂-Bindung durch regenerative Landwirtschaft fördert.
Mehr Beteiligung der Bevölkerung
Neben den immer wieder neu aufwendig zu stellenden, befristeten Förderprojekten, finanziellen Engpässen sowie dem Fachkräftemangel in den Bereichen Umweltbildung und Management sehen sich viele Naturparks mit Nutzungskonflikten konfrontiert. Der wachsende Freizeitdruck, der Ausbau von Windkraftanlagen, intensivere Landnutzung und der zunehmende Flächenverbrauch durch Bebauung stellen die Balance zwischen Nutzung und Schutz immer wieder auf die Probe. Das Bewusstsein, dass Naturparks heute mehr denn je als Zukunftswerkstätten gebraucht werden, die zeigen, wie der Wandel zu einer klimafesten Gesellschaft gelingen kann, zeigt sich vor allem durch die vielen Kooperationen – das Miteinander von Mensch und Natur. „Naturparks sind lebendige Zukunftslabore, die zeigen, wie der notwendige Wandel zur Nachhaltigkeit konkret aussehen kann – nicht durch Verbote, sondern durch Kooperation, Innovation und regionales Engagement“, fasst Heuwinkel optimistisch zusammen.
Deutschland ist bereits sehr flächendeckend mit Naturparks abgedeckt, und die bestehenden Parks werden zunehmend zu größeren Gebieten zusammengefasst. Beim Ausbau der internationalen Zusammenarbeit, beispielsweise mit den Unesco-Geoparks und Biosphärenregionen, besteht jedoch noch Luft nach oben. Laut dem Verband Deutscher Naturparke (VDN) gibt es durchaus noch Möglichkeiten für neue Gebiete in Bundesländern ohne vollständige Abdeckung, wie beispielsweise in Teilen von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Dies hänge jedoch stark von politischen Entscheidungen, Förderprogrammen und regionalem Engagement ab. „Eine völlige ‚Flächendeckung‘ wird es vermutlich nicht geben, da Naturparks freiwillige, regionale Initiativen sind und nicht bundesweit ‚verordnet‘ werden“, so VDN-Präsident Friedel Heuwinkel. In den kommenden Jahren sei es wichtig, noch mehr Bildungsangebote zu generieren, um eine intensivere Beteiligung der Bevölkerung zu erreichen und natürlich eine noch stärkere Klimaanpassung auf Basis der Erfahrungswerte aus der 70-jährigen Geschichte der deutschen Naturparks. Was einst mit dem Schutz der Natur und der Gestaltung des touristischen Terroirs begann, ist heute längst zu einem umfassenden Beitrag zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen geworden.