Wenn der True-Crime-Boom eine Kontroverse losgetreten hat, dann die über die Glorifizierung von Serientätern. Diese löst nicht selten eine Re-Traumatisierung bei den Angehörigen der Opfer aus.
T-Shirts, Tassen, Tattoos – die Konterfeis von bekannten Serienmördern zieren Merchandise-Artikel aller Art. Die Posterboys der Gräueltaten machen das Repertoire von Fanshops aus und erfreuen sich mehr denn je größter Beliebtheit. Die popkulturelle Rolle, die sie nicht erst seit dem Boom von „True Crime“ spielen, kann mit Sängern, Sportlern oder Schauspielern verglichen werden. Das liegt an dem medialen Hype, den sie bei ihrer Verhaftung und danach erfahren. Und der wiederum rührt von der Ungeheuerlichkeit ihrer Taten her, die oft unter dem Mantel einer gutbürgerlichen Existenz verübt wurden. Der Stoff ist so „gut“, dass extrem von gesellschaftlichen Normen abweichende Verbrechen Inspiration für unzählige Verfilmungen geliefert haben – und das nicht erst seit der „Monster“-Trilogie bei Netflix. Einer der gefeaturten Serienmörder ist Ed Gein. Seine wahnhafte Mutterfixierung stand bei der Verfilmung von Alfred Hitchcocks „Psycho“ Pate. Außerdem diente er als Inspirationsquelle für andere bekannte Horrorfilme, wie „Blutgericht in Texas“ oder „Das Schweigen der Lämmer“. Die dritte Staffel von „Monster“ zeigt eine Gegenüberstellung zwischen der Geschichte Geins und dem immensen Einfluss, den seine Taten auf Hollywood hatten. Er war auch ein Idol für einige Nachahmer, die sich in Verhören auf ihn beriefen, wie die Serie „Mindhunter“ zeigt.
Die Banalität des Bösen
Grund für ihre Magnetwirkung ist – neben ihrer extremen Abnormalität – die Banalität des Bösen. Die meisten zu Ruhm gekommenen Serienmörder schafften es, bis sie gefasst wurden, jahrelang unerkannt zu leben. Insofern lebten sie wie einige Naziverbrecher ein unauffälliges Leben. Der überdurchschnittlich intelligente Edmund Kemper hing sogar regelmäßig mit Polizisten ab, die ihn als sympathischen Zeitgenossen nebenbei mit Informationen versorgten. Die Faszination, die von solchen Serienmördern ausgeht, wird von einem Kontrast erzeugt: dem antisozialen Wesen ihrer Taten einerseits und ihren manipulativen Fähigkeiten andererseits. Die Frage, ob man nicht selbst neben einer Ausgeburt des Bösen wohnt, ist Teil des Interesses an wahren Verbrechen.
Im Fall extrem grausamer Akte entsteht eine Dimension von grotesker Gestalt. Die Kaltblütigkeit charismatischer, manchmal unscheinbar wirkender Individuen ist emotional schwer nachvollziehbar. Sicher gibt es relativ empathielose Menschen. Diese werden aber nicht gleich zu Serientätern. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Anteil von Serienmörderinnen gerade einmal bei sechs bis zehn Prozent liegt. Die Zahl der Frauen, die sich von kaltblütigen Killern angezogen fühlen, ist hingegen sehr hoch. Beim True-Crime-Boom überragt der Anteil an weiblichen Fans. Nach einer Studie verbringen Frauen ungefähr doppelt so viel Zeit beim Streamen von True-Crime-Podcasts. Der Grund ist aber nicht die Attraktivität der Serientäter, vielmehr ist es das Bedürfnis, durch Wissen Kontrolle herzustellen. Dass ausgerechnet die „Stars“ der grausamsten Verbrechen Liebesbriefe ins Gefängnis geschickt bekommen, liegt natürlich an einer psychischen Disposition. Psychiater und Autor Borwin Bandelow nennt vor allem zwei Phänomene im Zusammenhang mit der Attraktivität von (Serien-)Killern auf Frauen: Einmal gibt es das sogenannte „Rotkäppchen-Syndrom“, eine krankhafte Faszination für alles Animalische. Diese Frauen suchen nur nach dem starken Alphamännchen. Auf der anderen Seite steht das „Amiga-Syndrom“. Es beschreibt die Verklärung der Taten als das Zusammentreffen unglücklicher Umstände. Die Liebe und der Glauben der Frauen sollen den Übeltäter wieder auf den rechten Pfad bringen. Einer, der es wegen Frauenmorden zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat, wurde gar zu einem der größten Charmeure. Ted Bundy, der auch als „Lady Killer“ bekannt wurde, hatte so viel Charisma, dass er seinen weiblichen Opfern gefährlich nah kommen konnte. Man nahm ihm aufgrund seiner Intelligenz und seines autoritären Auftretens sogar die Polizistenrolle ab.
Bei Ryan Murphys („American Horror Story“) Verfilmung zur Geschichte von Ed Gein wird der Täter nicht nur einmal zum Objekt der Begierde. Frei erfundene Beziehungsgeschichten, wie die in der dritten „Monster“-Staffel, schaffen eine Romantisierung von Außenseitern, die für die Angehörigen von Opfern unerträglich ist. Des einen Lust ist des anderen Frust, selbst ohne fiktionale Anteile. Generell ist jede Verfilmung Jeffrey Dahmers eine nicht enden wollende Re-Traumatisierung für die Angehörigen seiner Opfer. Die ethischen und moralischen Fragen, die mit dem Zeigen von Verbrechen aus Täterperspektive einhergehen, liegen auf der Hand: Werden die Opfer damit nicht zur gesichtslosen Begleiterscheinung? Sorgt der „Held“ der Geschichte gar für Verständnis oder Sympathie, wenn man seine Sozialisierung ausgiebig darstellt? Und vor allem: Schafft es bei den Zeitzeugen und Angehörigen eine nicht enden wollende Ohnmacht? Wann wird man je abschließen können, wenn alle Jahre eine neue Version der Verbrechen gezeigt wird? Im Zusammenhang mit einer der erfolgreichsten Serie der Streaming-Plattform wurden die Angehörigen nicht einmal kontaktiert. Dementsprechend harsch fiel die Kritik zu „Dahmer“ aus.
Inszenierung durch Film, TV und Musik
Eine Ausnahmeerscheinung im Pantheon der Serientäter bildet Charles Manson. Er lebte kein bürgerliches Leben und war selbst nicht anwesend, als seine Anhänger die Tate-LaBianca-Morde ausführten. Schon als Jugendlicher war er hinter schwedischen Gardinen ein Dauergast. Und wenn er nicht im Gefängnis saß, umgab er sich mit prominenten Kunstschaffenden oder mit seiner sogenannten „Familie“ auf der Spawn-Ranch. Er gilt dennoch als eine der größten Kultfiguren, was nicht zuletzt an seinem charismatischen Äußeren liegt. Sein starrer Blick zierte mindestens so viele Shirts wie Che Guevara. Mit ihm teilt Manson das Ikonische, beide haben losgelöst von ihren Taten eine Art Markencharakter. Diente Manson zunächst als Provokation, die von einer Subkultur zum Schocken benutzt wurde, sah man ihn über die lange Zeit seines Gefängnisaufenthalts immer mehr in Film und Fernsehen. Seine Songs sind von vielen unterschiedlichen Künstlern, wie den Beach Boys, Guns N’ Roses oder Marilyn Manson interpretiert worden. Bis zu seinem Tod leugnete Manson eine Mitschuld an den von ihm angestifteten Morden.
Es gibt auch andere zum Mythos avancierte Figuren, die nicht einmal identifiziert wurden. Der populärste unter ihnen ist wohl der sogenannte Zodiac Killer, dem David Fincher einen langen, überaus erfolgreichen Spielfilm gewidmet hat. Seine verschlüsselten Botschaften, die er zur Auflösung an die größten Tageszeitungen schickte, hielten eine ganze Generation an Hobbydetektiven und Freizeitkryptografen in Atem. Im Gegensatz zu den meisten anderen Berühmtheiten wollte er selbst zwar auch unentdeckt bleiben, die Öffentlichkeit sollte aber von seiner Existenz und seinen Taten wissen. Man hat ihn nie gefasst, und insofern besitzt der Zodiac Killer kein Gesicht, dafür aber ein Zeichen, mit dem er sich auch in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.
Hat True Crime schon immer Leute vor den Bildschirm gelockt – man denke nur an die „Aktenzeichen XY“-Fälle im ZDF – ist die Glorifizierung von kaltblütigen Serientätern ein mit der Content-Fülle an Fahrt aufnehmendes Phänomen. Jeffrey Dahmer war vor dem Netflix-Erfolg wohl nur wenigen Deutschen bekannt. Das hat sich ab 2022 schlagartig geändert. Während man sich dem Thema „Serientäter-Fame“ einst mit moralischem Zeigefinger genähert hat, wird heutzutage kommentarlos gezeigt, was Sache ist. Mit erzählerischen Freiheiten werden den Mördern unter Umständen sogar sympathische Charakterzüge zugedacht. Die Diskussion um ihre Glorifizierung wird jedenfalls mit immer mehr Filmmaterial an Fahrt aufnehmen.