Während Trump droht, sucht der Westen die wirtschaftliche Annäherung an China
Die Vereinigten Staaten und China haben die größten Volkswirtschaften der Welt. Der langsame, aber stetige Aufstieg der Volksrepublik ist US-Präsident Donald Trump ein Dorn im Auge. Bei jeder Gelegenheit keilt er gegen Peking. Zuletzt drohte er Kanada mit Zöllen in Höhe von 100 Prozent, sollte das Nachbarland ein Handelsabkommen mit dem ökonomischen Riesen in Fernost schließen.
Auffällig ist, dass Trumps schrille Töne im Reich der Mitte nicht erwidert werden. Die Volksrepublik spielt vielmehr die Freihandels-Melodie: „China ist ein Partner und kein Rivale“, betont Vize-Regierungschef He Lifeng. Die Wirtschaft seines Landes habe sich „reformiert und geöffnet“. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn die hochsubventionierten Staatsunternehmen der Volksrepublik haben gegenüber ihren westlichen Konkurrenten wettbewerbsverzerrende Preisvorteile. Zudem ist der chinesische Markt für ausländische Firmen noch immer schwer zugänglich.
Das hält Peking nicht davon ab, den Westen nach allen Regeln der Kunst zu umwerben. Offensichtlich mit Erfolg, wie die rege Besuchs-Diplomatie zeigt. Im Dezember machte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Chinas Staatschef Xi Jinping seine Aufwartung. Mitte Januar folgte Kanadas Ministerpräsident Mark Carney, Ende Januar der britische Premier Keir Starmer. Vom 24. bis zum 26. Februar reist Bundeskanzler Friedrich Merz mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation Richtung Osten. Trumps Brachial-Stil und seine Zollkeulen treiben die Länder, die früher einmal als enge US-Verbündete galten, in die Arme Xis. Sie suchen die wirtschaftliche Annäherung an China. Die Empörung über Pekings Annexionspläne mit Blick auf Taiwan oder die harte Hand gegenüber der muslimischen Minderheit der Uiguren hält sich auf einmal in Grenzen.
China ist der stille Nutznießer von Trumps Bulldozer-Kurs. Trotz der globalen Konflikte und trotz Trumps Drohkulissen erzielte die Volksrepublik 2025 einen Handelsüberschuss in der Rekordhöhe von knapp 1,2 Billionen Dollar. Die Exporte stiegen um 5,5 Prozent auf rund 3,8 Billionen Dollar, die Importe blieben unverändert bei etwa 2,6 Billionen Dollar. Zwar brachen die Ausfuhren in die USA um 20 Prozent und die Einfuhren von dort um 14,6 Prozent ein. Aber die Volkrepublik konnte dies mit einer Diversifizierungs-Offensive wettmachen: Die Firmen steuern seit Jahren zusätzliche Märkte in Südostasien, Lateinamerika, Afrika und Europa an.
Auf Trumps Konfrontationspolitik hat sich China frühzeitig eingestellt. Der US-Präsident hatte sein Heil in der Eskalation gesucht und chinesische Waren mit einem Zoll von 145 Prozent belegt. Peking antwortete mit einer Abgabe von 125 Prozent auf amerikanische Produkte. Xi scheute sich nicht, einen mächtigen Hebel anzuwenden: Er verhängte Exportkontrollen auf Seltene Erden. Die kritischen Metalle sind lebenswichtig für die Fertigung von Mobiltelefonen, Elektroautos oder F-35-Kampfjets. Die Volksrepublik verfügt hier über ein Quasi-Monopol, das es ihr ermöglicht, Lieferketten weltweit lahmzulegen. Am Ende musste Trump die Zölle stark reduzieren.
Europa sollte sich an China ein Beispiel nehmen. Die Unternehmen müssen Ausschau nach neuen Absatzmärkten halten: Lateinamerika, Indien, Indonesien und Ostasien haben gewaltiges Potenzial. Amerika ist unter Trump ein riskanter Handelspartner geworden. Die Lösung für die Europäer heißt aber nicht Abschottung, sondern breite Streuung der Märkte. Die EU-Kommission muss den Weg hierfür mit Freihandelsabkommen ebnen. Hier ist viel mehr Tempo nötig. Dass das europäische Parlament den bedeutenden Mercosur-Handelsvertrag mit südamerikanischen Ländern beim EuGH einer rechtlichen Überprüfung unterzogen hat, ist an provinzieller Engstirnigkeit nicht zu überbieten. Mehr als 26 Jahre war er verhandelt worden. Offensichtlich hat eine Mehrheit der Abgeordneten den Schuss nicht gehört. Europa hat die Klischees bestätigt, die in der Welt über die Gemeinschaft kursieren: zu langsam, zu kompliziert, zu bürokratisch. Immerhin hat Brüssel im Januar ein Freihandelsabkommen mit Indien beschlossen. Es sollte so bald wie möglich ratifiziert werden. Verträge mit weiteren Ländern und Regionen müssen folgen – und zwar schnell. Sie sind der beste Schutz gegen Trumps Politik der Erpressung.