Die gefühlte Inflation könnte für den US-Präsidenten zum Problem werden
James Carville wurde im US-Präsidentschaftswahlkampf 1992 ganz plötzlich berühmt. Der Mann mit der markanten Glatze hatte die Strategie für den Wahlsieg des jungen demokratischen Herausforderers Bill Clinton gegen den republikanischen Amtsinhaber George Bush senior entworfen. Carvilles wichtigster Satz in der Kampagne war ebenso einfach wie durchschlagend: „It’s the economy, stupid“ – „es ist die Wirtschaft, Dummkopf“. In Amerika wird das Rennen um das Weiße Haus selten von ideologischen Debatten oder außenpolitischen Grundsatzfragen entschieden. Was zählt, ist der Zustand der Wirtschaft, genauer: wie viel Geld den US-Bürgern am Ende zum Kaufen bleibt.
Präsident Joe Biden und danach die demokratische Last-Minute-Kandidatin Kamala Harris hatten das 2024 unterschätzt. Biden wiederholte immer wieder die guten Makro-Daten der US-Konjunktur: 2,8 Prozent Wachstum, stabiler Arbeitsmarkt, knapp drei Prozent Inflation. Aber für viele Amerikanerinnen und Amerikaner war die gefühlte Teuerung viel höher. Die stark gestiegenen Preise für Lebensmittel und Energie zogen die Stimmung nach unten. Der republikanische Anwärter Donald Trump schlachtete das gnadenlos aus.
Die Art und Weise, wie die Mehrheit der Bevölkerung die Wirtschaft im Land wahrnimmt, könnte auch für den gegenwärtigen Präsidenten zum Problem werden. Die Menschen regten sich weniger über dessen Annexionsfantasien mit Blick auf Grönland oder Kanada auf. Das große Thema ist „availability“ – die „Bezahlbarkeit des Lebens“. Das ist Trumps Achillesferse.
Wie bei Biden sind die Makro-Werte zwar nicht schlecht. Amerikas Wirtschaft ist recht robust. Die Börsen erzielten 2025 trotz Achterbahnfahrten ein Plus von 16 Prozent. Die Inflationsrate sank leicht auf 2,7 Prozent. Entgegen vielen Prognosen haben die von Trump eingeführten Zölle keinen Teuerungsschub ausgelöst. Aber: Die Preise für Lebensmittel wie Rindfleisch oder Kaffee legten zuletzt um rund 20 Prozent zu. Die Mieten sind hoch, der Kauf von Häusern und Wohnungen ist für viele Bürger unerschwinglich. Die relativ niedrige Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent sorgt nur in der Statistik für Beruhigung. Denn im Vergleich zu den vergangenen Jahren schaffen die US-Unternehmen viel zu wenig neue Jobs. Das vergrößert bei vielen die Angst, im Falle eines Personalabbaus keine neue Stelle zu finden.
Es gibt eine Reihe von hausgemachten Risikofaktoren, die die amerikanische Wirtschaft zumindest mittel- und langfristig belasten. Zentralbankchef Jerome Powell verfolgte bislang eine äußerst kluge Zinspolitik zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsstimulierung. Eine schwierige Gratwanderung, für die er von Trump beschimpft und gescholten wurde. Powells Amtszeit endet im Mai. Ob sein designierter Nachfolger Kevin Warsh die „Fed“ auf einem unabhängigen Kurs hält oder Trumps Druck nach Niedrigzinsen nachgibt und damit die Inflationsgefahr erhöht, muss sich erst noch zeigen.
Wird das Geld billiger, steigt auch die Versuchung, dass sich der Staat mit Krediten über Wasser hält. Anfang Februar betrug die gesamte Bruttostaatsverschuldung der USA 38,4 Billionen Dollar – 2,25 Billionen Dollar mehr als ein Jahr zuvor. Trumps „Big Beautiful Bill“ vom Sommer 2025 mit Steuererleichterungen vor allem für Spitzenverdiener wird die Defizitspirale weiter nach oben drehen. Das lässt das Vertrauen der Investoren in US-Staatsanleihen erodieren und könnte am Nimbus des Dollars als Weltreservewährung kratzen.
Auch Trumps Kappung der staatlichen Fördergelder für Universitäten dürfte sich rächen. Die amerikanischen Elite-Hochschulen mit ihrer Spitzenforschung hatten den Unternehmen des Landes lange Zeit Wettbewerbsvorteile verschafft. Zudem bremst die strikte Limitierung von Studentenvisa den Zuzug von Talenten aus der ganzen Welt.
Der aus dem TV-Entertainment kommende Trump ist zwar ein hemmungsloser Gesundbeter und Selbstdarsteller. Aber die ökonomischen Fakten lassen sich damit nicht aus der Welt schaffen, selbst wenn die Konsequenzen nicht sofort sichtbar sind. Die Zwischenwahlen zum Kongress im November werden zeigen, wie hoch die Unzufriedenheit der US-Bürger ist und ob daraus eine Misstrauenserklärung gegen Trumps Republikaner erwächst. Auf jeden Fall gilt Carvilles Satz: „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf.“