Bildung, der Schlüssel zu persönlichem Erfolg, beginne in der Familie, hieß es bei einer Veranstaltung der saarländischen IHK. Und: Das Klischee einer jungen Generation, die faul und realitätsfern sei, sei ebenfalls kaum hilfreich.
Wem gehört der Moped in die Hof? Ich!“ Deutschland landet unter den 35 OECD-Ländern bei den Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen in der Pisa-Studie regelmäßig abgeschlagen oder bestenfalls im Mittelfeld. Dabei gilt Bildung nach wie vor als der Schlüssel zum Erfolg, wirtschaftlich, persönlich, gesellschaftlich.
Doch es wäre zu einfach, die Schuld für die eklatanten Bildungsdefizite der vergangenen Jahre einfach nur den Schulen und „der Politik“ anzulasten. Vielmehr scheint es eine gefährliche Gemengelage aus stetig steigenden Anforderungen, bedingt durch Transformation, Künstliche Intelligenz oder Digitalisierung, aus Zukunftsängsten und Krisen, einer schleichenden Abkehr vom Leistungsgedanken und einem sich verändernden Familienbild zu sein. Denn Bildung fängt bekanntlich zu Hause an und nicht erst in der Schule.
Mehr Azubi-Abbrecher
Die Zahlen sprechen eine deutlichere Sprache: So haben zum Beispiel die Ausbildungsabbrüche in der dualen Ausbildung laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen, wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden. Landkreise mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Wirtschaftskraft weisen dabei eine Abbruchquote von bis zu 30 Prozent auf. Das Ergebnis: junge Menschen ohne Berufsabschluss, die der Wirtschaft für qualifizierte Jobs fehlen. Verschärft wird die Lage zudem durch einen kontinuierlichen Rückgang der Ausbildungsverträge im gewerblichen Bereich. So verzeichnet die IHK Saarland im Vergleich zum vergangenen Jahr rund zehn Prozent weniger abgeschlossene Ausbildungsverträge. Die Akademisierungswelle sowie die Konkurrenz unter den vielen Ausbildungsberufen mit immer weniger Bewerbern tun ihr Übriges. Die Bildungsdefizite, so unterschiedlich deren Ursachen auch sein mögen, entpuppen sich zunehmend als enormer Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung und gefährden langfristig Wohlstand und den Standort Deutschland. Und alles mit Corona zu begründen, fällt schon deshalb schwer, weil davon alle Länder betroffen waren.
Wie kann man die Kehrtwende bei dieser Abwärtsspirale erreichen? Darüber diskutierten Mitte Dezember in der IHK Saarland in Saarbrücken auf Einladung der Wirtschaftsjunioren Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), der Schulleiter des Berufsbildungszentrums Sulzbach, Josef Paul, und aus der Wirtschaft Geschäftsführerin Jennifer Brill-Dewes vom Bauunternehmen Spektral-Haus, der geschäftsführende Gesellschafter Wolfgang Herges des Familienunternehmens Herges Stahl- und Blechbau sowie Personalleiter Helge Dirk Stöcker von der Stahl- und Apparatebau Hans Leffer.
Ziel des Saarlandes solle es sein, im Bildungsvergleich innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder unter die besten fünf Bundesländer zu kommen, hieß es. Die Bildungsministerin rückte die Berufsorientierung inklusive Berufspraktika in den Mittelpunkt. Eine gewisse Orientierungslosigkeit hätte es früher auch gegeben. Berufskarrieren verliefen heute aber nicht mehr so gradlinig wie früher. Vielleicht sei es hilfreich, aus der Perspektive der Jugendlichen in Etappen zu denken. „Eine abgeschlossene Berufsausbildung als Grundlage ermöglicht viele Wege wie eine Meisterprüfung oder ein späteres Studium“, so Streichert-Clivot.
Was den Lehrermangel an saarländischen Schulen angeht, plant die Landesregierung in der gesamten Legislaturperiode mit rund 500 neuen Lehrerstellen. 270 seien bereits geschaffen worden.
Für Wolfgang Herges, dessen Betrieb schon über 200 Azubis unterschiedlicher Fachrichtungen eingestellt und ausgebildet hat, ist der mangelnde Leistungsgedanke der Knackpunkt. „Wer in den Schulen Bundesjugendspiele abschafft oder Fußball ohne zählbare Tore spielt mit der Begründung der Überforderung, muss sich nicht wundern, wenn die Leistung zu wünschen übrig lässt.“ Die Basics wie Resilienz, Durchhaltevermögen oder Frustrationstoleranz würden zunehmend fehlen und von den Schulen nicht ausreichend vermittelt. Das äußere sich unter anderem in höheren Fehlzeiten und Abbruchquoten. Zugegebenermaßen sei die Vermittlung dieser Werte aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Außerdem könne es nicht Aufgabe der Betriebe sein, jungen Menschen Nachhilfe in den Grundlagen wie Rechnen, Lesen, Schreiben zu geben.
Ähnlich sieht das Helge Dirk Stöcker, Personalleiter bei Hans Leffer. Wandel brauche Lernfähigkeit. „Wir dürfen den Nachwuchs nicht immer in Watte packen. Zu lernen, sich durchzubeißen, gehört zum realen Leben dazu.“ In Richtung föderaler Bildungspolitik bedeute Lernen aber auch, zu schauen, wie andere Bundesländer das besser machen. Bayern, wo er selbst viele Jahre gearbeitet habe, gehe mit gutem Beispiel voran. Dort sei die Abbrecherquote deutlich geringer als im Saarland.
„Nicht immer in Watte packen“
Jennifer Brill-Dewes von Spektral-Haus, einem Anbieter von Massivhäusern, und Mutter zweier Kinder, fordert von den Schulen, Berufe und Berufsmöglichkeiten besser aufzuzeigen. Es sei normal, dass sich junge Menschen nach der Schule erst einmal finden müssten. Spaß und Motivation an einer Berufsausbildung seien bei Jugendlichen durchaus vorhanden, man müsse sie verstärkt mit praktischen Berufen in Verbindung bringen.
Schulleiter Josef Paul verwies auf die zum Teil mangelnde Ausstattung an Schulen und die fehlenden Möglichkeiten, Fehlleistungen stärker zu sanktionieren. „Wir brauchen eine engmaschige Vernetzung und noch mehr Unterstützung aus den Betrieben.“
Dass sich etwas ändern muss, war allen Diskussionsteilnehmenden klar, damit Deutschland bei der Bildung wieder den Anschluss an die führenden Nationen findet. Doch des Pudels Kern liege in den Familien selbst. Die richtigen Werte und die Grundlagen für die Basics würden dort vermittelt. Das beginnt beispielsweise mit Vorlesen im Kindesalter, über den maßvollen Umgang mit den sozialen Medien bis hin zur Förderung der Stärken, Talente und der Motivation.
Ein wichtiger Aspekt des Abends war sicherlich auch die Erkenntnis, nicht immer alle Schülerinnen und Schüler über einen Kamm zu scheren, nach dem Motto: Die sind alle schlecht, faul und konsumorientiert. Dieses Klischee demotiviere eine ganze Generation. Ein besseres Verständnis für die Belange junger Menschen durch ein Mehr an Miteinander-Reden sei hilfreich, hieß es. Kein generelles Verteufeln der sozialen Netzwerke oder der Smartphones, vielmehr gehe es darum, die Sinnhaftigkeit zu betonen. Denn wie soll man einem jungen Menschen den Vorwurf machen, er könne sich nicht 90 Minuten mit einem Thema schriftlich auseinandersetzen, wenn ChatGPT das in fünf Minuten erledigt? Wunderdinge seien allerdings auch nicht sofort zu erwarten, denn Veränderungen im Bildungssystem bräuchten Zeit, bis sie ihre Wirkung entfalten, so die Bildungsministerin. Zeit, die Deutschland als Wirtschaftsstandort im internationalen Wettbewerb wohl leider immer weniger hat. Also: Nicht nur reden, sondern auch mal machen.