Dr. Elisabeth Lechner, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin in Wien, forscht seit mehr als zehn Jahren zu Körperbildern und Body Positivity. Sie spricht über Ursachen und Veränderung des Schönheitsdrucks, den Einfluss von
Social Media und das sogenannte „Pretty Privilege“.
Frau Dr. Lechner, in der Beauty-Industrie und Schönheitschirurgie, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, werden vermeintliche Makel kapitalisiert – haben viele Menschen so wenig Selbstbewusstsein, dass sie Idealen nacheifern? Oder streben wir aus anderen Gründen nach Perfektion?
Ich würde die Logik der Frage gerne auf den Kopf stellen: Wie soll man in einer lookistischen Gesellschaft, die so stark aufgrund des Äußeren differenziert und diskriminiert, nicht nach Normschönheit streben? Wenn wir genau das von klein auf lernen und in allen Medien als einzig lebenswertes Leben zurückgespiegelt bekommen, besonders als Frauen? Bei dem Streben nach einem normschönen Körper geht es meines Erachtens in den seltensten Fällen um Eitelkeit oder darum, als die oder der Schönste wahrgenommen zu werden, sondern vielfach um das Privileg der Unsichtbarkeit, also darum, nicht als anders, hässlich oder gar eklig markiert zu werden. Nicht aus dem Durchschnitt rauszufallen und dazuzugehören. Statt einem individuellen Mangel an Selbstbewusstsein nähere ich mich Schönheitsdruck als strukturellem Phänomen, das großen Druck erzeugt und all jenen Vorteile verschafft, die als attraktiv wahrgenommen werden.
Wie hat sich das Streben nach Schönheit und Perfektion in den letzten zehn Jahren verändert?
Mitte der 2010er-Jahre war der Höhepunkt der Body-Positivity-Bewegung, also jener Bewegung, die zumindest eine kommerziell verträgliche Form von Vielfalt salonfähig gemacht hat. Das war insofern bemerkenswert, als es zum Beispiel in den 2000er-Jahren auch diese Form der Repräsentation und Diversität nicht gegeben hat. Aber auch vor zehn Jahren waren nicht alle Körper akzeptiert. Dem Prinzip der minimalen Abweichung folgend, zumindest aber jene, die in nur einem Merkmal von der jungen, dünnen Norm abweichen: Plus-Size-Models mit der perfekten Sanduhrfigur zum Beispiel. Seitdem hat das Pendel wieder in die andere Richtung ausgeschlagen. Aktuell sehen wir uns mit einem nie dagewesenen Schönheitsdruck und einer wahnsinnig verengten Vorstellung von Schönheit konfrontiert. Das hat mit Anwendungen Künstlicher Intelligenz und Filtern genauso zu tun wie mit der Verbreitung von sogenannten Abnehmspritzen und dem Erfolg rechtsradikaler und rechtspopulistischer Bewegungen, die gerade Frauen nur ein enges Korsett an akzeptierten Körpervorstellungen und Lebensentwürfen zugestehen.
Von Gesichtsverjüngung über Nasenkorrektur und Brust-OP – manche Frauen haben sich der Schönheit wegen schon mehrmals operieren lassen. Beauty-Behandlungen und Schönheitsoperationen nehmen immer weiter zu. Denken Sie, dass dieser Boom auch ohne Social Media entstanden wäre?
Soziale Medien haben den Druck sicherlich verstärkt, aber lookistisch war unsere Gesellschaft schon davor. Wer schön ist (oder präziser: wer als schön wahrgenommen wird), hat Vorteile in allen Lebenslagen, vom Dating und dem Arbeitsmarkt bis zur Bildung und der Gesundheitsversorgung, während als hässlich oder gar eklig Wahrgenommene Nachteile erfahren. Die Frage nach den Ursachen des Schönheitsdrucks ist komplex. Unterschiedliche Disziplinen geben hier unterschiedliche Antworten. Kulturwissenschaftlich betrachtet können wir Schönheitsdruck nicht ohne Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus verstehen. Über ewig unerreichbare Vorstellungen von Schönheit wird Kontrolle über Frauen ausgeübt und Zweigeschlechtlichkeit immer wieder aufs Neue hergestellt. So haben Frauen zu sein und so Männer. Die schlanke, schöne Frau ergänzt den starken, muskulösen Mann. Queere Menschen fallen oft ganz durch das Raster beziehungsweise werden dadurch, dass sie nicht heteronormativen Vorstellungen entsprechen, schnell auch zum Objekt degradiert und Opfer von Gewalt. Dasselbe gilt für Menschen mit Behinderung. Der Ausschluss von Schwarzen Menschen hat mit Kolonialismus, Eurozentrismus und immer noch vorherrschenden Rassismen zu tun, die wir dringend loswerden müssen. Aus immer neu geschaffenen „Problemzonen“ – und unseren Unsicherheiten! – macht die Schönheitsindustrie dann Milliardenprofite, denn auch wenn wir auf unterschiedliche Arten nie genügen, genügt nie jemand ganz, sonst könnte man ja keine Produkte und Beauty-Dienstleistungen mehr verkaufen. Gerade wenn wir über Botox und andere sogenannte minimalinvasive Eingriffe sprechen, wird ein Abo-Modell von Schönheit deutlich, denn diese Prozeduren sind ja nicht mit einem Mal getan, sie müssen quartalsweise erneuert werden.
Verfälschen Vorher-Nachher-Bilder, Filter & Co. bei sozialen Medien den Blick für die Realität?
Ich bin kein Fan von einem Einbahnstraßen-Modell von Mediennutzung, also dass Inhalte nur so einprasseln auf passive Nutzerinnen und Nutzer und dort negative Effekte haben.
User können sich gegenüber Inhalten auch kritisch positionieren oder selbst widerständige Inhalte produzieren. Gleichzeitig macht es einen Unterschied, wie wir unsere vielen Stunden Bildschirmzeit füllen und ob wir immer nur dieselben perfekten Gesichter und Körper ohne Poren, Narben und Haare sehen. Spannende Forschung von der Universität Wien hat herausgefunden, dass es mit Disclaimern leider nicht getan ist, also dass sich das eigene Körperbild nicht verbessert, nur weil bearbeitete Bilder mit einem Disclaimer versehen werden; selbst wenn der von Jugendlichen selbst gestaltet wird. Es gibt also leider keinen Quick-Fix für komplexe, strukturelle Problemlagen.
Gerade bei Instagram scheint es bei vielen Accounts vor allem um die Themen Selbstoptimierung und Schönheitseingriffe zu gehen – halten Sie das für bedenklich/gefährlich?
Das ist sicher kritisch zu betrachten. Aber je besser man Inhalte einordnen kann, desto weniger ist man ihnen wehrlos ausgeliefert. Wer also verstanden hat, warum gerade junge, dünne, weiße Frauen (vorzugsweise im Bikini) so stark ausgespielt werden von Algorithmen (da sie als Werbefläche dienen), der/die hat gelernt, das Problem nicht bei sich selbst und nicht im eigenen Körper zu suchen, sondern im profitgetriebenen System des Plattformkapitalismus, das uns mit der Überwachung unserer Nutzerinnen-/Nutzerdaten und ihrer Monetarisierung immer neue, gezielt auf uns abgestimmte Produkte verkaufen will.
Ab wann kann man beim Streben nach Perfektion und nach Schönheit von einer Sucht sprechen? Und sollten sich Betroffene hier behandeln lassen?
Ich bin keine Psychologin. Ich würde aber sagen, dass man nie Angst davor haben sollte, sich Hilfe zu suchen. Gerade, wenn die eigenen Gedanken nur um Essen und den eigenen Körper kreisen, können Expertinnen und Experten helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ein Leben mit mehr Körperfreiheit ist absolut möglich und erreichbar!
Warum ist das Alter etwas, das anscheinend immer stärker und auch schon in jungen Jahren bekämpft werden soll?
Die Zeichen eines gelebten Lebens unsichtbar zu machen oder gar präventiv zu verhindern, dass sie entstehen, ist vor allem eines: ein riesiges Geschäftsmodell und ein Machthebel, der Frauen einschränkt und unter Kontrolle hält.
Stehen Frauen mehr unter Druck, körperliche Ideale zu erfüllen, als Männer?
Der Schönheitsdruck für Männer und gerade Jungs, Stichwort „Lauch“, hat auf jeden Fall zugenommen. Gleichermaßen leben wir weiterhin in einer patriarchalen Gesellschaft, in der der Wert von Frauen noch immer viel mehr über ihr Äußeres festgelegt wird als der von Männern. Wir haben große Fortschritte gemacht in den letzten 150 Jahren, aber diese Muster aufzubrechen, gelingt nicht von heute auf morgen. Rechte und Freiheiten müssen verteidigt und immer neu gewonnen werden, auch heute. Es ist bei Weitem nicht schon alles erledigt, den Feminismus braucht es immer noch!
Stichwort „Pretty Privilege“ – gibt es Studien darüber, dass Menschen, die dem jeweils aktuellen Schönheitsideal entsprechen, im Alltag und bei der Jobsuche/im Beruf wirklich besser behandelt werden?
Ja, Unmengen. Das ist empirisch klar belegt. Besonders dicke Menschen sehen sich mit einer krassen Form von struktureller Ungleichbehandlung konfrontiert. Sie werden als faul, unprofessionell und weniger sozial gelesen, weswegen sie beispielsweise am Arbeitsmarkt und in der Gesundheitsversorgung schlechter behandelt werden. Das kann so weit gehen, dass dicken Menschen mehr Schmerzen zugemutet werden oder sie bei gleicher Qualifizierung für weniger kompetent gehalten werden, was oft zu versäumten Job-Chancen oder einem niedrigeren Gehalt führt.
Kleine Nase, volle Lippen – bereits junge Frauen lassen sich für dieses Idealbild operieren, oft spricht man schon von einem Einheitsgesicht. Wird Individualität in unserer Gesellschaft immer unwichtiger?
Ich würde sagen, der Preis dafür, von der Norm abzuweichen, ist aktuell noch höher als noch vor einigen Jahren. Der Druck hat zugenommen und gleichzeitig sind unsere Vorstellungen von Schönheit noch enger geworden. Eine Entwicklung, die ich auch demokratiepolitisch für sehr problematisch halte, weil sie dazu führt, dass sich immer mehr Menschen, gerade junge Frauen, aus gesellschaftlichen Situationen zurückziehen und wir all die Potenziale, die diese Menschen mitbringen, verlieren. Zu tun gäbe es gesellschaftlich in einer Zeit der Vielfachkrisen ja wirklich genug.
Sehen Sie auch eine Gegenbewegung zu Selbstoptimierungs- und Schönheitswahn? Und wie genau sieht diese aus?
Die Ursprünge der „Body Positivity“ liegen in der US-Fat-Liberation der 1960er- und 1970er-Jahre. Da ging es Aktivistinnen und Aktivisten nicht um oberflächliche Dauerselbstliebe – die ja ohnehin unmöglich ist in einem System, das einem täglich das Gegenteil einredet –, sondern um strukturelle Kritik und Machtverhältnisse, also das Beenden von lookistischer Diskriminierung als solches. Daran können wir uns jedenfalls ein Vorbild nehmen. Genau darum geht es: dass alle so akzeptiert werden, wie sie sind. Radikale Inklusion. Es gibt diese Stimmen und Aktivistinnen/Aktivisten auch heute noch, aber sie sind weniger geworden in den letzten Jahren. Leider.
Die Body-Positivity-Bewegung der letzten Jahre scheint vor allem seit dem Trend mit Abnehmspritzen leiser geworden zu sein. Kann man davon ausgehen, dass in Zukunft immer mehr Menschen normalgewichtig bis dünn sowie faltenfrei sind und nicht mehr gegen vorgeschriebene Ideale rebelliert wird?
Es haben immer diejenigen die besten Chancen, ihren Körper in Richtung Normschönheit zuzurichten, die das meiste Geld, die meiste Zeit und die meisten Ressourcen dafür haben. Auch heute bleiben Schönheitspolitiken vor allem eines – eine Klassenfrage. Sozioökonomische Umstände bestimmen nicht nur, wer wie gesund alt wird, sondern eben auch, wer schön und fit ist.
Wie ist Ihre Prognose: Wird der Boom der Schönheitsindustrie noch stärker werden und werden wir uns in Zukunft noch mehr über Schönheit definieren oder kippt das irgendwann?
Ich wünsche mir ja nichts mehr als eine solidarische Schönheitsrevolution. Dass wir über Räume geteilter Verletzlichkeit verstehen lernen, dass dieser irre Schönheitsdruck uns allen schadet, dass wir ihn überwinden können. Ich sehe eine solche Bewegung jetzt nicht in greifbarer Nähe, aber ich glaube fest daran, dass sie möglich ist. Gerade auch, weil wir so viele Ressourcen gewinnen für andere Projekte, wenn wir den Fokus auf die Selbstoptimierung aufheben. Politische Organisierung statt Optimierung!
Welche Tipps würden Sie Eltern geben, die ihre Kinder in dieser visuell überreizten und nach optischer Perfektion strebenden Welt erziehen müssen?
Das Gefühl von bedingungsloser Sicherheit, Liebe und Anerkennung ist die beste Impfung gegen Schönheitsdruck. Ich finde ja, dass Social-Media-Konzerne in die Verantwortung genommen werden sollten, aber solange das nicht der Fall ist, braucht es jedenfalls einen kontrollierten und informiert-kritischen Umgang mit sozialen Medien. Es gibt weiterhin auch ermächtigende Inhalte auf sozialen Medien und die Möglichkeit zur Vernetzung, aber alle Begegnungen, die auch abseits davon gelingen, im analogen Miteinander, sind ein Gewinn.
Sie beschäftigen sich auch mit Popkultur. Gibt es Stars oder Serien/Filme, die für Sie ein vorbildliches oder befreiendes Körperbild vermitteln?
Aktuell gehen leider ein bisschen die Vorbilder verloren. Besonders Lizzo und Serena Williams machen mich persönlich auch sehr traurig. Aber es gibt sie weiterhin, die widerständigen, mutigen Frauen, die sich nicht auf ihr Aussehen reduzieren lassen. Ich denke dabei zum Beispiel an Sängerinnen wie Paris Paloma, die mit „Good Girl“ eine feministische Hymne gegen den Schönheitsdruck geschrieben hat, oder Schauspielerinnen wie Anke Engelke, die keine Eingriffe vornehmen lassen und das in Interviews wortgewaltig und selbstverständlich verteidigen. In meinem Buch „Riot, don’t diet“ gibt es eine ganze Liste an Role Models und Fat Activists zum Folgen.
Was macht es mit uns, wenn wir die Ideale, nach denen wir streben, nicht erreichen?
Schönheitsdruck ist, wie ich nicht müde werde zu betonen, keine oberflächliche Sache. Es geht dabei um Entwürfe eines gelungenen Lebens, des Dazugehörens und des Akzeptiertwerdens. Ausgrenzung aufgrund körperlicher Merkmale und Scham-Erfahrungen können dazu führen, dass Menschen sich zurückziehen und vereinsamen. Das dürfen wir nicht zulassen! Vielmehr lade ich zum Umdenken ein: Wir können den Körper als Wahrnehmungsmaschine betrachten, die uns Zugang zur Welt ermöglicht und all das erleben lässt, was das Leben lebenswert erscheinen lässt. Genuss von Essen! Sonne auf der Haut spüren! Der kühle Wind! Schwimmen, Radfahren, Tanzen, Bewegung in der Natur. All das geht nicht ohne Körper und wir haben alle nur den einen, also machen wir das Beste daraus!