Im Verkehrsbereich ist Deutschland nicht wirklich winterfest. Auch hier wurde in der Vergangenheit bei der Vorsorge viel eingespart, resümiert Ingo Wortmann, Präsident des Verbandes der Deutschen Verkehrsunternehmen (VDV).
Herr Wortmann, Winter und Verkehr, egal ob auf Schiene oder Straße, geht in Deutschland überhaupt nicht zusammen, oder?
Doch, das geht eigentlich gut zusammen. Wir haben natürlich einen Klimawandel, es wird im Schnitt wärmer, aber das heißt eben nicht, dass ganz normale Winterereignisse mit Schnee, Eis und Kälte nun nicht mehr vorkommen. Das ist nicht nur auf der politischen Ebene offenbar in Vergessenheit geraten, sondern auch bei den Verkehrsteilnehmern. Man muss sich auch ein bisschen anders verhalten, wenn man bei Schnee und Eis unterwegs sein möchte oder muss. Vielleicht einen Zug oder mit dem Auto früher losfahren und sich auf die Herausforderungen einstellen. Aber auch wir Verkehrsunternehmen müssen dafür sorgen, dass wir mit dem Winter klarkommen. Wir brauchen Geräte, um Schnee von den Anlagen, von den Gleisen zu beseitigen.
Aber zum Beispiel in Berlin ist im gerade vergangenen Januar der Straßenbahnverkehr über Tage komplett eingestellt worden, das ist doch nicht normal?
Ja, das ist bei ständigem Eisregen mehr als bedauerlich, und da möchte ich die Kollegen von der BVG in Schutz nehmen. Da haben wir nämlich in München vor einem Jahr ähnliche schmerzvolle Erfahrungen gemacht. Wir haben die Konsequenzen gezogen und Schneepflüge für die Trambahnen bestellt. Gerade bei den Trambahnen müssen die Gleise nach Betriebsschluss die ganze Nacht über frei gefahren werden. Sicher, das kostet Geld, da kann man natürlich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit stellen, wenn es immer weniger Winter gibt. Aber wenn wir dann doch ein außerordentliches Winterereignis haben, darf dies nicht Stadt und Land über Tage lahmlegen. Also müssen wir als Verkehrsunternehmen schon vorsorgen.
Wenn Bus- und Straßenbahnverbindungen über Tage gestrichen werden, wer kommt da eigentlich für die Verluste der Verkehrsunternehmen auf, wenn die nicht arbeiten können?
Also beim ÖPNV – Bus, Straßenbahn und Regionalzüge – wird sich der Verlustausfall für die Verkehrsunternehmen in Grenzen halten. Es gibt ja mittlerweile einen sehr hohen Anteil an Monatskarten, also vor allem dem Deutschland-Ticket, damit dürfte der Schaden für die Unternehmen wahrscheinlich überschaubar sein, wenn auch natürlich der Ärger bei unseren Kunden verständlicherweise riesengroß ist. Darum muss jedes Unternehmen gucken, was es im Winter macht und welche Gerätschaften es vorhält, um solchen Winterereignissen begegnen zu können. Sollte der unternehmerische Schaden größer sein, dann regelt den Ausgleich der geschlossene Vertrag mit den Kommunen.
Fahrgäste im Fernverkehr sind sauer, die Bahn AG hat allein auf die Ankündigung eines Wintereinbruchs hin flächendeckend die Verbindungen gestrichen. Was steckt dahinter?
Auch der Bahnfernverkehr ist ein hochkomplexer Bereich. Die Deutsche Bahn argumentiert, dass die Sicherheit der Reisenden vorgeht. Das ist sicherlich auch so. Am Ende muss man aber auch schauen, wie viel Schneeräumgerät hat die Bahn AG überhaupt noch, um Strecken wieder freizugeben. Ältere Leser werden sich an die riesigen Schneefräsen in den 70er- und 80er-Jahren erinnern, die über die Strecken fuhren und im hohen Bogen den Schnee von den Gleisen rechts und links rausschleuderten. Ich kann mich an extreme Winter im Schwarzwald erinnern, da waren die Strecken auch zu, aber die sind innerhalb von Stunden freigeräumt worden. Auch hier gilt wie im ÖPNV die Frage der Wirtschaftlichkeit, welches Schneeräumgerät hält man vor und was nicht. Ich bin dafür, eher mehr vorzuhalten, damit auch normale Winterereignisse schnell bewältigt werden können. Wir können es uns nicht leisten, über mehrere Tage hin nur ganz schlechten oder eben gar kein Verkehr bereitzustellen.
Laut Bahn-internen Gerüchten soll die vorsorgliche Streichung von Verbindungen wegen der Statistik geschehen sein: Gestrichene Züge können nicht zu spät kommen …
(lacht) … Naja, also so weit würde ich da nicht gehen. Es mag sein, dass es diesbezüglich Zielvereinbarungen gibt, die auf solche Kennziffern referenzieren. Ich gebe meinen Führungskräften bei der Münchner Verkehrsgesellschaft solche Kennziffern definitiv nicht, sondern es geht darum, den Betrieb so gut es geht aufrechtzuerhalten. Züge oder Bahnen streichen ist immer nur das letzte Mittel.
Es gibt zumindest etwas Positives bei der Personenbeförderung im ÖPNV: Die Fahrgastzahlen sind letztes Jahr gestiegen. Was sind die Gründe, trotz all der Schwierigkeiten?
Zunächst sind die Zahlen erfreulich. Fast zehn Milliarden Fahrgäste nutzten im letzten Jahr den ÖPNV, ein erneuter Zuwachs von fast einem Prozent. Allerdings sind wir in der Summe noch nicht bei dem Rekordhoch von 2019. Eine Rolle für die positive Entwicklung spielt das Deutschlandticket. Was mich freut: Trotz der Preiserhöhung zum 1. Januar von 58 auf 63 Euro im Monat hat das nicht zur befürchteten Kündigungswelle geführt, sondern die lag nach Bekanntwerden der Preiserhöhung bei unter sechs Prozent, was einer normalen Fluktuation entspricht.
Aber ÖPNV funktioniert nur bei einem adäquaten Angebot?
Selbstverständlich, damit steht und fällt der zukünftige Erfolg. Bislang machen wir als Verkehrsunternehmen in den Städten und in den ländlichen Umlandbereichen ein attraktives Angebot. Dazu kommt: Stau auf den Straßen und Autobahnen führt dazu, dass die Menschen auf ÖPNV umsteigen und sich davon überzeugen lassen …
… wenn Busse und Bahnen denn fahren ...
… Genau das ist der Schlüssel zum Erfolg: ÖPNV muss fahren, und ich sage auch ganz klar, wir müssen – und das ist unsere Hauptaufgabe – die Menschen gut von A nach B bringen, und das möglichst pünktlich. Das hängt von vielen Rahmenbedingungen ab, auch von politischen, aber unsere Aufgabe als Branche ist es, Fahrpläne aufzustellen und die dann auch einzuhalten. Dabei muss man bedenken, die Kosten der Verkehrsunternehmen sind deutlicher gestiegen als die Fahrpreise. Wir haben in den letzten Jahren erhebliche Steigerungen bei den Energiekosten, die Löhne sind, sicher zu Recht, erheblich gestiegen. Die Aufgabe ist jetzt, das Deutschland-Ticket preislich attraktiv zu halten und damit die Akzeptanz zu steigern. Das wird aber nur gehen, wenn uns Bund und Länder finanziell entgegenkommen und weitere Kosten übernehmen. Nicht nur ÖPNV, sondern auch der Bahnfernverkehr ist Daseinsvorsorge, sowohl bei der Personen- als auch bei der Güterverkehrslogistik.