Warum ist „einfach mal faul sein“ gesellschaftlich eigentlich so verpönt?
anche sagen, ich sei faul. Es heißt immer, man dürfe nicht faul sein. Wer das bestimmt und warum das so sein soll, das sagt einem jedoch niemand. Es scheint willkürlich. Irgendwann stand morgens jemand auf und sagte: Man darf nicht faul sein. Hätte er sich ein anderes Adjektiv herausgepickt – sagen wir gelb, schön, adrett, verständlich oder leicht entflammbar – dann wäre es eben das gewesen. Man darf nicht leicht entflammbar sein. Papieren gefällt das nicht. Nun ja.
Was es nun mit der Faulheit auf sich hat – ich weiß es nicht. Vielleicht liegt darin nur mangelndes Selbstbewusstsein. Wer sich traut, faul zu sein, macht sich angreifbar. Ganz einfach, weil es ja nicht dabei blieb, dass sich das irgendjemand morgens ausgedacht hat. Nein, es wurde, wie auch immer – PR, Marketing oder Zauberei – zum allgemeinen Konsens: Man hat nicht faul zu sein. Man hat nicht faul zu sein, weil? Ja, da wird’s schon schwierig. So ist es ja oft mit Konsensen, Konsensi, Konsensuus? Mit allgemeingültigen Übereinkünften eben. Es wird nicht mehr hinterfragt.
Wer faul ist, ist weniger wert. Zumindest wirtschaftlich gesehen. Ich glaube, darin liegt, wie so oft, der Knackpunkt: Wir betrachten die Dinge aus wirtschaftlicher Sicht. Primat der Wirtschaft heißt das dann. Und wir sind alle wirtschaftliche Primaten. Wir machen uns zum Affen, damit wir – ja, was eigentlich? Das Land voranbringen? Das Bruttosozialprodukt stärken? Wenn jeder ehrlich zu sich selbst wäre – und ich meine so volle Kanne ehrlich –, dann wage ich zu behaupten, käme es doch äußerst selten vor, dass man zu sich sagte: Ja, heute gehe ich raus und trage meinen Teil zum Bruttosozialprodukt bei. Das ist Fun, das ist erfüllend. Das macht Kinder froh und den Rest des Affenzoos. Oder so. Puh. Egal.
Der Bezug zum Bruttosozialprodukt kann es also im Grunde nicht sein. Wer in seiner schlecht geheizten Einzimmerwohnung sitzt und vom niedrigen Bruttosozialprodukt hört, wird sich denken: Ja, stimmt. Wer sich gerade einen Champagner im Jacuzzi gönnt, weil er sich’s leisten kann, legt einen großen Haufen auf ein schwächelndes BSP. Es kann ihm ja auch egal sein. Ich fasse zusammen: Jeder ist sich selbst der nächste.
Faul war das Thema? Ach ja. Ich bin keinen Schritt weiter in der Erklärung, warum man nicht faul sein darf oder sollte. Es macht einen schlechten Eindruck. Ich wage fast zu behaupten, dass, wenn jeder Mensch per Gesetz oder besser noch per Natur dazu verdonnert wäre, jeden Monat exakt dasselbe Gehalt zu bekommen wie alle anderen und wenn man Arbeit abschaffen würde, wäre Faulheit kein Thema. Es wäre schlichtweg egal, ob man arbeitet oder nicht. Ändert ja eh nix am Gehalt. Jeder würde nur noch das machen, was ihm oder ihr gefällt. Und in vielen Fällen hätte das – so meine nächste Vermutung – nichts mit Excel-Tabellen ausfüllen zu tun. Aber ich weiß es ja auch nicht. Vielleicht schließe ich nur von mir auf andere.
Aber es ist ja wirklich so: Egal welchen tollen Titel die Leute auf ihren Visitenkarten stehen haben – im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass sie die Woche über Zahlen in Excel-Tabellen eintragen und diese dann jemanden präsentieren, der genauso wenig Bock auf diese Zahlen hat wie der Ersteller, der aber von oben dazu verpflichtet ist, sich diesen Zahlen zu widmen, weil, äh, wichtig. Und durch diese Beschäftigungstherapie kann man die drohende Faulheit schon ganz gut abwenden. Man beschäftigt sich einfach mit irgendwas. Alles besser, als faul zu sein. Was sollen auch die Leute denken? Sieben Tage gefaulenzt: Hurensohn. Sieben Tage Excel-Tabellen ausgefüllt und „reportet“ – geiler Hecht. Man verzeihe mir die altmodische Ausdrucksweise. (Das bezieht sich auf den geilen Hecht, nicht auf den Hurensohn – dieser ist ja aktueller denn je. Vermutlich weil es so viele davon gibt.)
Es bleibt also festzuhalten, dass es völlig arbiträr ist, ob Faulheit positiv oder negativ besetzt ist. Bei Zähnen sehe ich das anders. Faule Zähne tun sicherlich mehr weh als gesunde. Aber auch gesunde Zähne füllen keine Excel-Tabellen aus, weshalb sie mir insgesamt sympathischer sind als ihre nicht-faulen Menschenpendants.