Die Gletschermumie Ötzi hat das Schnalstal im italienischen Südtirol international bekannt gemacht und zog Filmemacher wie Touristen an. Trotzdem blieb man sich treu und setzte weitblickend auf hochwertigen Tourismus ohne Après-Ski-Exzesse und Halligalli.
Ötzi ist die Nummer eins. Weltweit! Davon ist man im italienischen Südtirol felsenfest überzeugt. Keine Mumie sei bekannter. Nun gut, ein bisschen Lokalpatriotismus mag da vielleicht schon mitschwingen in den Ötztaler Alpen. Verständlich, schließlich wurde der Eismann dort gefunden und ist mit 5.300 Jahren die mit Abstand älteste unter den berühmtesten Mumien weltweit. Da kommt nicht mal Tutanchamun mit. Gegen Ötzi ist der altägyptische König lediglich ein Youngster, segnete das Zeitliche vor „nur“ 3.300 Jahren. Trotzdem hat der Pharao die Nase vorn im globalen Bekanntheitsgrad, glaubt man zumindest den Analysen von ChatGPT und Co.
Egal, nach solchem Schnee von gestern steht Marc Junior, zarte acht Jahre jung, nicht wirklich der Sinn. Er hat weit Wichtigeres auf seiner Agenda. In zwei Stunden steigt das Abschlussrennen seiner Skischule und er will aufs Siegertreppchen. Unbedingt. Leider gibt es auch im Hier und Heute knallharte Konkurrenz: Da ist vor allem dieser Fünftklässler aus Thüringen. Der ist nicht nur einen ganzen Kopf größer, sondern hat im Winter schneebedeckte Berge vor seiner Haustür. Zwar mit zunehmend abnehmender Tendenz, aber zumindest doch hin und wieder mal. Klarer Vorteil gegenüber einem Flachland-Berliner. Da hilft nur eines: konsequente Risikobereitschaft, exzellente Technik und eine ordentliche Portion Adrenalin im Blut.
Wellness, Pizza, Außenpool
Dabei ging der Urlaub im beschaulichen Schnalstal eine Woche zuvor ganz entspannt los. Schon beim ersten Betreten des Hotels „Goldene Rose“ spürt das gestresste Vater-Sohn-Duo eine wohltuende Gelassenheit. Stefania und Paul Grüner begrüßen die neuen Gäste persönlich. Man fühlt sich willkommen. Das Ehepaar betreibt das kleine Traditionshaus in dritter Generation mit viel Liebe und Herzblut. Die edlen, mit hellem Holz getäfelten Zimmer strahlen eine wohltuende Wärme aus, und die exzellente alpine Küche verwöhnt selbst anspruchsvollste Gaumen. Hier werden zweifelsohne die besten Spinatknödel der gesamten italienischen Alpen serviert, da sind sich nicht nur die Schnalstaler sicher. Einfach göttlich. Das fand wohl auch der Michelin Guide und bedachte das Haus 2024 mit einem seiner begehrten Hotel-“Schlüssel“. Das Gesamtkonzept ist stimmig, das Haus wurde in den erlauchten Kreis der Small Luxury Hotels of the World aufgenommen.
Wer mit Kind und Kegel anreist, logiert hingegen meist lieber im Aktiv- und Familienhotel „Adlernest“. Hier geht es naturgemäß weit lockerer zu, dürfen die Kids auch mal im Restaurant richtig kleckern und laut sein. Ein Spieleraum mit Tischtennis, Tischkicker und Indoorkletterwand kann den Nachwuchs nach einem Tag im Schnee am Abend über Stunden beschäftigen, und eine Kinderbetreuung gibt Eltern auch tagsüber willkommenen Freiraum zum Abschalten, Wellnessen und Entspannen. Den schönsten beheizten Außenpool und die beste Pizza nördlich von Neapel gibt es hingegen im stylischen „Tonzhaus“, in bester Lage gleich neben der Wallfahrtskirche Unser Frau mit unverbaubarem Blick ins weite Tal.
Das Schnalstal bietet eine breite Palette an guten Unterkünften. Bettenburgen gibt es keine, von einer Bausünde von vor 50 Jahren mal abgesehen. Der späte Start des Tourismus mit dem Bau der ersten Liftanlage 1975 half, die Fehler der benachbarten Dolomiten weitgehend zu vermeiden. So wurde ein großflächiger Ausverkauf an Immobilien und deren Umwandlung in reine Ferienobjekte verhindert. Die meisten Bauernhöfe werden bis heute bewirtschaftet, und sie beliefern Häuser wie das „Adlernest“ oder die „Goldene Rose“ mit vorzüglichem Fleisch, knackigem Gemüse oder bester Bio-Milch. All das gibt Urlaubern das angenehme Gefühl, für ein paar Tage in eine intakte, behutsam gewachsene und auf Nachhaltigkeit bedachte Urlaubsregion einzutauchen.
Auch die Ski- und Rodelpisten der Alpin Arena Schnals sind selbst zu Zeiten wie Weihnachten und Ostern daher angenehm überschaubar. Traumhaft schön dazu. Dabei geht die rekordverdächtige Saison von September, wenn unten an der Adria noch die Beachclubs rappelvoll sind, bis in den Mai hinein, wenn die ersten Clubs schon wieder aufmachen. Das Gletscherskigebiet liegt schließlich auf über 3.000 Metern Höhe und wird von majestätischen Bergen gesäumt. Wenn dann noch die Sonne im Pulverschnee glitzert, liegt ein Hauch Magie in der glasklaren Luft.
Atemberaubende Aussichten
Wer hingegen keine Lust (mehr) auf Skier, Skateboard oder Schlitten hat, sollte sich wenigstens einmal die Schneeschuhe anschnallen und an der geführten Rundtour zu einer imposanten Eiswand und Gletscherhöhle teilnehmen.
Die Wanderung vom Skilift zur Höhle dauert nur eine gute Stunde, in der man ziemlich sicher sein kann, nach ein paar Hundert Metern niemandem mehr zu begegnen. Trotzdem ist sie herausfordernd. Auch mit Schneeschuhen sackt man ständig etwas ein und die Luft ist doch schon merklich dünner. Dafür werden die Wanderer mit atemberaubenden Aussichten links und rechts des Weges belohnt. Sie erfahren, wo Ötzi ein paar Kilometer weiter 5.300 Jahre im Eis steckte und warum ihn die drei mal sieben Meter breite Felsmulde, in der er lag, vor der zerstörerischen Kraft des sich fortbewegenden Gletschers verschonte.
Das Ziel lohnt jede Anstrengung. Die fast surreal blau schimmernde Eishöhle sucht ihresgleichen weltweit. Hier bekommt man eine vage Vorstellung, in wie vielen unzähligen Blautönen sich Licht brechen kann. Einfach schön! Nach einem kleinen Picknick im Schnee geht es zur Schutzhütte „Schöne Aussicht“ und dann 1.000 Meter bergab zur „Teufelsegghütte“.
Das alles hat sich nach dem Fund von Ötzi 1991 bis nach Babelsberg und sogar im fernen Hollywood herumgesprochen. Inzwischen sind zahlreiche große Filme in der archaischen Naturkulisse des Schnalstals gedreht worden, denn die Natur schuf hier ein Gesamtkunstwerk der Extraklasse und Künstler haben bekanntlich ein feines Gespür für die schönsten Fleckchen Erde.
Skischule ist ein Spaß für Kinder
Einzig unten an der Talstation Kurzras haben die Schnalstaler der Natur ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Da kann es dann schon mal eng werden. Mit Skiverleih, Skischule, Hotels und Pensionen, Restaurants und Liften konzentriert sich dort sozusagen das Epizentrum des lokalen Wintersports. Und trotzdem geht es weit entspannter zu als in den meisten Skigebieten der Alpen. So haben die Kinder der Skischule Schnalstal fast immer sehr viel Raum zum Kurvenkriegen und Bremsenlernen. Nach ein paar Tagen funktioniert das schon richtig gut.
Muss es auch, denn gleich geht es ja zum Abschlussrennen des Skikurses. Bei der starken Konkurrenz aus Thüringen setzt Marc Junior wie geplant alles auf eine Karte. Mit vollem Risiko, bestmöglicher Technik und ganz viel Adrenalin im Blut brettert der Junge die Piste herunter. Das Ergebnis? Bestzeit! Gold! Mumie Ötzi hält Silber. Und Tutanchamun? Rutscht auf Bronze.