Die Europäische Raumfahrt hat Jubiläum, die ESA ist 50. Und alles ist im Umbruch. Die ESA hat eine neue „Strategie 2040“, und der Europäische Weltraumbahnhof in Kourou stellt sich flexibler, digitaler und nachhaltiger auf neue Aufgaben und deutlich mehr Betrieb ein.
Neun Stunden Direktflug zwischen zwei Welten. Vom großen internationalen Pariser Airport Charles de Gaulle (CDG), dem zweitgrößten Flughafen Europas mit über 75 Millionen Passagieren jährlich, zum beschaulichen Flughafen Félix-Eboué (CAY) in Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guyana, mit etwa 400.000 Fluggästen.
In der überschaubaren Halle haben sich bereits kleine Schlangen vor den zahlreichen Autovermietungen gebildet. Ohne Auto geht hier herzlich wenig. Zu unserem Ziel sind es noch 70 Kilometer. Die Hauptverbindung nach Kourou gleicht einer gut ausgebauten Bundesstraße durch den tropischen Regenwald. Es ist auch die Strecke, auf der Satelliten, Raketenteile und vieles mehr an den Ort transportiert werden, dem unser eigentliches Interesse gilt: das Centre Spatial Guyanais, kurz CSG, landläufig bekannt als Europäischer Weltraumbahnhof.
Dem Ort mit der großen Tradition der Ariane-Raketen, Symbol erfolgreicher europäischer Raumfahrt. Die schien nun zeitweise im Wettbewerb mit aufstrebenden Raumfahrtnationen wie China und Indien und neuer privater Konkurrenz (Space X, Blue Virgin und andere) ins Hintertreffen zu geraten, nicht nur, weil die neue Ariane 6 länger auf sich warten ließ.
Das ändert sich gerade. Die Europäer haben sich strategisch neu aufgestellt, dem eigenen autonomen Zugang zum Weltraum eine neue hohe Priorität gegeben und erhebliche Anstrengungen auf den Weg gebracht, den Weltraumbahnhof „auf Weltniveau“ zu bringen und zu halten.
Wir wollen uns vor Ort auf dem riesigen, rund 700 Quadratkilometer großen Gelände Eindrücke verschaffen, was sich derzeit dort – auch hinter den Kulissen – entwickelt, mit welchen konkreten Projekten sich Kourou wieder an die Spitze setzen will, wollen die Menschen treffen, die an den Umsetzungen arbeiten, erfahren, was sie an ihrem Job im Amazonas-Regenwald fasziniert, und schlicht einen unmittelbaren Eindruck gewinnen, wie ein Weltraumbahnhof „am Boden“ funktioniert.
Wir treffen Repräsentanten der CNES (Französische Raumfahrtagentur), der das Gelände gehört und die den Betrieb organisiert, und der ESA, der Europäischen Raumfahrtagentur, die die Raumfahrtaktivitäten ihrer 23 Mitgliedsstaaten koordiniert und über die Hälfte der Betriebskosten des Weltraumbahnhofs trägt. Wir sind verabredet mit dem Projektmanager für ein neues Kontrollzentrum ebenso wie mit der Projektmanagerin für die Digitalisierung der gesamten Basis. Wir wollen uns über Umweltprojekte auf dem Weltraumbahnhof ebenso berichten lassen wie über die Arbeit von Menschen, die die Startblöcke nach einem Start für die nächste Mission wieder aufarbeiten. Eine hochgradige internationale Arbeitsteilung, die bei Kenntnis der Alltagsdetails zusätzlich einigen Respekt abverlangt.
Spätestens als wir vor dem Startplatz der Vega stehen, von dem aus noch im April das große Biomass-Projekt gestartet wurde, einem Projekt zur Vermessung der globalen Biomasse (vor allem Wälder), und unser Blick auf den neuen Startplatz für die Ariane 6 geht, drängt sich bei aller Faszination die Frage nach den Strategien auf.
Seit einem halben Jahrhundert gibt es eine gemeinsame europäische Raumfahrt. Die ESA wurde 1975 gegründet, um Europa technisch und politisch unabhängiger zu machen von den damals zwei großen Raumfahrtnationen: USA und Sowjetunion.
Das Centre Spatial Guyanais wurde von den Franzosen (mit ihrer Raumfahrt-agentur CNES) bereits zuvor (1969) für eigene Raketenpläne gebaut, die wurden dann aber mit der Gründung der ESA aufgegeben.
ESA und der Weltraumbahnhof haben ein wechselvolles und viele Jahre glänzendes halbes Jahrhundert erlebt. Und jetzt gilt auch hier eine „Zeitenwende“. Die ist auf dem Weltraumbahnhof unmittelbar greifbar in Form eines weiteren Startplatzes, des ELS, l’Ensemble de Lancement Soyouz, also für russische Raketen. Der wurde 2011 auf Grundlage einer Vereinbarung in Betrieb genommen, 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine dann geschlossen.
Die ESA hat sich seither neu aufgestellt und hat erst in „Agenda 2025“ und dann in einer „Strategie 2040“ ihre Pläne für die nächsten 15 Jahre vorgelegt. Oberstes Ziel ist es, europäische Autonomie und Resilienz sichern, also einen unabhängigen Zugang zum Weltraum (für Navigations-, Kommunikations- und Erdbeobachtungssysteme). Weitere Ziele sind Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum. Dazu gehören unter anderem die Stärkung der kommerziellen Raumfahrt und die Förderung von Startups. Gerade dieser Punkt ist entscheidend für die einschneidenden Entwicklungen auf dem Weltraumbahnhof, die derzeit im Gang sind.
Konkret bedeutet das etwa in Sachen digitale Infrastruktur, sich so aufzustellen, dass Systeme unterschiedlichster Anbieter mit unterschiedlichen Technologien und Bedürfnissen kompatibel zu verarbeiten sind. Das gilt auch für die Planung eines neuen Kontrollzentrums, letztlich mit dem Ziel, künftig deutlich mehr und unterschiedliche Starts anbieten zu können. Wie das umgesetzt wird und unter welchen Herausforderungen, haben uns unsere Gesprächspartner eindrucksvoll geschildert.
Weltraumbahnhof auf Weltniveau
Das alles wird den Betrieb des Weltraumbahnhofs weiter und grundlegend verändern. Neben Arianespace ist der italienische Raumfahrtkonzern Avio (mit der Vega C) aktiv. In Zukunft wollen auch deutsche Startups (Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg) von Kourou aus starten, ebenso hat das französische Startup MaiaSpace Interesse, mit einer teils wiederverwendbaren Rakete ab Kourou zu fliegen. Schon diese Pläne zeigen: Es wird mehr Betrieb und mehr Wettbewerb geben.
Neben den beiden großen Prioritäten hat die ESA im Wesentlichen auch ihre bisherigen Schwerpunkte in der „Strategie 2040“ unterstrichen: Erdbeobachtung (Klima), wissenschaftliche Forschungsmissionen, Sicherheit (Weltraumschrott, Abwehr von Asteroiden) und schließlich: Europa inspirieren mit Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Dafür soll der Weltraumbahnhof als Basis weiterentwickelt werden: flexibel, digital und nachhaltig.
Hightech in einer beeindruckenden internationalen Zusammenarbeit im tropischen Regenwald. Das Klima prägt den Lebensrhythmus und sicherlich auch die Mentalität. Nichts wirkt hektisch-nervös, bei aller Konzentration auf höchst anspruchsvolle Projekte, die unter enormem Erfolgsdruck stehen. Die freundliche Offenheit, auf die wir bei unseren Anfragen und in unseren Gesprächen gestoßen sind, hat neben den besonderen äußeren Rahmenbedingungen im Amazonas-Regenwald in Äquatornähe sicher auch mit der vielfältigen Internationalität auf dem Weltraumbahnhof zu tun, und nicht zuletzt damit, dass wir Menschen treffen durften, die ihre Projekte mit Respekt vor der Herausforderung und spürbarer Leidenschaft zum Erfolg bringen wollen, weil sie von der Mission und den Zielen überzeugt sind.
Ohne die vielfältige und freundliche Unterstützung von ganz vielen wäre der Einblick in diese besondere Welt nicht möglich gewesen. Deshalb geht unser Dank stellvertretend für alle, die daran mitgewirkt haben, an Bernhard von Weyhe, der über die ESA viele Kontakte ermöglicht hat, Timothy Chubb, der uns mit seinem Team vor Ort Zugänge geöffnet, Interviews und Gespräche ermöglicht hat, an Francesca, die uns auf der großen Rundfahrt zu Startplätzen und Einrichtungen auf dem CSG begleitet hat, an Karollyne, die uns durch die Gebäudekomplexe zu unseren Interviews gelotst hat (und immer mal wieder freundlich darauf hinwies, was wir – aus nachvollziehbaren Sicherheitsgründen – alles nicht fotografieren sollten), und an Co-Autorin Carmen Oschmann für ihre Unterstützung bei Organisation, Interviews und Übersetzungen.