Die Diskussionen über Deniz Undav in der Fußball-Nationalmannschaft wurden zuletzt sehr emotional geführt. Bundestrainer Julian Nagelsmann entschuldigte sich nun sogar öffentlich für eine Aussage bei dem Stuttgarter Stürmer.
Spieler, über deren Wert in der Nationalmannschaft öffentlich gestritten wird, gibt es vor jedem großen Turnier. Die „T-Frage“ über die Nummer eins im Tor beschäftigte die Bundestrainer in der Vergangenheit sehr oft, und auch Julian Nagelsmann blieb wegen der vielen Comeback-Forderungen an Manuel Neuer diesmal nicht davon verschont. Auch die „K-Frage“ nach dem Kapitän beschäftigte Volkes Stimme gern mal, da ist Joshua Kimmich aktuell aber unantastbar. Und des Öfteren gab es auch schon die „S-Frage“: Wer soll für Deutschland stürmen und die nötigen Tore schießen?
Früher herrschte mehr Konkurrenz
Die gab es vor vielen Jahren eher mal wegen Qualitätsüberschuss. Von den 70ern bis 90ern spielten Stürmer wie Dieter Müller, Klaus Fischer, Ulf Kirsten oder Karl-Heinz Riedle aufgrund der großen Konkurrenzsituation nicht so oft, wie es ihre Qualität hergegeben hätte. Torschützenkönige wie Roland Wohlfahrt, Uwe Rahn, Martin Max oder Michael Preetz hatten keine oder fast keine Chance, Stefan Kuntz kam trotz konstanter Torquote über Jahre erst spät zu DFB-Ehren. Und da Stürmer oft als eigen gelten, gab es immer wieder welche, mit denen der Bundestrainer nicht so konnte. In der Ära Joachim Löw sei da zum Beispiel an Sandro Wagner oder Max Kruse erinnert.
Ob Deniz Undav bei Julian Nagelsmann in diese Kategorie zu zählen ist, ist nicht verbürgt und auch nicht final zu beurteilen. Der Eindruck nach dem 2:1 im jüngsten Test gegen Ghana schien diesen Verdacht aber nahezulegen. Undav hatte vor heimischem Stuttgarter Publikum den 2:1-Siegtreffer erzielt und erklärt, es hätte „nicht besser laufen können“. Nagelsmann dagegen erklärte betont gleichgültig und offenbar auch wenig genervt: „Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut. Er hat, glaube ich, nur einmal den Ball berührt.“ Undav hätte das Tor wahrscheinlich nicht gemacht, „wenn er vorher 70 Minuten marschiert“ wäre. Und dass er die ihm angedachte Rolle durch das Tor geändert habe, sei „eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche ja nicht für die März-Maßnahme gemacht habe, sondern für die WM“.
Diese Rollengespräche hat der Bundestrainer im März mit all seinen Kandidaten geführt. Und ihnen erklärt, wo sie aktuell stehen mit Blick auf die WM. Undav soll auf Rang drei gestanden haben. Und die Berichte unterschieden sich, ob sich das auf die Position als Stürmer bezogen habe, als Zehner oder auf beides. So oder so: Ein Stammplatz ist für den aktuell mit Abstand treffsichersten deutschen Stürmer der Bundesliga trotz der Verletzungen und Formkrisen von Konkurrenten wie Tim Kleindienst, Nick Woltemade oder Niclas Füllkrug weit weg. Und sogar die Kader-Nominierung scheint so längst noch nicht gesichert.
Das hat zu öffentlichen Diskussionen geführt. Denn zum einen ist die Torquote das beste Argument für Stürmer, und Undav war in dieser Saison bei 25 Bundesliga-Einsätzen an 23 Treffern direkt beteiligt und erzielte 18 Tore selbst. Zum Zweiten ist der in Niedersachsen geborene Sohn einer Syrerin und eines Vaters mit kurdisch-jesidischer Familiengeschichte aus der Türkei mit seiner frechen und herzerfrischenden Art ein Publikumsliebling. Viele sehen in ihm einen Stimmungsnachfolger von Weltmeister Thomas Müller. Und Undav gefällt diese Rolle auch. „Natürlich merkt man, dass er jetzt weg ist, weil nur noch einer viel redet“, sagte er einmal lachend in Bezug auf Müller. Er selbst sei „nur am Sprücheklopfen“ und hoffe, „dass wir gute Stimmung haben. Ich habe nicht die gleiche Rolle wie Thomas, aber ich bin ähnlich offen wie er – nur mit einem anderen Slang.“
Karriere nahm spät Fahrt auf
Zudem können sich viele mit seinem Werdegang identifizieren. Weil er zu klein und etwas zu kräftig gewesen sei, wurde er bei Werder Bremen mit 15 aussortiert. Er hatte „die Hoffnung auf ein Profileben aufgegeben und nur noch zum Spaß weitergespielt“, ans Aufhören habe er „nicht nur einmal gedacht“. Unter Trainer Alexander Kiene kam in Havelse in der Regionalliga die Wende, obwohl er nebenbei eine Lehre als Maschinenführer machte. „Ich bin um 4 Uhr aufgestanden, mit dem Bus gefahren, musste dann nochmal 45 Minuten zu Fuß laufen. Den Weg dann um 14.30 Uhr zurück, direkt zum Training. Das habe ich zwei Jahre durchgezogen. Das war hart, aber sehr wichtig für mich.“ Über Royale Union Saint-Gilloise in Belgien ging es zu Brighton & Hove Albion in die Premier League. Dort hatten ihn schon nach holprigem Start viele auf dem Schirm. Der frühere Weltklasse-Stürmer Jon Dahl Tomasson erzählte dieser Tage im „kicker“, dass er Undav unbedingt zu den Blackburn Rovers holen wollte. Die am Ende die Aufstiegs-Play-offs nur wegen der schlechteren Tordifferenz verpassten. „Hätten wir Undav im Januar bekommen, hätten wir die Play-offs sicher erreicht“, sagte Tomasson, der mit Milan die Champions League gewann und selbst mal für Stuttgart in der Bundesliga spielte. „Es wirkt immer einfach, wenn man ein Tor nach dem anderen schießt“, sagte der Däne anerkennend: „Saint-Gilloise und Brighton arbeiten viel mit Daten, es ist also kein Zufall, dass ausgerechnet sie ihn geholt haben. Stuttgart hat mit dem Transfer alles richtig gemacht. Ohne diese speziellen Torjäger, wie er einer ist, wird es immer schwierig.“
Nagelsmann sieht das offenbar etwas anders. Für ihn ist im Sturmzentrum wohl Kai Havertz erste Wahl, auch wenn der bei Arsenal spielende Ex-Leverkusener eher eine „falsche Neun“ ist. Dahinter steht aktuell wohl Woltemade, obwohl Undavs letztjähriger Stuttgarter Teamkollege bei Newcastle United nach sehr ordentlichem Start schwächelte und im Jahr 2026 noch kein Tor erzielt hat.
So schlugen Nagelsmanns von manchen als abwertend empfundene Aussagen nach dem Ghana-Spiel hohe Wellen. Und der Bundestrainer räumte in der Magenta-Show „Bestbesetzung“ bei Johannes B. Kerner dann ein, sich längst bei Undav entschuldigt zu haben. „Es war ein unnötiger Satz, für den ich mich auch direkt am nächsten Tag bei Deniz entschuldigt habe. Das hat er Gott sei Dank angenommen und es ist auch alles in bester Ordnung zwischen uns“, sagte er: „Ich habe mich in dem Moment einfach ein bisschen triggern lassen von sehr vielen Nachfragen zu ein und demselben Thema. Es war nicht richtig und war auch in der Schärfe für die Öffentlichkeit viel zu forsch. Und da habe ich gesagt: ‚War blöd von mir, tut mir leid.‘“ Einen Anteil daran hatte wohl auch Nagelsmanns Ehefrau Lena, ehemalige Bayern-Reporterin der „Bild“-Zeitung. „Ich habe ihr gesagt, ich werde ihn anrufen, und dann hat sie gesagt: Ja, das rate ich dir auch. So kann man es zusammenfassen“, verriet Nagelsmann. Der Undav dann auch Hoffnung machte, dass der Status aus dem Rollengespräch nicht in Stein gemeißelt sei. „Im März war der Stand, dass er Herausforderer ist und dass er als Joker eine gute Rolle spielen kann“, sagte er: „Das hat er getan. An dieser Rolle kann sich immer auch etwas ändern. Aber das betrifft nicht nur Deniz, sondern alle Spieler.“
„An dieser Rolle kann sich etwas ändern“
Alles „in bester Ordnung“ also zwischen den beiden? Das darf trotz allem angezweifelt werden. Nagelsmann mag es, dass Undav „viel Humor“ in die Truppe trägt. Auch das hat er bei Kerner ausdrücklich eingeräumt. Doch in Bezug auf die Spielweise hat er andere Vorstellungen. Das ist für einen Trainer legitim. Die Aussagen im März waren tatsächlich unglücklich, die Entschuldigung aller Ehren wert, aber der öffentliche Weg fast schon ein wenig zu unterwürfig.
„Focus Online“ schrieb: „Nagelsmanns Entschuldigung widerlegt sein Ja-Sager-Problem.“ Der ehemalige Nationaltorhüter Oliver Kahn sagte bei Sky: „Es wäre natürlich auch möglich, du rufst den Spieler einfach an und sagst, ich bin da über das Ziel hinausgeschossen, und erklärst ihm die Situation, wie du sie siehst, und fertig. Das spricht sich dann sowieso irgendwann nach außen durch. Aber das jetzt öffentlich zu machen, hat halt so einen Touch.“ Weltmeister Roman Weidenfeller sagte gar, Nagelsmann habe sich damit „keinen Gefallen getan, erst forsch nach vorne zu gehen und dann zurückzurudern. Er stärkt sich damit nicht selbst, er schwächt sich ja eher damit.“ Sport1 spottete zum Beispiel, Nagelsmann habe „einen Einlauf von seiner Frau kassiert“.
Und Undav? Der macht es öffentlich durchaus clever. Er betont immer wieder seinen Ehrgeiz, stellt aber keine Forderungen an Nagelsmann. Und trifft einfach weiter. Dabei wäre ein Stammplatz für die WM auch für ihn ein wichtiges Argument. Denn mit dem VfB steht er gerade in Verhandlungen über seinen 2027 auslaufenden Vertrag. Mit 29 entscheidet er wohl über den letzten großen Vertrag seiner Karriere. Einer Karriere, die auch so schon einen ungewöhnlichen Verlauf genommen hat.