Winterspiele? Sommerspiele? Egal, Hauptsache Paralympics. So könnte das Motto von Johanna Recktenwald lauten, die in gleich zwei Sportarten ganz vorne mitmischt.
Ich bin ja schon noch in der Entwicklungsphase und kann noch ganz viele Schritte machen und noch viel dazulernen. Das ist schon ein Vorteil“, sagt Johanna Recktenwald. Die 24-jährige Para-Sportlerin aus Marpingen stapelt nicht etwa tief, aber sie ist reifer geworden. Auch deshalb hatte sie überhaupt nicht damit gerechnet, zur Para-Sportlerin des Jahres 2025 gewählt zu werden. Schon vor der Wahl war sie stolz, überhaupt zu den fünf Nominierten zu gehören, und sagte: „Ich habe mich so darüber gefreut, als ich das gehört hatte. Das war einfach mega. 2019 war ich nach meiner Bronzemedaille bei der WM als Nachwuchssportlerin des Jahres nominiert, aber als Para-Sportlerin des Jahres jetzt zum ersten Mal.“ Seit vergangenem Samstag steht fest: Recktenwald hat die Mit-Nominierten Anna-Lena Forster (Para Ski alpin), Maike Hausberger (Para Radsport) sowie Leonie Walter und Anja Wicker (beide Para Ski nordisch) hinter sich gelassen – wie schon so viele Kontrahentinnen in der Loipe. Entscheidend war neben der Gewichtung der erzielten Erfolge auch das Ergebnis einer Online-Umfrage. „Es ist schon ein tolles Gefühl, zu sehen, wie viele Menschen hinter einem stehen“, sagt Recktenwald.
Entscheidend zu ihrer Nominierung beigetragen hat Johanna Recktenwalds bisher größter Erfolg: Bei der Para-Weltmeisterschaft im Februar 2025 im slowenischen Pokljuka holte die Langläuferin und Biathletin den WM-Titel im Biathlon-Einzel in der sehbehinderten Startklasse über 12,5 Kilometer. „Das ist nach wie vor immer noch irgendwie unglaublich, weil ich einfach gar nicht damit gerechnet hatte“, sucht sie auch noch ein dreiviertel Jahr später nach den richtigen Worten: „Aber es war für mich unglaublich wichtig, weil ich dadurch Selbstbewusstsein bekommen habe.“ Vor ihrem WM-Titel galt sie deutschlandweit als Nummer drei. „Davon habe ich mich kleinmachen lassen, auch im Training. Jetzt weiß ich, dass ich die anderen beiden auch besiegen kann, und muss nur an mich selbst glauben“, sagt sie heute und ergänzt: „Das gibt mir voll viel Motivation für die Paralympics.“ Die nächsten Winterspiele stehen schon im März 2026 in den italienischen Städten Mailand und Cortina d’Ampezzo an. „Klar kann man jetzt sagen, dass ein höherer Druck auf mir lastet. Aber ich sehe das einfach als Motivation und freue mich drauf. Ich weiß jetzt: Wenn es gut läuft, laufe ich auch da um eine Medaille mit und muss mich nicht mehr kleinmachen“, betont sie selbstbewusst und nennt den Gewinn einer paralympischen Medaille als nächstes großes Ziel: „Egal, welche Farbe sie hat.“
Die Grundlagen für ihr erfolgreiches Jahr 2025 legte sie bereits im Jahr 2024: „Ich bin da recht gut durch den Sommer gekommen und war nicht allzu oft krank. Ich hatte zwar im November 2024 ein kleines Tief, aber im Februar und März 2025 lief es dann echt gut“, blickt Recktenwald zurück. Neben dem WM-Titel über 12,5 Kilometer im Biathlon sprangen nämlich noch drei WM-Silbermedaillen für sie heraus: im Biathlon über 7,5 Kilometer und in der Verfolgung sowie mit der Langlauf-Mixed-Staffel. Über 20 Kilometer Langlauf landete sie auf Rang fünf und legte nach der WM noch einen Weltcup-Sieg nach. Eine weitere wichtige Rolle spielte neben der Gesundheit auch die neue Begleitläuferin Emily Weiß. „Mit ihr hat es auf Anhieb sehr gut geklappt, und das ist ein wichtiger Baustein. Es macht bei mir schon viel aus, mich auch persönlich gut mit dem Guide zu verstehen“, ist Recktenwald dankbar und erklärt: „Sie kann mir gut zureden, und überhaupt die ganze Abstimmung auf der Strecke trägt schon einen wichtigen Teil zu den Erfolgen bei.“
Eng getakteter Wettkampfplan
Ein weiterer Faktor für die anhaltend starke Form könnte auch in ihrem zweiten Leistungssport-Standbein begründet sein. Johanna Recktenwald gehört nämlich nicht nur im Langlauf und Biathlon zur internationalen Spitze, sondern wurde 2025 auch zweimal Deutsche Meisterin und einmal Vizemeisterin auf dem Rennrad. Der Radsport hält sie nicht nur über den Sommer fit, sondern sorgt auch für Abwechslung – im Training, aber vor allem im Kopf: „Mir tut es für den Kopf immer gut, wenn ich nicht zu viel Zeit auf den Skiern oder den Skirollern verbringe und dazwischen was anderes einwerfen kann“, verrät Recktenwald. „Natürlich muss ich aufpassen, nicht zu viel zu machen. Denn wenn ich aus dem Wintertraining rauskomme, gehe ich fast direkt aufs Rad. Aber insgesamt ist es für mich ein guter Ausgleich, der mir einfach guttut.“
Im Moment ist sie allerdings voll im Ski-Modus. Nach einer Weisheitszahn-Operation lief der vergangene Oktober zwar nicht wie geplant, aber Recktenwald ficht so etwas nicht mehr an. Sie ist seit dem Gewinn des WM-Titels eben reifer geworden: „Ich lasse mich von so was nicht mehr stressen. Ich weiß, die Vorbereitung läuft noch lange. Jetzt trainieren wir auf Schnee und werden nach und nach in Fahrt kommen“, sagt sie voller Überzeugung und versichert: „Ich gehe das Ganze inzwischen lockerer an und nicht mit dem Anspruch, dass gleich alles perfekt laufen muss.“ Gerade erst ist sie in das Training auf Schnee eingestiegen und weilt dafür im italienischen Livigno. Anfang Dezember geht es schon zum ersten Weltcup des Winters nach Kanada, danach folgen zwei Weltcups in Deutschland, einer davon an ihrem Stützpunkt in Freiburg. Im Februar 2026 steht dann ein Trainingsblock auf dem Programm und der damit verbundene Feinschliff im Endspurt für die Paralympics, die am 6. März starten.
Auch neben dem Sportlichen läuft es bei der 24-Jährigen derzeit rund. Im vergangenen Jahr ist sie mit ihrem Freund in ihrer Wahlheimat Freiburg zusammengezogen. Schon seit September 2020 trainiert sie am dortigen Olympiastützpunkt. Inzwischen hat die Gesundheitspädagogik-Studentin bereits mit ihrer Bachelorarbeit angefangen, die sie nach den Paralympics fertigstellen will. Übrigens zum Thema „Stress im Leistungssport“. Ob sie einen Master dranhängt, will die Studentin jetzt noch nicht entscheiden. Klar ist allerdings: Der Leistungssport bleibt im Fokus. Denn: Nach den Paralympics ist vor den Paralympics. Im Frühjahr 2026 wird sie wieder die Skier gegen das Rad tauschen. Auch hier sind die nächsten paralympischen Spiele ihr Ziel – dann allerdings die Sommer-Ausgabe 2028 in Los Angeles. „Für die Vorbereitung habe ich dann ja nur anderthalb Jahre – die Zeit rennt einfach davon“, weiß Recktenwald und lacht.
Eine Sache gibt es, die ihr Leben als Profisportlerin noch etwas erleichtern könnte: ein Sponsor. „Es wäre schon cool, einen Hauptsponsor zu finden. Das würde so manches einfacher machen“, sagt sie. Zuletzt half ihr die private Community aus, als ihr eine erfolgreiche Crowdfunding-, also Geldsammel-Aktion, dank zahlreicher privater Spenden einen neuen Fahrrad-Rahmen finanzierte. „Das war schon Wahnsinn. Ein Riesen-Danke an alle, die mich unterstützt haben“, sagt Johanna Recktenwald und ergänzt: „Den Rahmen haben wir, jetzt fehlen noch die Komponenten.“ Vielleicht fällt ihr die Sponsoren-Akquise als Para-Sportlerin des Jahres 2025 etwas leichter.