Die drei Kuppeln auf dem 120 Meter hohen Trümmerberg in Grunewald sind in ganz Berlin zu sehen und Sinnbild des Kalten Krieges. Es war die erfolgreichste Abhöranlage des US-Geheimdienstes in der Hochzeit des Ost-West-Konflikts.
Ihre Geburt verdankt die Field Station Berlin dem ersten schweren nachrichtendienstlichen Patzer der USA und Großbritanniens als Schutzmächte im West-Berlin der 50er-Jahre. Im Ortsteil Rudow, der zum amerikanischen Sektor gehörte, hatte die US-Armee einen 430 Meter langen Tunnel in den Ostberliner Bezirk – also in den sowjetischen Sektor – Treptow gebuddelt und dort einen Fernsprechknoten der Roten Armee unterirdisch angezapft.
Von Mai 1955 bis zum April 1956 hörten nun amerikanische und britische Militärspezialisten den sowjetischen Telefonverkehr und umfangreichen Fernschreibverkehr (in Morsecode) ab, beziehungsweise schrieben fleißig mit. Was die Alliierten-Nachrichtenexperten in West-Berlin elf Monate nicht ahnten: In den eigenen Reihen hatten sie einen Sowjet-Spion, der die Sowjets längst über den Tunnel informiert hatte. NSA und MI6 notierten geschönte Informationen der Roten Armee, auf jeden Fall keine Geheimnisse.
Ein Monstrum aus Stahl und Beton
Mit viel Presse-Tamtam enttarnte dann die Volkspolizei der DDR am 24. April 1956 den Tunnel. Dieser wurde angeblich durch zufällige Wartungsarbeiten der volkseigenen Telefonbauer entdeckt. Ging ja nicht anders. Der Sowjet-Spion in der US-Army musste schließlich geschützt werden.
Plötzlich waren die US- und britischen Geheimdienstler im Bereich technische Aufklärung blind. Doch im Berliner Grunewald war bis dahin ein stattlicher Trümmerberg entstanden, rein aus der Not geboren. Dort stand neben dem Teufelssee, eher einem Tümpel, der Rohbau der Wehrtechnischen Fakultät der Wehrmacht. Ein Monstrum aus Stahl und Beton, gleich einer mittelalterlichen Festung mit vier angedeuteten Wehrtürmen.
Da alle militärischen Anlagen aus dem Dritten Reich in Berlin zu verschwinden hatten, war guter Rat teuer. Schließlich gab der britische Stadtkommandant den Befehl – der bunkerähnliche Koloss stand in seinem Sektor –, dass die obersten Decken gesprengt und dann die Wehrmachtsruine mit Trümmerschutt aufgefüllt werden sollte.
Im Sommer 1956 war daraus ein Berg von 120 Metern geworden. Zum besseren Halt wurden die Trümmer mit Klärwerksschlamm und der Schlacke der West-Berliner Kohlekraftwerke verfüllt. Darüber kamen 20 Zentimeter Mutterboden. Vorläufer der späteren Field Station waren Radar- und Antennen-Lkw der US-Armee, die oben auf dem Berg postiert wurden. Doch schnell begriffen US- und britische Aufklärer den strategischen Vorteil des 120-Meter-Schutthügels mitten im Grunewald. Aus dem Abhörprovisorium auf Rädern wurden feste Bauten.
Das erste Radom, also die typische weiße Kuppel zum Schutz des Radars, stand bereits 1965. Sieben Jahre später sah die Anlage der heutigen schon sehr ähnlich. Problem bei den festen, gänzlich fensterlosen Fabrikgebäuden aus Stahl und Beton sollte der aufgeschüttete Trümmerberg darunter selbst werden: Standfestigkeit eher zweifelhaft.
Das US-Kommando der Berlin-Brigade löste es in typischer US-Army-Manier: Viel hilft viel. Damit die bis zu 30 Meter hohen Gebäude nicht wegsackten, wurden gigantische Beton-Fundamentplatten auf dem Bergplateau mit bis zu zwei Zentimeter dicken Moniereisen eingelassen. Diese „Vollbauweise“ sollte die Legendenbildung geradezu beflügeln.
Ab spätestens 1975 stand auf dem Berliner Teufelsberg, wie er vom Volksmund nach dem nahen Tümpel benannt wurde, die weltweit leistungsstärkste Abhöranlage der National Security Agency (NSA). Sieben Tage die Woche wurde im Dreischichtsystem der gesamte Militärfunkverkehr der Volksarmee der DDR, vor allem aber der Westgruppe der Roten Armee, abgehört.
Viermal für Qualität ausgezeichnet
Die Späher der Field Station Berlin konnten Signale bis zu 100 Kilometer auf polnischem Gebiet verfolgen. Viermal wurde das Field-Station-Command über dem Grunewald mit dem höchsten Verdienstorden der NSA für die hervorragende Qualität seiner nachrichtendienstlichen Ergebnisse ausgezeichnet.
Eines dieser Aufklärungs-Highlights führte zum Nato-Doppelbeschluss im Dezember 1979 und 1983 zur Nachrüstung in Westdeutschland mit Pershing-II- und Cruise-Missile-Atomraketen. Die Späher der Field Station hatten minutiös ab 1977 das Ankommen, Ausladen und Installieren der sowjetischen SS-20-Atomraketen auf dem Boden der DDR mitverfolgt.
Der Gegenseite, KGB und Stasi, entging die erfolgreiche Arbeit nicht, und einmal in knapp 30 Jahren gelang es ihnen, einen Spion direkt in der Abhöranlage zu installieren. Ein US-Soldat, der Geld brauchte: James W. Hall. Ab Dezember 1982 gelang es ihm, geheimste Unterlagen der NSA vom Teufelsberg in die DDR zu schmuggeln.
1985 wurde er ins US-Armee-Hauptquartier nach Frankfurt am Main versetzt. Dort spionierte er weiter, bis er durch Hinweise von einem Stasi-Überläufer 1988 vom Bundesnachrichtendienst in Pullach enttarnt werden konnte. Sein Helfer in Berlin, der ihn zur Stasi brachte, war der Automechaniker Hüseyin Yildirim, der in der zentralen US-Army-Werkstatt in den Andrew-Barracks auch Halls Wagen reparierte.
Hall schleppte in nicht mal drei Jahren mindestens 13.000 hochbrisante Dokumente im doppelten Boden seiner Sporttasche vom Teufelsberg. Yildrim kopierte diese, und Hall brachte sie dann wieder in die Field Station zurück. So einfach kann Spionage sein.
Mit dem Mauerfall kam dann das Ende der Abhöranlage, allerdings mit einem Großauftrag – direkt aus dem Weißen Haus. 1990: Mauer offen, die Wiedervereinigung in greifbarer Nähe, doch die damalige Beraterin von US-Präsident George Bush Senior, Condoleezza Rice, machte sich während dieses Prozesses große Sorgen.
Michail Gorbatschow drohte in dieser Zwei-plus-vier-Phase im Frühjahr 1990, von Sowjet-Generälen der Westgruppe gestürzt zu werden, so Rice in einem Interview mit dem Autor dieses Textes 1995 in Berlin.
Tatsächlich plante die Westgruppe der Roten Armee in der DDR einen Militärputsch. Gorbatschow sollte im April 1990 in die DDR reisen und im Hauptquartier der Roten Armee in Wünsdorf-Waldstadt festgenommen und wegen Verrats vor ein Militärgericht gestellt werden. Die NSA hatte frühzeitig die Informationen abgehört und über diplomatische Kanäle der sowjetischen Führung um den Generalsekretär der KPdSU, also Gorbatschow, zugespielt. Gorbatschow sagte den Besuch in der DDR ab, der Zwei-plus-vier-Vertrag kam zustande. Der Kalte Krieg war endgültig zu Ende. Zum ersten Januar 1992 war dann Schluss fürs US-Militär. Bis 1999 wurde zumindest noch das höchste Radom auf dem Hauptgebäude von der deutschen Flugsicherung weitergenutzt. Der Berliner Senat, nun Eigentümer des fünf Hektar großen Areals, hatte anfangs tolle Ideen, konnte aber vor allem mit den vielen Gebäuden nur wenig anfangen – und Berlin musste sparen.
Die komplette Anlage wurde 1996 an die Kölner Architekten Gruhl und Schütte für fünf Millionen D-Mark verkauft. Die hatten ebenfalls viel vor –
ein Luxushotel, dazu Eigentums- und Mietwohnungen, ein großes Tagungszentrum, und das mitten im Grunewald mit dem schönsten Ausblick über die Stadt, den es gibt.
Doch Umweltschützer und Anwohner drohten mit Klage, und die ohnehin halbherzig begonnenen Bauarbeiten wurden 2002 endgültig aufgegeben. Das Einzige, was tatsächlich fertig wurde, war eine Musterwohnung im dritten Stock des Hauptgebäudes.
Ab dann war die Anlage für die kommenden zehn Jahre sich selbst überlassen. Die Natur hatte sich bis dahin ihr Areal in dem Dreifachzaun-Sperrgürtel um die Field Station in atemberaubender Geschwindigkeit zurückerobert.
Der Autor dieses Textes bekam im Sommer 2002 einen Recherche-Auftrag vom ZDF. Es galt, den Eingang zum geheimen Atombunker unter der Field Station zu finden! Ausschlaggebend für die Annahme – wie oben beschrieben – waren die überdimensionalen Fundamentplatten unter den Gebäuden.
Der Eingang konnte nicht gefunden werden, weil es definitiv keinen Atombunker gibt. Die Anlage war 2002 noch fast in ihrem Urzustand, allerdings besenrein und ohne jegliches Inventar. Nur in der Kantine standen noch die Kochmöbel und im Field-Station-Speisesaal der Barbecue-Tresen.
Zehn Jahre später war der Zustand nur noch beklagenswert. 2013 wurde ein Verein zum Erhalt des noch übrig gebliebenen Innenlebens der Anlage gegründet. Seit zehn Jahren ist die Field Station öffentlich begehbar.
Seit 2018 stehen die Gebäude nun unter Denkmalschutz. Ein Alliierten-Museum ist mittlerweile ebenfalls dort eingezogen, und von Freitag bis Sonntag gibt es in den Frühlings- und Sommermonaten einen kleinen Biergarten im „Hof“ zwischen dem Haupt-, dem Kommandogebäude und der ehemaligen Cafeteria.