Teheran weiß, dass Trump unter Druck steht und einen schnellen Erfolg braucht
Unter den vielen Schwachpunkten von Donald Trump sticht einer besonders hervor: Der US-Präsident denkt, er sei der Meister des Universums und die ganze Welt müsse nach seiner Pfeife tanzen. Er wird von einem mittelalterlichen Machtprinzip angetrieben. Drohung führt demnach zu Unterwerfung. „Es wird keinen Deal mit Iran geben außer der bedingungslosen Kapitulation“, polterte er Anfang März.
Trumps Machtrausch speist sich aus vermeintlich schnellen Erfolgen. Beim Zwölftage-Krieg im Juni 2025 beschädigten bunkerbrechende Bomben der amerikanischen Luftwaffe drei iranische Nuklearanlagen schwer. Das Mullah-Regime schlug nicht zurück, was Trump als Schwäche auslegte. Beim handstreichartig durchgezogenen Venezuela-Szenario Anfang Januar entführte die US-Elite-Einheit Delta Force den Staatschef Nicolás Maduro. Dessen Nachfolgerin Delcy Rodríguez kooperierte und öffnete die heimische Ölindustrie für amerikanische Investoren.
Doch Trumps Muskelspiele funktionieren im aktuellen Konflikt mit dem Iran nicht. In den Gesprächen mit dem Regime fährt der US-Präsident einen irrlichternden Kurs, der sich ständig ändert. Vor rund zwei Wochen drohte er: „Für Iran tickt die Uhr, und sie sollten sich besser schnell bewegen, sonst wird von ihnen nichts mehr übrigbleiben.“ Am vergangenen Samstag zog er den Olivenzweig aus der Tasche. Ein Rahmenabkommen sei „weitestgehend“ ausgehandelt, betonte er. Letzte Details sollten „in Kürze“ bekanntgegeben werden. Einen Tag später drückte Trump wieder auf die Bremse. Er habe seine Leute angewiesen, „beim Deal nichts zu überstürzen, da die Zeit auf unserer Seite ist“.
Hü-hott-hü. Der Amerikaner hat kein Konzept, keinen Plan, keine Strategie. Es drängt der Verdacht auf, dass Trump, der viele Jahre im Entertainment-Business des Reality-TV zu Hause war, vor allem eines will: ständig Schlagzeilen produzieren. Dies kommt seiner Egomanie zupass. Aber das ist keine Politik.
Der Chef des Weißen Hauses irrt sich gewaltig, wenn er behauptet, Amerika und nicht Iran habe unendlich viel Zeit. Die Wahrheit ist: Das Mullah-Regime zögert die Verhandlungen mit Washington hinaus, weil es weiß, dass Trump unter Druck steht und Ergebnisse liefern muss. Gegenwärtig haben beide Seiten offenbar nur den Willen zu einer Grundsatzvereinbarung über eine 30- bis 60-tägige Waffenruhe. Zudem soll die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormus geöffnet und die US-Blockade iranischer Häfen aufgehoben werden. Aber schon hier steckt der Teufel im Detail. So will Teheran von jedem Schiff Gebühren für sogenannte „Navigationsdienstleistungen“ kassieren, was Trump ablehnt. Die strittigen Fragen wie Aufhebung der Sanktionen gegen Iran, Rückerstattung eingefrorener iranischer Gelder, Beendigung des Krieges in Libanon und insbesondere die Beschränkung des iranischen Atomprogramms sollen erst später besprochen werden.
Die Iraner wissen genau um die innenpolitischen Zwänge Trumps. Dessen Zustimmungswerte sind im Keller. Der Iran-Krieg hat die Inflationsrate und die Benzinpreise nach oben getrieben. Die Mehrheit der Amerikaner will keine militärische Konfrontation mit dem Mullah-Regime. Anfang November finden die Zwischenwahlen zum Kongress statt. Verlieren die Republikaner beide Häuser, kann Trump wichtige Gesetze nicht mehr durchbringen. Der Präsident will die für ihn ungünstige Stimmung mit Mega-Ereignissen drehen. Vom 11. Juni bis zum 19. Juli trifft sich die Welt zur Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko. Die 250-Jahr-Feier von Amerikas Unabhängigkeit will Trump zu einer gigantischen Patriotismus-Show machen.
Für diese Jubel-Veranstaltungen wäre eine Fortsetzung des Iran-Krieges Gift. Die Führung in Teheran weiß, dass Trump einen schnellen Abschluss braucht. Sie sitzt am längeren Hebel. Erreicht Trump nur die Öffnung der Straße von Hormus, hätte er lediglich den Stand vor Kriegsbeginn wiederhergestellt. Das wäre zu wenig. Für alles andere werden die Iraner einen hohen Preis verlangen. Durchaus möglich, dass am Ende eine löchrigere Übereinkunft herauskommt als das in der Obama-Ära ausgehandelte Atomabkommen von 2015. „Das passiert, wenn ein schlecht durchdachter, selbst gewählter Krieg in einen mangelhaften ‚Frieden‘ aus Notwendigkeit mündet“, bilanziert der frühere US-Diplomat Aaron David Miller.