Nach sieben Jahren Zweitklassigkeit ist der Hamburger SV zurück in der Bundesliga – mit einem klaren Plan, realistischen Zielen und einem Sportvorstand, der den Kurs vorgibt. Stefan Kuntz steht für eine neue Nüchternheit am Volkspark – und für die Hoffnung, dass der Club diesmal nachhaltig oben bleibt.
Als Stefan Kuntz Anfang 2024 beim Hamburger SV als Sportvorstand vorgestellt wurde, war von Euphorie noch wenig zu spüren. Der Club, über Jahre hinweg ein Paradebeispiel für verpasste Chancen und strukturelle Unruhe, stand erneut auf einem fragilen Fundament. Was dann folgte, überraschte selbst hartgesottene Skeptiker: Der HSV, der sich zuvor sieben Jahre lang erfolglos am Aufstieg abgearbeitet hatte, kehrte zurück in die Bundesliga – und Kuntz wurde zum Gesicht des Umbruchs.
Kuntz, 62 Jahre alt, Europameister von 1996, ist kein Mann des lauten Auftritts. Sein Image: kontrolliert, reflektiert, strategisch. Die jüngere Fußballwelt kennt ihn aus seinen erfolgreichen Jahren als Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft. Dort führte er junge Teams zu zwei Europameistertiteln, verankerte einen Stil, der auf Klarheit, Witz, Kommunikation und Vertrauen fußte. All das scheint er nun auch nach Hamburg gebracht zu haben.
Der Weg zurück in die Bundesliga war dabei nicht allein sportlicher Natur. Kuntz traf weitreichende Entscheidungen – auch außerhalb des Platzes. Der Wechsel auf der Trainerposition etwa, als Chefcoach Steffen Baumgart durch den damals 34-jährigen Merlin Polzin ersetzt wurde, galt zunächst als Risiko. Polzin, intern hochgeschätzt, hatte keine nennenswerte Cheftrainer-Erfahrung. Doch das Duo harmonierte. Kuntz stärkte seinem Trainerteam damals öffentlich den Rücken, so auch heute – auch mit Blick auf schwierige Phasen in der Bundesliga. „Wir sind bereit, mit ihnen auch durch Krisen zu gehen“, betonte er frühzeitig. Weg will Kuntz von Kurzschlussreaktionen – es brauche „mehr Konstanz“.
Diese Linie zieht sich durch die gesamte sportliche und wirtschaftliche Planung des HSV. Klar ist: Der Wiederaufstieg war kein Selbstzweck, sondern Teil eines langfristigen Konsolidierungskurses. Und dieser ist angesichts der Bundesliga-Rahmenbedingungen zwingend notwendig. Hamburg steht in der TV-Geld-Tabelle ganz am Ende – mit rund 35 Millionen Euro Einnahmen liegt man hinter St. Pauli. Die Zeit der großen Sprünge ist vorbei. Stattdessen formuliert man am Volksparkstadion das Ziel „Klassenerhalt“ – bewusst realistisch und mit Blick auf die wirtschaftlichen Grundlagen.
Poulsen soll für Tore sorgen
Dass der Aufstieg finanziell dennoch Spielräume geöffnet hat, zeigt sich in der Transferpolitik. Insgesamt investierte der HSV in diesem Sommer rund 7,7 Millionen Euro in neue Spieler – unter anderem für Offensivmann Yussuf Poulsen, der mit über 230 Bundesligaspielen Bundesliga-Erfahrung in die Mannschaft bringt. Poulsen, lange Jahre Identifikationsfigur bei RB Leipzig, steht exemplarisch für den neuen Transferansatz des HSV. „Wir suchen nicht mehr nur Talente, die uns in einem halben Jahr helfen könnten“, sagte Kuntz unlängst, „sondern Spieler, die sofort funktionieren.“ Ein Kurswechsel zu früheren Transferperioden, in denen oft auf Entwicklungsperspektive gesetzt wurde – mit durchwachsenen Resultaten.
Auch in der Defensive will man Stabilität durch Erfahrung gewinnen. Mit Daniel Peretz kommt ein Torhüter vom FC Bayern, bei dem die Hoffnung besteht, dass er sich mit Spielpraxis entwickeln und kurzfristig helfen kann. Im Gespräch ist zudem Innenverteidiger Armel Bella-Kotchap, der zuletzt beim FC Southampton unter Vertrag stand. Namen, die aufhorchen lassen – und doch mit Bedacht gewählt scheinen.
Finanzvorstand Eric Huwer macht keinen Hehl daraus, dass der HSV trotz Bundesliga-Zugehörigkeit mit spitzem Bleistift rechnen muss. Die Personalkosten sollen durch Einnahmen aus Transfers und TV-Geldern gedeckt werden. Dass der Club intern eine Gehaltsobergrenze definiert hat, ist dabei ein klares Signal. Selbst Topverdiener wie Poulsen liegen mit geschätzten 1,8 Millionen Euro Jahresgehalt unter dem, was bei anderen Erstligisten gezahlt wird. Die Zahl der Spieler, die diese Obergrenze erreichen, sei laut Kuntz „auf zwei oder drei beschränkt“.
Umso wichtiger wird die Balance zwischen sportlichem Erfolg und wirtschaftlicher Vernunft. In den letzten Jahren war diese oft verloren gegangen. Mehr als 38 Millionen Euro investierte der HSV in sieben Jahren 2. Liga in neue Spieler, ohne den gewünschten Effekt zu erzielen. Gleichzeitig blieb der Transfererlös mit rund 70 Millionen Euro deutlich hinter dem Potenzial. Kuntz und Huwer haben nun das Ziel, das Verhältnis zwischen Investition und Ertrag besser auszutarieren.
Ein zentrales Element der Strategie ist dabei die Kaderverkleinerung. Trainer Merlin Polzin ließ zuletzt durchblicken, dass es Spieler im Kader gibt, mit denen nicht mehr geplant wird – etwa Lukasz Poreba, der bereits in Trainingsspielen außen vor blieb. Kuntz bestätigte, dass weitere Abgänge notwendig seien, um den Kader zu optimieren. Gleichzeitig betonte er, dass „zwei, drei Transfers noch relativ zeitnah“ realisiert werden sollen, um den Kader auf Bundesliganiveau zu bringen. Die Verantwortlichen wollen zum Ende der Transferphase so aufgestellt sein, „dass wir mindestens drei Mannschaften hinter uns lassen“.
Ein Verein mit Strahlkraft
Was diesen neuen HSV auszeichnet, ist eine Kombination aus Pragmatismus und ruhiger Zuversicht. Kuntz, der in Interviews durchaus offen über persönliche Tiefpunkte spricht – etwa über die Jahre nach seinem Karriereende als Spieler, in denen er sich selbst aus einem mentalen Loch arbeiten musste –, bringt eine ungewöhnliche Ernsthaftigkeit und Bodenhaftung mit. Sein persönlicher Reifeprozess scheint nun die Basis seiner Arbeit als Führungskraft zu bilden. „Die Sucht nach Anerkennung habe ich hinter mir gelassen“, sagte er kürzlich, „jetzt treibt mich die Sucht nach Weiterentwicklung an.“
Diese Haltung überträgt sich zunehmend auf das Projekt HSV. Der Club versucht, sich seiner Möglichkeiten bewusst zu werden, ohne in alte Muster zu verfallen. Es gibt keine Durchhalteparolen, keine vollmundigen Versprechen – stattdessen ein nüchternes Ziel: drinbleiben. Und sich mittelfristig wieder zu einem stabilen Bundesligisten entwickeln.
Dass der HSV trotz finanzieller Zwänge wieder über ein gewisses Maß an Strahlkraft verfügt, liegt auch an der Historie. Der Verein bleibt ein schlafender Riese, dessen Umfeld nach Erfolgen lechzt – aber inzwischen offenbar auch Geduld gelernt hat. Die Aufstiegsfeierlichkeiten zeigten ein Stadion, das an sich glauben will. Und einen Sportvorstand, der diesen Glauben nicht durch große Worte, sondern durch solides Handwerk bestärken möchte.
Langfristig will man sich „entlang eines strategischen Kompasses“ entwickeln, wie es Finanzchef Huwer formulierte. Dazu gehört der Aufbau einer Mannschaft mit klarer Struktur, einer geordneten Gehaltsarchitektur – und einer Transferpolitik, die mittelfristig wieder größere Einnahmen generiert. Die Verkäufe von Ludovit Reis, Matheo Raab und András Németh sind ein Anfang – sie spülten 6,85 Millionen Euro in die Kasse. Gleichzeitig wird auch auf Leihgeschäfte gesetzt: Mit Adam Karabec (Sparta Prag) und Daniel Peretz kommen Spieler mit Potenzial, ohne das Budget übermäßig zu belasten.
Im Grunde bewegt sich der HSV auf einem schmalen Grat: zwischen Bundesliga-Realität und dem Wunsch nach altem Glanz. Stefan Kuntz ist dabei der Architekt einer Phase, in der der Verein beides vereinen will – die Sehnsucht der Fans nach Größe und die Notwendigkeit, sich diese Größe neu zu erarbeiten. Am Ende ist dieser neue HSV kein spektakuläres Projekt. Aber vielleicht gerade deshalb eines, das Erfolg versprechen könnte. Unter Stefan Kuntz hat der Verein einen Kurs eingeschlagen, der nicht auf kurzfristige Schlagzeilen, sondern auf langfristige Struktur ausgelegt ist. Ob das reicht, um die Bundesliga zu halten, wird die Saison zeigen. Doch klar ist: Nach Jahren des Stillstands bewegt sich der HSV wieder – und das nicht in Richtung Chaos, sondern in Richtung Zukunft.