Regisseur Michael Schwarz ist mit dem Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“ auf Kinotour und macht in Saarbrücken Station. Sein Protagonist, der Bestattungsunternehmer Eric Wrede, begleitet ihn.
Herr Schwarz, beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken hat ihr Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“ Uraufführung gefeiert, jedoch keinen Preis erhalten. Wie ist es danach weitergegangen?
Nach der jahrelangen Arbeit an diesem Projekt haben wir uns riesig über die Einladung in den Wettbewerb Dokumentarfilm des Filmfestivals Max Ophüls Preis gefreut – dort hatten wir auch mit unserem Kinodebüt „Die Kandidaten“ Premiere 2019. Es ist ein ganz tolles Festival für Uraufführungen, und über 600 Besucher und Besucherinnen haben sich unseren Film dort angeschaut – das Feedback war schon in Saarbrücken einfach großartig. Seitdem freuen wir uns über einen sehr guten Festivallauf. Besonders toll war die internationale Premiere auf dem Shanghai International Film Festival, einem der nur 14 sogenannten A-Festivals weltweit, zu denen auch Cannes, Venedig und die Berlinale gezählt werden.
Ein Dokumentarfilm lebt nicht allein vom Sujet, sondern auch vom Protagonisten. Wie haben Sie den Bestattungsunternehmer Eric Wrede für das Filmprojekt gefunden?
Ich hatte bereits 2018 von einer Freundin von Eric Wrede gehört und war dann auch im Rahmen der Lesetour zu seinem ersten Buch „The End – Das Buch vom Tod“ im Wiesbadener Schlachthof. Schon dort fand ich seine sehr authentische und trotz der Thematik auch manchmal humorige Art total spannend, dachte aber nicht sofort an einen Film über ihn. Das änderte sich, als ich in meinem persönlichen Umfeld zwei sehr negative Erfahrungen mit ziemlich unempathischen Bestattern machen musste – dann habe ich Eric eine sehr lange E-Mail mit meinen persönlichen Beweggründen zu einem Kinodokumentarfilm über ihn geschrieben. Anfang 2021 war ich dann die ersten Male vor Ort in Berlin und habe über ein „Praktikum“ in seinem Institut nicht nur die Arbeitsweise, sondern auch das gesamte Team nach und nach kennengelernt. Nach wie vor bin ich sehr dankbar, dass uns dann in der eigentlichen Produktion als gesamte Filmcrew so viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Ohne dieses Vertrauen und die enorme Offenheit aller Protagonisten, sowohl des Teams als auch der Kunden und Kundinnen, wäre ein Film wie dieser schier undenkbar.
Bestsellerautor Wrede plädiert in „The End – Das Buch vom Tod“ für einen anderen Umgang mit dem Tod. War es Ihre Absicht, dem mit filmischen Mitteln nachzufolgen?
Ich finde ja, dass es gar nicht so ein unglaublich anderer Umgang mit Tod ist, für den Eric plädiert, sondern einfach ein möglichst offener, individueller, der in der Hauptsache die Bedürfnisse der Angehörigen und Hinterbliebenen wirklich ernst nimmt. Das bedeutet insbesondere, viele und ausführliche Gespräche zu führen und zuzuhören, was Menschen genau in ihrer persönlichen Trauer eigentlich brauchen. Daher haben wir im Film auch genau diese sehr persönlichen Gespräche in den Fokus genommen, an die das Publikum sehr gut anknüpfen kann. Besonders wichtig war uns auch, subtil und präzise zu erzählen und in keinem Fall übermäßig zu dramatisieren. Im Schnitt war die Herausforderung, aus dem vielen Rohmaterial die Szenen zu verdichten und zu arrangieren, die uns mit unseren Protagonisten am stärksten in eine emotionale Verbindung setzen.
Nachdem ich „Der Tod ist ein Arschloch“ gesehen hatte, dachte ich: Vor meinem Tod sollte ich nach Berlin ziehen, um Eric Wrede für das Begräbnis beauftragen zu können. Welche Reaktionen von Zuschauern kennen Sie?
Die bisherigen Feedbacks und Filmgespräche haben gezeigt, dass es einen enormen Bedarf gibt, sich zum Thema moderne Trauer- und Abschiedskultur auszutauschen. Und klar, die empathische Arbeitsweise von Eric und seinen Kollegen und Kolleginnen kommt beim Publikum sehr gut an und es gibt häufiger die Nachfrage, ob es denn auch weitere Bestatter gäbe, die ähnlich arbeiten. Die gibt es natürlich, inzwischen auch gar nicht mal so wenige, wobei man hier leider immer noch ein gewisses Gefälle zwischen größeren Städten mit durchaus breitem Angebot und ländlichen Regionen hat. Toll sind für uns auch immer Rückmeldungen von Zuschauern, die nach der Vorstellung auf uns zukommen und durch den Film wirklich inspiriert wurden, sich persönlich nochmal ganz anders mit der Thematik zu beschäftigen. Wenn ein Film so etwas auslöst, hat er schon wirklich viel erreicht.
Die Deutsche Film- und Medienbewertung hat für „Der Tod ist ein Arschloch“ das Prädikat „besonders wertvoll“ vergeben. Der bundesweite Filmstart ist am 27. November. Glauben Sie, „Arschloch Tod“ kann an der Kinokasse Geld einspielen, oder kommt es eher darauf an, dass der Dokumentarfilm von einer Sendeanstalt ausgestrahlt wird?
Was wir vor einem Jahr niemals gedacht hätten, ist die große Kinotour, die jetzt im November in Kooperation mit unserem Verleih Mindjazz Pictures ansteht. In dem Rahmen kommen wir nach Saarbrücken in die Camera Zwo. Wir haben jeden Tag im November mindestens ein Screening des Films inklusive Filmgespräch, das ist für einen Kinodokumentarfilm schon eine außergewöhnlich lange Kinotour. Dass das Interesse am Film enorm groß ist, zeigt der tolle Vorverkauf. Nicht wenige Vorstellungen sind schon fast ausverkauft und das freut uns riesig. Unabhängig von der Kinoauswertung ist im weiteren Schritt natürlich auch geplant, die Doku über Streaming-Plattformen und im TV anzubieten, aber das wird erst im kommenden Jahr der Fall sein.
Sie haben mit Kameramann und Produzent Alexander Griesser 2009 Nachtschwärmerfilm gegründet. Bei Festival-Einladungen, auch international, sind Sie erfolgreich. Für „Der Tod ist ein Arschloch“ haben Sie Filmförderung aus Rheinland-Pfalz erhalten. Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Dokumentarfilmer in Deutschland und Mitinhaber einer Filmproduktion?
Rheinland-Pfalz war bis 2021 das letzte Bundesland ohne eigene Landesfilmförderung. Als diese dann für viele unerwartet in Form der Medienförderung Rheinland-Pfalz gegründet wurde, waren wir bereits gut in der Recherche zum aktuellen Projekt und konnten direkt einreichen. Für freie Dokumentarfilmende und Inhaber einer Filmproduktion in Rheinland-Pfalz ist diese Einrichtung enorm wichtig und wir haben für unser nächstes Projekt auch schon wieder Rechercheförderung von dort erhalten. Von daher blicken wir der Zukunft hier sehr positiv entgegen und freuen uns auch, dass das Publikum nach den schwierigen Corona-Jahren wieder den Weg ins Kino zurückfindet!