Die Vorgeschichte zu „Manivelles“ rührt einen an: Während sich Marie Klock der eigenen Pediküre widmete, bebte in ihrem Istanbuler Apartment plötzlich die Erde. Nach dem ersten Schreck entschied sie spontan, erst einmal ihr Vorhaben zu vollenden. Bis sie eine Nachricht von ihrem musikalischen Partner Gözen Atila alias Anadol erhielt, der sie dazu drängte, sofort zu einem nahe gelegenen, erdbebensicheren Park zu eilen. Dort verbrachten beide eine lange Zeit teetrinkend, plaudernd und alsbald planend.
Was für dieses neue Album ausschlaggebend sein sollte: Klocks Schreibblockade löste sich unterdessen auf. Wie schön für uns. So lässt sich nämlich ein bezauberndes Werk erlauschen!
Als „Mixtur aus Folk, Kraut und Pop“ werden diese erstaunlichen Lieder beschrieben. Was schon irgendwie passt, aber ihrer Singularität letztlich nicht gerecht wird. Gar nicht leicht ist es indes, eine musikalische Verortung zu finden. So empfiehlt sich eine behutsame Analyse.
Marie Klock singt auf Französisch, außer beim expliziten Schlaflied „Henri“, welches sie auf Deutsch darbietet und ihrem Großvater gewidmet hat. Auch das ist anrührend, doch darf man diese zarte Weise mangels Klang-Finesse auch überspringen. Und sich beispielsweise dem verspielt pluckernden, kreiselnden, hüpfenden „Les histoires véritables de Gözen et Marie“ hingeben.
Der Titel verrät schon: Hier wird – wie überhaupt auf dem ganzen Album „Manivelles“ – Persönliches verhandelt. Auch das raffiniert verwinkelte „Rentrer à la Maison“ verweist ja offenkundig auf die Erdbebenerfahrung in Istanbul.
Dass das Duo während der ersten, noch recht improvisierten Aufnahmen in Paris außergewöhnliche, teils extravagante Tasteninstrumente (Hohner Pianet, Prophet-5, Space Echo) nutzte, ist an vielen Stellen wahrnehmbar.
Die entstehenden Sound-Schwingungen wirken wirklich ungewöhnlich: opulent und filigran zugleich sind sie, immer warm und organisch. Moderne Synthesizer und Samples, ein Saxofon, Schlagzeug und Bass kolorieren dezent, aber strategisch klug.