Von orientalischer Kunst über Bootsregatta bis hin zu Musik-Newcomern: Trencín in der Westslowakei präsentiert sich 2026 mit vielfältigen Angeboten als Europäische Kulturhauptstadt.
Die majestätische Burg, die über der Stadt Trenčín thront und vom zentralen Friedensplatz aus gut zu sehen ist, diente über Jahrhunderte hinweg als ungarische Königsburg. Im Jahr 1663 wäre die von drei Verteidigungsmauern umgebene Burg beinahe von den Türken erobert worden. „Die Türken hatten zwei der drei Verteidigungsanlagen bereits überwunden“, berichtet Dr. Tomáš Michalík. Er ist nicht nur Stadtführer, sondern auch stellvertretender Leiter des Trencíner Museums sowie Archäologe und Jurist. Etwa 300 Menschen kamen damals bei der Verteidigung der Burg ums Leben. Und obwohl die Türken die Festung selbst nicht einnehmen konnten, vernichteten sie doch viele Dörfer im Umland.
Die Zeiten haben sich geändert: Im Jahr 2026 steht die Burg den Türken offen. Vom 6. Februar bis zum 30. August werden dort zeitgenössische Werke von bildenden Künstlern aus der Türkei gezeigt, die von Ekmel Ertan, einem Kurator aus Istanbul, ausgewählt wurden. Dass orientalische Kunst einer der Schwerpunkte des Kulturhauptstadtjahres ist, das ist jedoch keine Reminiszenz an die Türkenbelagerung im 17. Jahrhundert, sondern es knüpft an eine Legende aus der Zeit der Türkenkriege im 15. Jahrhundert an. Angeblich hatte Burgherr Stephan Zapolya eine türkische Frau namens Fatima gefangengenommen, die mit einem Landsmann namens Omar verlobt war. Dieser wollte seine entführte Verlobte freikaufen, doch der Burgherr sagte, er sei reich genug und benötige keine materiellen Güter. Das Einzige, was ihm fehle, sei Wasser. Daraufhin grub Omar mehrere Jahre lang im felsigen Untergrund, bis er schließlich in etwa 80 Metern Tiefe auf Wasser stieß. Der Burgherr hielt sein Versprechen und ließ Fatima frei. Der angeblich von Omar gegrabene Brunnen, der auch „Brunnen der Liebe“ genannt wird, ist im Burghof bis heute erhalten geblieben. Als er das letzte Mal gereinigt wurde, fanden Taucher darin rund 10.000 Münzen, die Besucher hineingeworfen hatten.
Die Kunstausstellung in der Burg ist nur eines von vielen Angeboten, mit denen Trencín im Kulturhauptstadtjahr aufwartet. Blickt man von der Westseite der Burg durch die Schießscharten, entdeckt man im Tal die Fiesta-Brücke. Die stillgelegte Eisenbahnbrücke über den Fluss Waag soll zu einer Brücke der Begegnung werden. Ihr Umbau ist eines der teuersten Projekte während des Kulturhauptstadtjahres, für das insgesamt 25 Millionen Euro für das Kulturprogramm und ein Infrastruktur-Investitionsvolumen von 40 Millionen Euro zur Verfügung stehen.
Schöne Häuser aus dem 17. Jahrhundert
Brücken bauen – symbolisch wie real – das zeichnet das Programm des Kulturhauptstadtjahres aus. Sei es, dass Künstler aus Japan, darunter Miyu Hosoi, Toru Hasegawa und Yasuaki Onishi, in Trencín zu Gast sind, sei es, dass sich Nachbarn näher kennenlernen, indem sie gemeinsam stricken oder gärtnern. Bei Aktivitäten wie dem „Garaze-Festival“ wird Newcomer-Musikgruppen eine Brücke vom Übungsraum oder der Garage hin zur großen Bühne und zum Publikum gebaut. Auch in der teilweise neu renovierten Synagoge der Stadt werden kulturelle Brücken geschlagen. Das prächtige Jugendstil-Bauwerk aus dem Jahr 1913 verbindet den Art Nouveau mit byzantinischen Elementen und wurde erst 2025 erneut als Synagoge geweiht. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 1.700 bis 2.000 Juden in der Region, rund 300 kehrten nach dem Krieg hierher zurück. Heute umfasst die jüdische Gemeinde circa 60 bis 80 Mitglieder, darunter auch etliche jüdische Einwanderer, die kürzlich aus der Ukraine hierhergekommen sind, wie Dr. Olga Hodalová, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, berichtet. Von der Synagoge aus spazieren wir weiter zum Štúr-Platz (Štúrovo námestie). Er ist nach dem Sprachwissenschaftler Ľudovít Štúr benannt, der die slowakische Nationalsprache mitentwickelte. Als der Platz, der früher als Vieh- und Getreidemarkt diente, vor einigen Jahren renoviert wurde, fand man zahlreiche Skelette aus dem 17. Jahrhundert. Auf dem Platz, um den herum sich früher die jüdische Bevölkerung angesiedelt hatte, stehen ein Wassermann-Brunnen aus dem Jahr 2006 und ein neu aufgestellter Poesieautomat. Die schön renovierten Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die den Platz umrahmen, bilden einen starken Kontrast zu dem Monumentalbau auf der Südostseite des Platzes. Dieser ist ein Musterbeispiel für sozialistische Betonarchitektur.
Durch das Tor im 32 Meter hohen Stadtturm, dem einzigen erhaltenen Stadttor, gelangen wir zurück auf den Friedensplatz. Wir passieren die Piaristenkirche Franz-Xaver, deren barockes Inneres einen Besuch lohnt. „Der Friedensplatz hatte viele Namen“, berichtet Dr. Tomáš Michalík. In der Zeit der Habsburger wurde er nach dem Leiter der Verwaltung für die ungarischen Regionen benannt. Nach der Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 wurde er Masaryk-Platz genannt. Während des Zweiten Weltkriegs war er nach dem nationalistischen Parteiführer Andrej Hlinka benannt – und in der Zeit des Sozialismus hieß er Stalinplatz. Ein auffälliges Bauwerk auf dem Platz ist die im Jahr 1712 errichtete Pestsäule. Laut Michalík war das frühe 18. Jahrhundert die schlimmste Zeitepoche für die Stadt Trencín, die damals ständig belagert wurde und mehrere Pestepidemien durchlitt. „Die Bevölkerungszahl sank damals innerhalb von sieben Jahren von etwa 7.000 auf etwas mehr als 1.000“, erläutert Michalík.
Tolle Wellnessangebote in der Nähe
Am südlichen Rand des Friedensplatzes findet sich ein Gebäude, in dem die ungarische Königskrone, die Stephanskrone, im Jahr 1622 für mehrere Monate aufbewahrt wurde. Ein Kunsthandwerker aus der Stadt ließ sich davon inspirieren und fertigte eine filigrane Kopie der Krone an. Diese kann im Untergeschoss des Schmuckgeschäfts Mikuš Diamonds am Friedensplatz bewundert werden.
Ein Schatz ganz anderer Art sind nach Ansicht von Tomáš Michalík die kleinen Gässchen nördlich des Marktplatzes. „Sie haben großes touristisches Potenzial“, versichert Michalík in der Ulica Marca Aurélia, der Marcus-Aurelius-Straße. Die Benennung dieser Straße erinnert an die römische Vergangenheit Trencíns, das von den Römern Laugaricium genannt wurde. In einer Felswand hinter dem „Hotel Elisabeth“ findet sich sogar noch eine originale Inschrift aus der Zeit um 179 n. Chr., die an einen Sieg der Römer im Krieg gegen die Quaden erinnert. Der Auftakt für das Kulturhauptstadtjahr, das unter dem Motto „Wir wecken Neugier“ steht, ist vom 13. bis zum 15. Februar geplant. Danach geht es Schlag auf Schlag: Im März folgen Community-Events und im April ein „Lichtkunst-Festival“, im Mai der City-Markt Korzo, im Juni ein Festival der jüdischen Kultur und eine Bootsregatta auf dem Fluss Waag, im Juli eine Mode-Akademie und ein „Food and Dining Festival“, im August die Eröffnung einer Ausstellung zum Thema globale Gerechtigkeit, im September dann das Fiesta-Festival auf der Fiesta-Brücke, im Oktober Architekturtage und ein Theaterfestival und im November eine Ausstellung zum Thema nachhaltige Mode.
Bei einem Besuch der 55.000-Einwohner-Stadt Trencín gibt es neben der Burg, der Synagoge, der Piaristenkirche und dem Friedensplatz mit seiner Umgebung noch einiges mehr zu entdecken. Wer mit dem Auto anreist und neugierig ist, findet auch interessante Ausflugsziele in der Umgebung – etwa die Ruine Beckov, das idyllische Holzhausdorf Čičmany, das Herrenhaus, das Beethoven-Häuschen und das Rosarium in Dolná Krupá, wo zudem leckerer Honigwein produziert und serviert wird. Wer noch mehr Zeit mitbringt, kann das Kulturprogramm in Trencín auch perfekt mit Wellness- und Gesundheitsangeboten verbinden. Im etwa 15 Kilometer entfernten Kurort Trencianske Teplice gibt es fünf Quellen mit schwefelhaltigem Heilwasser und zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Besuch des Kurbads ermöglicht übrigens auch einen Brückenschlag zur orientalischen Kultur: Zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Badeorts gehört ein im Jahr 1888 errichtetes Hammam, das ganz im orientalisch-maurischen Stil gestaltet ist. Es dient heute als Umkleide-, Ruhe- und Wellnessbereich des „Kurhauses Sina“.