Es braucht einen Energie-Mix. Dabei geht es nicht nur um die Energieform, Strom oder Brennstoffe, sondern der Mix besteht auch aus netzbasierten oder mobil-flexiblen Energieträgern, mahnt der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes en2x Fuels und Energie, Professor Christian Küchen.
Herr Professor Küchen, Hauptstreitpunkt, welcher Energieträger der Zukunft in welcher Konsistenz ist der beste, haben Sie eine wegweisende Idee?
Klar ist, Fernwärme und auch Elektrifizierung der Wärme, zum Beispiel durch Wärmepumpen, sind ein wichtiger Teil der Lösung. Aber ohne erneuerbare Gase oder Heizöl werden die gesetzten Klimaziele nicht erreicht. Und so ist unser Vorschlag auch zu verstehen. Ähnlich wie wir es im Straßenverkehr auch machen, brauchen wir auch bei der Wärmeversorgung wachsende Anteile erneuerbaren Heizöls in diesem Mix, die ohne große Umbauten in den bestehenden Anlagen funktionieren, aber auch in neu installierten Heizungen.
Das heißt, E-Fuels ersetzen die fossilen Brennstoffe, egal ob in Gas- oder Ölform?
Das können E-Fuels sein, das werden aber auch sehr viele Biofuels sein. Wenn Sie heute an der Tankstelle Diesel tanken, sind da schon immer bis zu sieben Prozent erneuerbaren Diesels drin, teilweise sogar mehr. Und beim Benzin beispielsweise bis zu zehn Prozent Bioethanol, daher kommt ja der Name E10. Das sind also biobasierte Moleküle, bei denen Reststoffe verarbeitet werden, und perspektivisch auch strombasierte Moleküle, also solche, die aus grünem Wasserstoff und CO2, dann synthetisch erneuerbare Moleküle herstellen. Das sind andere Quellen, aber eben nicht mehr fossil.
Kritiker monieren, um eine Kilowattstunde Strom auf grüner Wasserstoff-Basis herzustellen, müssen in der Produktion des Wasserstoffs vier Kilowattstunden reingesteckt werden, stimmt das?
Die Effizienz der Wasserstoffherstellung aus Strom liegt ungefähr bei 50 Prozent. Das heißt, ich brauche zwei Teile Energie aus Strom und nicht vier. Aber wenn ich daraus dann noch flüssige Kraftstoffe mache, dann ist es etwas mehr. Aber generell stimmt, es muss mehr Energie investiert werden, als ich dann in Form von transportfähigem, darauf kommt es an, grünem Wasserstoff für die Energierückgewinnung wieder rausbekomme.
Darum behaupten ja viele Kritiker, der grüne Wasserstoff sei völlig ineffizient …
Nur, so kann man das eben nicht sagen, es ist nicht zu Ende gedacht. Beispiel: Strom aus Windkraftanlagen. Die Betreiber stellen ihre Anlagen nicht mehr bei uns in Deutschland auf, wo der Wind gar nicht so viel weht, sondern die Windräder werden zum Beispiel in Chile oder anderen windreichen Gegenden der Welt gebaut. Dann machen die gleichen Windkraftanlagen dreimal so viel Energie und das kompensiert diesen Effekt. Denn den Strom aus Chile können wir hier gar nicht als elektrischen Strom nutzen. Den muss ich in Form von zum Beispiel synthetischem Diesel oder Benzin hierherbringen. Und insofern hinkt der Vergleich mit der Effizienz. Das müssen wir uns schon sehr genau angucken und das sollten auch die Kritiker in ihrer Rechnung mal berücksichtigen.
Aber dann könnten wir ja die Energie aus elektrischem Strom gleich hier bei uns direkt in Wärme oder Mobilität umsetzen?
Also, wir sind nicht gegen Elektrifizierung. Sowohl in der Mobilität als auch in der Wärme wird das eine wichtige Rolle spielen. Aber als alleiniges Konzept, auch aus Gründen der Versorgungssicherheit, wird das nicht funktionieren. Zukünftig muss es auch immer um die Resilienz in der Versorgung für die vielen Anwendungen gehen. Im gesamten Blaulichtbereich, in Kliniken, Seniorenheimen, bei Sicherheitsdiensten bis hin zur Verteidigung, werden wir natürlich mobile Bio-Energie-Moleküle brauchen, als transportable Kraftstoffe, die keine festen Netze oder Pipelines brauchen.
Herr Professor Küchen, sprechen Sie damit den Megastromausfall in der ersten Januarwoche in Berlin an? 50.000 Haushalte saßen fünf Tage im Dunkeln und Kalten.
Das ist so ein Beispiel, an das ich jetzt ehrlich gesagt gerade gar nicht gedacht habe. Aber das trifft genau den Punkt Versorgungssicherheit. Dass bereits nach 24 Stunden zumindest Kliniken und Pflegeheime wieder Strom hatten, lag an den mobilen Stromgeneratoren, die mit Diesel liefen. Das zeigt, die transportablen Energieträger sind da dann doch schon versorgungssicherer, als wenn man nur auf die festen Leitungen vertraut. Das gilt ganz besonders, wenn man sich den Wärmemarkt anschaut ...
… der Megastromausfall war Ergebnis eines Terroranschlages durch Klimaaktivisten, also eine besondere Situation …
… das stimmt, das war eine Ausnahme. Doch die hinter uns liegenden Monate Dezember, Januar und Februar waren außergewöhnlich kalt und dann heizen wir alle gleichzeitig, brauchen alle gleichzeitig viel Energie. Das kommt aber vielleicht nur alle paar Jahre mal für wenige Tage vor. Doch Stromleitungen für diese Spitzenlasten, die dann durch ausschließlich Wärmepumpen noch weitaus höhere Spitzenleistungen bringen müssten, zu bauen, ist extrem teuer. Dazu kommt, diese Hochleistungs-Stromleitungen werden allerdings nur ein paar Wochen im Jahr tatsächlich benötigt. Deswegen steigen auch die Stromkosten. Nur, es ist nicht die Stromerzeugung, sondern die Netze, deren Kosten sich immer nach den vorgehaltenen Spitzenlasten berechnen. Das muss vermieden werden, darum ist es schon sinnvoll, gerade für diese Spitzenlasten auf flexibel einsetzbare Energieträger wie Heizöl oder Flüssiggas zu setzen, die dann einfach vor Ort angeliefert werden können. Da brauchen sie keine Leitungsinfrastruktur.
Also mobile Energien versus Netze?
Nein, mobil-flexibel einsetzbare – nicht versus, sondern gemeinsam mit netz- und leitungsgebundenen Energieträgern. Sie müssen sich nur mal mit Vertretern aus dem Verteidigungssektor unterhalten. Die einzigen Energieträger, die sie nutzen, sind genau mobil-flexible Energien. Sie können jederzeit mit einem Aggregat dann daraus Strom erzeugen. Sie brauchen keine Leitungen zu bauen. Sie stellen ein Dieselaggregat dahin, füllen den Tank und dann haben Sie Strom. Und genauso können Sie damit fahren oder fliegen. Und das ist genau der Vorteil. Wir werden das garantiert langfristig in Ergänzung zur Elektrifizierung brauchen.