Man merkt ihnen die 28 Jahre ihres Bestehens tatsächlich überhaupt nicht an. Jedes Album, jede Show wirkt wie eine Premiere: So frisch, so ungestüm, so fernab jeder Routine ist das, was The Wave Pictures im Studio und auf Bühnen zu zaubern pflegen. Seit ihren ersten Deutschland-Touren ist das so. Und sie kamen regelmäßig, bestimmt zwölf Mal.
Noch mehr Alben sind erschienen. Nicht jedes geht als Meisterwerk durch, aber ein halbes Dutzend schon – allen voran „City Forgiveness“ und „Long Black Cars“. Und höchst vergnüglich waren sie natürlich alle.
Denn: David Tattersall ist mit seiner Quengelstimme zwar kein großer Sänger im klassischen Sinne, aber er weiß zu berühren. Und er ist ein brillanter Gitarrist.
Franic Rozycki setzt einen eigensinnigen, wuchtigen Bass-Puls und Jonny Helm bearbeitet sein Schlagzeug noch immer wie ein enthusiastischer Schüler, der seiner Hochbegabung nicht traut. Und als Team sind sie einfach unschlagbar charmant, mitreißend und sympathisch.
„Gained/Lost“ (in etwa: Wie gewonnen, so zerronnen) folgt auf das Doppel-Album „When The Purple Emperor Spreads His Wings“ und schlägt den entspannt weitläufigen Vorgänger bezüglich Sendungsbewusstsein, Schärfe und Dichte um Längen.
Schon die Eröffnung „Alice“ bezeugt das mit großer Dringlichkeit und Selbstverständlichkeit. Natürlich fällt einem manch Hochverehrtes aus der Musik-Historie ein: Velvet Underground (insbesondere der Lou-Reed-Anteil), Jonathan Richman, Television, auch Neil Young. Letzterer wegen der genial uneitlen Gitarren-Soli, die auch hier an jeder Ecke lauern.
Tattersall liest viel (wahrscheinlich viel mehr, als er Gitarre spielt), und so lohnt auch jederzeit ein Blick in die von unter anderem Dylan Thomas, Franz Kafka und Charles Bukowski inspirierten Lyrics. Und irgendwie schwappt dieser Sinn für schräge Poesie sowohl in die famose Songhandschrift wie auch ins entfesselte, traumhafte Spiel.
Der letzte Track heißt „Worry Anymore“. Ja, es ist nicht zu leugnen: The Wave Pictures machen Musik zur temporären Zerstreuung aller Sorgen.