Die deutsche Industrie verliert immer mehr Jobs – die Kosten müssen runter
Der deutschen Industrie geht es schlecht, sehr schlecht. Im vergangenen Jahr fielen gut 124.000 Jobs im verarbeitenden Gewerbe weg. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2019 summiert sich der Rückgang auf mehr als 340.000 Arbeitsplätze. Nach einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Horváth in Zusammenarbeit mit dem „Handelsblatt“ könnten 2026 erneut bis zu 100.000 Stellen in der Industrie gestrichen werden. Vor allem Automobilhersteller, der Maschinenbau und die Bauwirtschaft seien betroffen.
Die Krise beim Volkswagen-Konzern zeigt schlaglichtartig, wie dramatisch die Lage ist. Weltweit verkaufte das Unternehmen im zweiten Quartal nur noch 2,08 Millionen Autos. Das waren fast neun Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In China brachen die Verkäufe um mehr als ein Drittel ein – auf nur noch 424.300 Fahrzeuge. In den USA, einem weiteren wichtigen Markt, gab es aufgrund der von Präsident Trump verhängten Zölle ebenfalls heftige Einbußen.
VW-Chef Oliver Blume hat seine Belegschaft auf weitere Einschnitte eingestellt. Weltweit könnten 50.000 Jobs eingespart werden – zusätzlich zu den bereits bis 2030 vereinbarten 50.000 Stellen, kündigte er an. Darüber hinaus ist die Schließung von vier Produktionsstätten in Deutschland im Gespräch, sofern es nicht zu „intelligenteren Lösungen“ (Blume) wie der Nutzung durch Rüstungsbetriebe kommt.
Die Ursachen für die Misere bei VW treffen auf viele Industriefirmen in Deutschland zu: hohe Ausgaben für Personal und Energie, hohe Belastung durch Steuern und Abgaben sowie eine überbordende Bürokratie. Viele Unternehmen folgen der Kostenlogik und wandern ins billigere Ausland ab. Vor allem Ungarn steht hoch im Kurs. In Györ, im westlichen Teil des Landes, produzierte Volkswagen 2025 rund 200.000 Fahrzeuge. Im ostungarischen Debrecen hat BMW erst im Herbst ein hochmodernes Werk eröffnet und dafür mehr als zwei Milliarden Euro investiert. Ausgelegt ist die Fabrik auf Elektroautos.
In Kecskemét, rund 80 Kilometer südöstlich von Budapest, hat Mercedes-Benz seine Produktionsstätte für gut eine Milliarde Euro erweitert. Bis zu 400.000 Fahrzeuge sollen jährlich hergestellt werden – so viele wie in keinem anderen Mercedes-Werk in Europa. Finanzchef Harald Wilhelm liefert einen einfachen Grund: In Ungarn lägen die Fertigungskosten rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau. „Die Produktionskosten in Deutschland sind in der Automobilindustrie die höchsten der Welt“, betont Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg.
In der deutschen Öffentlichkeit besteht die fatale Tendenz, diese Fakten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die hierzulande angesiedelten Betriebe haben an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Insbesondere die Konkurrenz aus China ist mit hoch innovativen Firmen in Domänen eingedrungen, in denen die deutsche Wirtschaft früher als unschlagbar galt: Die Automobil-Branche zählt ebenso dazu wie der Maschinen- und Anlagenbau oder die Medizintechnik.
Doch Jammern ist keine Option. Die Unternehmen und die Arbeitsplätze bleiben nur dann im Land, wenn sich die Standortbedingungen drastisch verbessern. Es wäre klug gewesen, wenn die Bundesregierung die Körperschaftsteuer sofort und nicht erst in den Jahren ab 2028 gesenkt hätte. Der Industrie- und Haushaltsstrom in Deutschland ist europaweit mit am teuersten. Deshalb: Runter mit den Preisen! Der bürokratische Wildwuchs muss abgeholzt werden. Zu viele Vorschriften für Leiter-, Regal- und andere Fachbeauftragte lähmen die Firmen. Und ja, gegen die hochsubventionierten chinesischen Betriebe, die Europa mit Produkten zu Dumpingpreisen überschwemmen, sollte sich die EU schützen. Ohne ein Stück Protektionismus wird es nicht gehen.
Um die Produktivität zu steigern, müssen auch Tabus geknackt werden. So empfiehlt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich bei Volkswagen. Deutschland habe sich zu viel Wohlstand geleistet, während der internationale Wettbewerb schärfer geworden sei. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten sieht der Ökonom Chancen für die deutschen Autobauer. „In fünf bis sieben Jahren könnte es einen Aufschwung geben“, so Dudenhöffer. „Die Zeit davor wird aber richtig hart, wir müssen uns wahnsinnig anstrengen.“