Nicht nur auf der Straße wird in Frankreich demonstriert: Mittlerweile machen auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger der Mittel- und Oberschicht ihrem Unmut Luft – zwar online, aber mit dem gleichen Wutpotenzial.
Eine neue französische Bürgerbewegung im Netz sorgt seit diesem Sommer für Unruhe in der Politszene von Paris. Mit „C’est Nicolas qui paie“ – Nicolas zahlt die Zeche – macht sich bei unseren französischen Nachbarn immer mehr Unmut breit über die steigende Steuer- und Abgabenlast. Es erinnert an die Gelbwestenbewegung Ende 2018 / Anfang 2019 mit Massenprotesten und Krawallen in ganz Frankreich. Doch es gibt einen deutlichen Unterschied: Dieses Mal ist es keine Protestwelle von links oder besser gesagt von Menschen mit geringem Einkommen, sondern vielmehr ein Aufstand der Mittelschicht. Nicolas, einer der beliebtesten Vornamen in den 80er-Jahren in Frankreich, steht fiktiv für einen studierten weißen Angestellten zwischen 30 und 40 Jahren mit gutem Job, eher in einer Groß- oder Mittelstadt anzutreffen als auf dem Land. Der Tenor: Schnauze voll, die zunehmenden Rentenlasten der Babyboomer sowie die steigenden Soziallasten, allen voran der Migranten und Arbeitslosen, zunehmend allein zu schultern. Bei den neuen Wutbürgern herrscht das Gefühl vor, den Politikern falle nichts anderes mehr ein, als die Steuern für die hart arbeitende Bevölkerung zu erhöhen, um irgendwie die Lücken im Haushalt zu schließen und das Sozialsystem zu finanzieren. Auf einen einfachen Nenner gebracht, heißt das: zu viel Geld, um selbst Sozialleistungen zu beziehen, zu wenig Geld, um den sozialen Aufstieg wie ein Eigenheim zu finanzieren und das bei steigenden Kosten für Immobilien und Lebenshaltung. Statistisch gesehen hat ein Rentner in Frankreich inzwischen netto mehr in der Tasche als ein Durchschnittsverdiener.
Protest aus dem Internet
Wer letztendlich hinter „Nicolas“ steckt, ist im Gegensatz zur Gelbwestenbewegung von vor sechs Jahren derzeit nicht genau bekannt: Der Account auf der Plattform X wird jedoch von einem etwa dreißigjährigen Mann aus der Privatwirtschaft betrieben, so „France Info“. Gemein ist beiden Bewegungen nur, dass sie ihren Ursprung in den sozialen Netzwerken haben. Die Gelbwesten starteten auf Facebook als Protest gegen steigende Mineralölsteuer und Energiekosten, „Nicolas“ auf X gegen überbordende Steuern und Abgaben. Gab es Ende 2024 erst rund 70.000 Tweets, zählte die Plattform für die Überwachung von sozialen Netzwerken Visibrain Ende Juli dieses Jahres bereits fast 600.000 Tweets. Tendenz seit Juni enorm steigend. Und das sorgt zunehmend für Unruhe bei den Politikern insbesondere bei Staatspräsident Emmanuel Macron. Schließlich zählt der generische „Nicolas“ eher zu den Wählern des Macronlagers.
Wie nicht anders zu erwarten, hat die neue Bewegung auch die Rechtsextremen um Marine Le Pen auf den Plan gerufen. Denn das Thema „Schnauze voll“, weiter für die Soziallasten der Migranten und vermeintlichen Nichtstuer aufzukommen, ist für den rechtsextremen Rassemblement National RN ein gefundenes Fressen. Das Dilemma: Der RN rekrutiert seine Wähler oftmals unter den unzufriedenen Arbeitern und Rentnern und weitaus weniger aus der noch relativ wohlhabenden Mittelschicht. So wirkt es einfach widersprüchlich, höhere Renten zu verlangen, aber gleichzeitig gegen die steigende Abgabenlast zu protestieren. Denn irgendjemand muss die Zeche zahlen, in der Regel eben „Nicolas“.
Unfaire Lastenverteilung
Aber auch die konservativen Republikaner Les Républicains versuchen, sich die Argumente der Nicolas-Bewegung eigen zu machen. Der erzkonservative Innenminister Bruno Retailleau warnt schon mal gerne vor Steuererhöhungen. Dass die Linke La France Insoumise und die Sozialisten die neue Bewegung gutheißen, dürfte aber eher andere Gründe haben. Ihnen geht es vor allem darum, den unbeliebten Präsidenten Macron endlich loszuwerden oder ihm zumindest einen Denkzettel zu verpassen. Und da kommt jeder Protest gelegen. Doch wie die horrenden Schulden Frankreichs und ein Defizit von 5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Zukunft abgebaut werden sollen, glatte Fehlanzeige bei den Linken. Sind es doch gerade sie, die immer wieder die Steuern der so genannten Reichen erhöhen wollen.
Während die Oppositionsparteien trotz aller Widersprüche Morgenluft wittern, geht es der Bewegung „C’est Nicolas qui paie“ nach Ansicht von Maxime Sbaibi, Wirtschaftswissenschaftler bei der französischen Denkfabrik Institut Montaigne, gar nicht um Krawalle oder um Hass auf das politische System. Sie fordere vielmehr eine öffentliche Debatte um die ihrer Meinung nach unfaire und zu hohe Steuer- und Abgabenlast. Gerade in Corona-Zeiten habe die jüngere Generation zugunsten der Älteren auf viel verzichten müssen und sie verlange jetzt einfach mal etwas zurück.
Eine öffentliche Auseinandersetzung, der sich wohl kaum eine politische Partei entziehen kann. Und wer als Politiker nicht genau hinhört, der könnte in diesem Herbst oder spätestens bei den nächsten Wahlen sein blaues Wunder erleben. Unsere französischen Nachbarn sind dafür bekannt, ihrem Frust schnell mal freien Lauf zu lassen. Sie sind imstande, im Gegensatz zu Deutschland die Massen von jetzt auf gleich zu mobilisieren und mit Streiks das Land kurzerhand lahmzulegen. Es könnte also ein heißer Herbst werden in Paris. Dem zivilen Ungehorsam sei Dank.