Der US-Präsident unterschätzt Teherans Strategie des langen Atems
Donald Trump lebt in einer Parallelwelt. Wenn es nach dem US-Präsidenten geht, ist der Iran-Krieg so gut wie vorbei. Nach den mehrwöchigen amerikanisch-israelischen Attacken sei die Islamische Republik de facto erledigt, behauptet er. Sie verfüge weder über eine Luftwaffe noch über eine Marine. Iran habe nur die Wahl zwischen einer schnellen Kapitulation, einer Bombardierung „in die Steinzeit“ oder einem ökonomischen Exitus per US-Seeblockade.
Trump will mit maximalen Einschüchterungen die schnelle Vereinbarung zu seinen Bedingungen. Er lechzt nach der spektakulären Schlagzeile, die ihn als magischen Konfliktlöser und Friedensstifter feiert. Er schimpft, tobt und poltert – aber er erreicht nichts. Er missdeutet Iran.
Im Gegensatz dazu verfolgen die Machthaber in Teheran eine Strategie des langen Atems. Sie verhandeln detailversessen, sind hartnäckig und haben unendlich viel Geduld. Dies lässt sich am internationalen Atomabkommen von 2015 ablesen, dem zweieinhalbjährige Gespräche vorausgingen.
Die Fehleinschätzung des US-Präsidenten ist vielschichtig. So hat Trump nicht auf dem Schirm, dass die Islamische Republik auf eine Geschichte von Resilienz und Leidensfähigkeit zurückblickt. Im Ersten Golfkrieg von 1980 bis 1988 hielt sie dem durch Amerika hochgerüsteten Irak unter schwersten Verlusten stand. Heute kämpft das Regime in einer ähnlich verzweifelten Situation um sein Überleben.
Nach klassischen militärischen Kapazitäten ist die Islamische Republik den USA und Israel hoffnungslos unterlegen. Und dennoch hat sich der Iran in einem asymmetrischen Krieg eingerichtet – mit punktuellen Angriffen auf Ziele im Persischen Golf und kalkulierten Eskalationen. Trotz der massiven Schäden durch die mehrwöchigen Attacken verfügt das Regime noch immer über ein beträchtliches Arsenal. Die „New York Times“ zitiert amerikanische Geheimdienstmitarbeiter und Militärs, nach deren Schätzungen der Iran rund 40 Prozent seiner Kampfdrohnen und bis zu 70 Prozent seiner Raketen aus der Vorkriegszeit verbleiben.
Eine Schlüsselrolle spielen die über das ganze Land verteilten unterirdischen „Raketenstädte“. Auf Videos der iranischen Revolutionsgarden sind riesige Kolonnen mit Lastwagen zu sehen, auf deren Ladeflächen sich Raketen, Raketenwerfer und Drohnen befinden. Die Waffenlagerstätten sind bis zu 500 Meter tief in den Boden eingegraben. Selbst für die bunkerbrechenden Bomben der Amerikaner ist das Terrain nur schwer zu erreichen.
Mehrere Hundert Schnellboote sind eine weitere wichtige Waffe der Iraner. Diese Schiffe können mit bis zu 200 Stundenkilometern über das Meer düsen und sind für Satelliten und Radargeräte kaum zu erkennen. Starten sie ihre „Moskito“-Attacken auf Öltanker oder Frachter, bricht in Reedereien und Versicherungsgesellschaften schnell Panik aus. Die Boote der „Mosquito“-Flotte lassen sich leicht an Unterwasser-Stützpunkten entlang der über 1.700 Kilometer langen iranischen Küste verstecken.
Hinzu kommt der Würgegriff, in dem das Regime die Straße von Hormus hat, ein zentrales Nadelöhr für den globalen Ölhandel. „Die Iraner brauchen nicht unendlich viel Militärmaterial. Für sie reicht es, wenn sie zweimal pro Woche nach Dubai oder Doha schießen, um auf den Märkten Angst und Schrecken zu erzeugen“, sagt Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project.
Trumps Kalkül, das iranische Regime durch die Seeblockade ökonomisch ausbluten zu lassen, dürfte kaum aufgehen. Teheran wird mit gezielter Ausweitung der Eskalation dagegenhalten und mit der Angst vor einer globalen Rezession spielen. Klüger wäre es, wenn Trump die Iraner mit Konzessionen zu einer Freigabe der Straße von Hormus locken würde. Etwa: Aufhebung der Seeblockade und/oder minimale Urananreicherung für zivile Kernenergie und medizinische Forschung unter lückenloser internationaler Aufsicht.
Henry Kissinger, Außenminister und nationaler Sicherheitsberater unter US-Präsident Richard Nixon, hatte die Fehldeutung seiner Regierung im Vietnamkrieg messerscharf analysiert: „Der Guerillakämpfer gewinnt, wenn er nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Dem aktuellen Iran-Krieg liegt ein ähnlicher asymmetrischer Konflikt zugrunde. Doch im Trump-Kabinett, so scheint es, kann sich niemand an die Kissinger-Doktrin erinnern.