Der „Hüne aus Hollywood“ war mehr als fünf Dekaden lang ein Leading Man in der Filmbranche. Heute lebt der 84-Jährige zurückgezogen in Malibu und steht nur gelegentlich vor der Kamera. Wie nächstes Jahr, an der Seite von Halle Berry, in dem Thriller „Crime 101“.
Ein echter Rebell! Der sich nie anpasste, der immer sein Ding machte. Der wahnsinnig ehrlich und aufrichtig ist. Ein liebenswerter Mensch und ein fantastischer Schauspieler“, so schwärmte Til Schweiger von Nick Nolte. Nicht nur als Fan, sondern auch als Kollege. Denn Schweiger holte sich die Hollywood-Legende 2018 für „Head Full of Honey“ vor die Kamera. In diesem internationalen Remake von „Honig im Kopf“ spielte Nolte den an Demenz erkrankten Großvater Amadeus mit viel Lebenslust und Humor. Dass er sich dabei meist in seinem Paralleluniversum befindet, macht den Reiz des Films gerade aus.
Der große Blonde (1,85 Meter) aus dem mittleren Westen war über 50 Jahre der Prototyp des All-American-Man: athletisch gebaut, betont maskulin. Und sah auch mit Ende 40 noch aus, als hätten ihn sich zwei Football-Coaches am Telefon ausgedacht. Durch seine beeindruckende Physis war er geradezu prädestiniert für die harten Draufgänger-Rollen im amerikanischen Action-Kino. „Ich strotzte damals vor Lebenskraft und war stark wie ein Ochse“, sagt der 84-Jährige heute. „Daraus habe ich lange Kapital geschlagen. Aber ich bin sehr froh, dass ich jetzt im Alter auch noch Rollen finde, die mir wirklich etwas bedeuten.“
Vom Theater ins TV auf die Leinwand
Nick Nolte lernte in den 60er-Jahren am Theater die Schauspielerei von der Pike auf. Anfang der 70er-Jahre gelang ihm der Sprung ins US-Fernsehen und er war unter anderem in Gastrollen in Serien wie „Die Straßen von San Francisco“ und „Reich und Arm“ zu sehen. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 1977 mit dem Taucher-Thriller „Die Tiefe“ an der Seite von Jaqueline Bisset; die beiden waren damals auch ein Liebespaar.
Nick Nolte war in Hollywood angekommen. Dabei wollte er eigentlich nie Schauspieler werden. Sondern Football-Profi. Die Statur und das Talent für einen Profi-Quarterback hatte er auf jeden Fall. Was ihm fehlte, war Disziplin.
Gegen Konventionen zu rebellieren und seine Vorliebe für Alkohol und Drogen brachten Nick Nolte schnell mit dem Gesetz in Konflikt. Wegen Gehorsamsverweigerung und Trunkenheit am Steuer war er mehrmals im Gefängnis. Höhepunkt seiner Randale war allerdings der Verkauf von gefälschten Ausweisen. Dafür wurde er laut eigener Aussage 1962 zu insgesamt 75 (!) Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 75.000 Dollar verknackt. Zum Glück nur auf Bewährung. Schließlich kriegte er doch noch die Kurve und fand zur Schauspielerei.
Und Nick Nolte machte seine Sache gut. Er mauserte sich zum Charakterdarsteller und gehörte in den 80er-Jahren zu den erfolgreichsten Schauspielern in Hollywood. Unvergessen, wie er dem Turbo-Talker Eddie Murphy in „Nur 48 Stunden“ und in „Und wieder 48 Stunden“ scharfzüngig über den Mund fuhr. In dem Thriller-Remake „Kap der Angst“ von Martin Scorsese ließ er sogar seinen Gegenspieler Robert De Niro ziemlich alt aussehen.
Echte Star-Qualitäten entwickelte Nolte im Psychodrama „Herr der Gezeiten“ von und mit Barbra Streisand. Für die Rolle eines Ex-Footballtrainers, der sich in seine Psychotherapeutin verliebt, bekam er 1992 einen Golden Globe als Bester Hauptdarsteller und die erste Oscar-Nominierung. Zwei weitere folgten für „Der Gejagte“ (1999) und „Warrior“ (2012). Nolte war endlich ganz bei sich angekommen und emotional gefestigter und reifer geworden. Mutig zeigte er auch die Verletzungen, die ihm das Leben geschlagen hatte. „Endlich konnte ich ganz offen zu meinen Fehlern stehen. Von denen ich aber keinen einzigen bereue. Denn aus meinen Fehlern habe ich am meisten gelernt.“
Nach Entzug seit Jahren clean
Trotz des Ruhms und Reichtums lebte Nolte aber weiterhin gerne auf Messers Schneide. Er raste gerne auf dem Motorrad durch Malibu und lieferte sich mit Hollywoodstar Steve McQueen auch schon mal gefährliche Rennen. Er lutschte LSD wie Bonbons, schnupfte Kokain und nahm für die Rolle als drogenabhängiger Glücksspieler in „Der Dieb von Monte Carlo“ sogar Heroin. 1992 wurde er vom „People“-Magazin zum „Sexiest Man Alive“ gewählt. Zehn Jahre später ging sein schockierendes Fahndungsfoto um die Welt: Es zeigte einen abgezehrten, apathischen Nick Nolte mit verfilzten Haaren und leerem Blick. Heute sagt er: „Ich sehe darauf aus wie jemand aus der Irrenanstalt, der zum Spaß ein Hawaiihemd anhat. Damals brauchte ich ganz dringend Hilfe.“ Tatsächlich schaffte Nick Nolte den Absprung: Er checkte sich selbst in eine Entzugsklinik ein und ist nun seit vielen Jahren clean. 2007 wurde seine Tochter Sophia geboren. Mit 66 ist er zum zweiten Mal Vater geworden. 2016 heiratete er Sophias Mutter, seine langjährige Freundin Clytie Lane. Es ist seine vierte Ehe.
Nick Nolte, der zugibt, jetzt „öfter an den Tod als an Sex“ zu denken, hatte „ein sehr schönes und erfülltes Leben, das ich noch jeden Tag sehr genieße“. Aber vom Rentnerdasein keine Spur. Old Nick hält sich immer noch an das Motto von Cervantes’ Don Quijote: „Um das Unmögliche zu erreichen, musst du das Absurde versuchen.“