Regierungschef Mark Carney lässt sich von Trumps Zollkeule nicht einschüchtern
Wird Kanadas Premierminister Mark Carney im schockbeladenen Trump-Zeitalter zu einer Führungsfigur des Westens? Der Kanadier bietet dem US-Präsidenten jedenfalls Paroli, in Worten und Taten. Er lässt sich von Donald Trump nicht einschüchtern – und sei die Drohkulisse noch so groß. Als ihm der Amerikaner einen Handelsdeal aufzwingen wollte, ließ Carney die Verhandlungen am Wochenende platzen. Für Trump ein Affront. Noch in der Nacht zum Samstag verhängten die USA Zölle in Höhe von 50 Prozent auf eine Reihe kanadischer Güter, darunter Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein. Betroffen sind Waren im Wert von rund 20 Milliarden Dollar. Als Reaktion kündigte Carney Gegenzölle in gleicher Höhe ab dem 8. September an. Die Abgaben sollen auf Bereiche wie Stahl, Milchprodukte, landwirtschaftliche Ausrüstung und Elektrogeräte erhoben werden.
Trumps Kampagne vom vergangenen Jahr, Kanada als 51. Bundesstaat einzugliedern, hatte der Premier bereits kühl mit dem Hinweis quittiert, die Souveränität des Landes sei unverhandelbar. Die große Mehrheit seiner Bürger trug den Patriotismus-Kurs mit. Mit Blick auf Trumps neueste Muskelspiele schreckt Carney auch vor martialischer Sprache nicht zurück. „Wenn du angegriffen wirst, befindest du dich im Krieg“, retournierte er, „und wir wurden angegriffen.“ Ein krasser Gegensatz zur samtpfötigen Rhetorik von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die im Juni 2025 im schottischen Turnberry einen Handelsdeal mit Amerika unterschrieb, bei dem Europa viele Kröten schlucke musste.
Der sich hochschaukelnde Zollkonflikt ist erstaunlich. Die Volkswirtschaften Kanadas und Amerikas sind extrem verflochten. Laut US-Zensus ist Kanada nach Mexiko der zweitgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten. So seien seit Jahresbeginn bis Juni Waren im Wert von rund 200 Milliarden US-Dollar ein- und in Höhe von etwa 175 Milliarden US-Dollar ausgeführt worden. Trumps Kritik wegen des US-Handelsdefizits gegenüber Kanada sei besonders ironisch, da dies fast ausschließlich an der Einfuhr von schwerem Rohöl liege, spottete die Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“. Würde man das kanadische Öl herausrechnen, hätte Amerika einen Handelsüberschuss. Aber die US-Raffinerien müssten dann auch mit geringerer Auslastung arbeiten.
Kanadas Premier sieht jedoch den Handelskonflikt mit dem südlichen Nachbarn in einem größeren Zusammenhang. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar hielt Carney eine Klartext-Rede, die rund um den Globus Wellen schlug. Er sprach vom „Bruch in der Weltordnung“ und vom „Beginn einer brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinen Beschränkungen unterliegt“. Seine Wachrüttel-Botschaft: „Mittlere Mächte müssen gemeinsam handeln, denn wer nicht mit am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte.“ Angesichts der nur auf eigene Interessen fokussierten Wirtschaftsgiganten USA und China sowie der irrlichternden Nuklearmacht Russland strebt Carney den Schulterschluss von Gleichgesinnten an. Er plädierte in Davos für eine „größere strategische Autonomie“ von Mittelmächten wie Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan. Dabei geht es ihm um Partnerschaften etwa bei Energie, Ernährung, kritischen Mineralien, Finanzen oder Lieferketten.
Carneys Leitlinie will den politischen Zusammenschluss von Staaten, die sich Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht verpflichtet fühlen. Und er will wirtschaftliche Diversifizierung. Das bedeutet nicht die Aufgabe des amerikanischen Marktes, aber die Verminderung von Abhängigkeiten. Kanada marschiert dabei voran. Im vergangenen Jahr hat der Ahornstaat rund 20 Handels- und Sicherheitsabkommen mit anderen Ländern geschlossen.
Auch die EU scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, wenn auch erst spät. Im Mai trat das mehr als 20 Jahre verhandelte Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosurländern vorläufig in Kraft. Im Januar wurde eine umfassende Freihandelszone mit Indien vereinbart. Im März schloss Brüssel einen Rohstoff- und Handels-Deal mit Australien ab. Wofür Carney wirbt, ist nichts anders als Risikostreuung gemäß der alten Investoren-Weisheit: „Nicht alle Eier in einen Korb legen.“ In der Trump-Ära ist dies eine Überlebensregel, insbesondere für Europa.