Die britische Rockformation The Kinks hatte mal einen richtigen Lauf. Das Quartett schob den Hardrock mit „You Really Got Me“ an und landete zwischen 1964 und 1968 regelmäßig in den UK-Top-Ten. Mit den Sarkasmus-Klassikern „Lola“ und „Apeman“ gab es 1970 ein kurzes Comeback, doch Europa schien der Band um das streitende Brüderpaar Ray und Dave Davies für immer den Rücken gekehrt zu haben: Nach 1968 hatten die Kinks nie mehr ein chartendes Studioalbum in ihrer Heimat. Nur in den USA hatten sie mit ihrem Richtung Konzeptalben schielenden Output Achtungserfolge.
Vor allem aus dieser Zeit bis Anfang der Achtziger stammen die zwölf Songs der ersten Disc der Kompilation „The Journey, Pt. 3“, die nun erschienen ist – und nicht nur diese Kompositionen gilt es (wieder) zu entdecken. Da ist das wunderschöne Dramolett „A Rock ’n’ Roll Fantasy“, das aus einer Zeit stammt, als die Band vor der Auflösung stand, und das Verhältnis der Davies-Brüder beleuchtet. „(Wish I Could Fly Like) Superman“ groovt auch nach bald 50 Jahren ordentlich. „Come Dancing“ hat sich seine Unbeschwertheit und Naivität bewahrt, obwohl Hauptsongschreiber Ray Davies darin den frühen Herztod seiner älteren Schwester behandelt – ein Meisterstück des erzählenden Poprock. „Destroyer“ bedient sich der Hardrock-Riffs ihres eigenen Klassikers „All Day and All of the Night“ und lässt eine Figur aus „Lola“ wiederaufleben.
Die von den Brüdern Davies sowie Schlagzeuger Mick Avory kompilierte Zusammenstellung lädt dazu ein, die Historie der Band näher zu betrachten. Denn obwohl sie in Europa aus der Öffentlichkeit verschwanden, beriefen sich Britpop-Bands wie Blur auf das Material, das die britische Spießigkeit sowohl aufs Korn nahm als auch abfeierte.
Von den Live-Qualitäten kann man sich auf Disc 2 überzeugen. Dort sind 16 weitere Songs enthalten, alle von Auftritten 1993 in der Royal Albert Hall. Hammersongs wie die Nonkonformitäts-Hymne „I’m Not Like Everybody Else“ oder „Dedicated Follower of Fashion“ oder „Death of a Clown“ sind einfach zu schön, um vergessen zu werden. Und das Ganze endet mit: „Thank you for the Days“.