Man beginne die Hörprobe des Albums „In The Low Light“ bevorzugt mit dem Titel „The Boatman“, der dritten Single-Auskopplung des grandiosen Werks. Wie sich die Strophen dieser brit-folkig zarten Ballade zu einem überwältigenden Refrain – getragen von einer flirrenden Hammond-Orgel – aufbauen, das ist ganz großes Kino. Von Vogelgezwitscher wird der Song adäquat verabschiedet. Man möchte wiederholt auf Repeat drücken, würde dann aber das weitere, wunderschöne, zutiefst bewegende Repertoire verpassen.
Zum Beispiel „In My Corner“, ein unglaublich intimes, country-affines Mutmach-Lied mit Banjo und Pedal Steel. Lucy Kitchen spürt darin ihrer noch sehr frischen Trauer um den kurz vor den Aufnahmen verstorbenen Ehemann nach.
Jedes Lied von „In The Low Light“ zeugt von diesem ganz persönlichen Prozess. „The Ways We Were“ ist wehmütige Erinnerung. Streicher streicheln die Wunden – und auch unsere Seelen.
Gleiches tun „Milk & Honey“ und „Olivia“, zwei filigran gepickte, gestrichene und getupfte Folk-Juwelen. Der warme Bass-Puls schafft zusätzlich Nähe. „Blue Light“ und „Chemo Song“ machen explizit keinen Hehl aus ihrem Thema, dem nackten Kampf ums Überleben. Zwischen der frappierend reinen Schönheit inniger Verbundenheit klingen Trotz und Durchhaltevermögen durch. Die dem Schmerz abgetrotzte Vertonung ihrer überbordenden Gefühle half der Britin, sich nach dem Verlust „langsam wieder selbst zusammenzusetzen“.
Indes: Auch ohne explizites Mitfühlen seitens des Hörers lassen sich diese Lieder als überragendes Repertoire feinster Folk-Grandezza identifizieren. Man sucht gedanklich Vergleiche, findet diese aber kaum. Joni Mitchell, Nanci Griffith, Emmylou Harris vielleicht.
Eine Gemeinsamkeit wäre mithin folgende: Auch Lucy Kitchens ungemein klare, herzerwärmende Stimme verbindet eine wunderbare Songhandschrift mit einer fantastischen Inszenierung mithilfe eines leuchtenden, vielfältigen, akustischen Instrumentariums durch kongeniale Begleiter. Ja, sich auf „The Boatman“ zu beschränken, wäre wirklich schade.