Der bange Blick auf die Preistafel der Tankstelle gehört für viele Menschen zum täglichen Ritual. Die Preise für Öl, Benzin und Diesel bleiben bis auf Weiteres hoch, prognostizieren Experten. Daran ändern auch Tankrabatt sowie Spritpreisdeckel nicht viel. Das hat mehrere Ursachen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Seit Anfang Oktober ist der Sprit dank Steuersenkung wieder günstiger. Ein Spritpreisdeckel soll nächstes Jahr kommen. Erleichterungen, die aber an den grundsätzlichen Ursachen nichts ändern. Aktuell das Hauptproblem sind die Folgen des Krieges der USA gegen den Iran. Der verändert nicht nur die aktuelle Situation, sondern wird in der Folge weiterreichende Konsequenzen haben, weil sich die komplette Nahostregion neu sortiert.
Wie wirkt sich die Blockade der Straße von Hormus aus?
Der Iran-Krieg hat zu einer drastischen Verknappung des weltweiten Ölangebots geführt. Nach Beginn der amerikanisch-israelischen Luftschläge hat die Islamische Republik die Straße von Hormus weitgehend geschlossen. Die USA blockierten daraufhin die iranischen Häfen. Die Rohstoff-Bastion Naher Osten war plötzlich isoliert. Vor dem Krieg wurden rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit Öl und Flüssiggas (LNG) durch die strategisch wichtige Meerenge transportiert. Der Löwenanteil nahm Kurs Richtung Ostasien mit den energiehungrigen Volkswirtschaften China, Südkorea oder Japan.
Im August flossen nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur (IEA) im Schnitt nur noch rund acht Prozent des global gehandelten Öls durch die Straße von Hormus. Dies sind knapp zwei Drittel weniger als vor dem Krieg. Im März und im April war der Tankertransport fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Mittlerweile hat der Verkehr dank eines durch das US-Militär gesicherten Schiffskorridors wieder zugenommen. Zusätzlich gibt es eine Dunkelziffer. „Ein Teil des Öls der Golfstaaten kann offensichtlich durch graue Transporte die Straße von Hormus passieren“, sagt Klaus-Jürgen Gern vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Das iranische Regime wird jedoch alles daransetzen, den Machthebel der Straße von Hormus nicht aus der Hand zu geben. Die Kontrolle der Meerenge sei wichtiger als „Dutzende von Atombomben“, drohte der kürzlich ernannte Chef des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Mohsen Rezaei.
Da die globale Nachfrage nach Öl derzeit deutlich höher ist als das Angebot, steigen die Preise. Diese entstehen an internationalen Warenterminbörsen durch das tägliche Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Die Preise für die Rohöl-Referenzsorten Brent (für Europa) und WTI (für die USA) sind weltweit gleich, variieren aber regional aufgrund von Transportkosten oder Zöllen. Obwohl Deutschland nur etwa sechs Prozent seines Rohölbedarfs aus dem Nahen Osten bezieht, gelten die an den Börsen ermittelten Preise. Die Preise für Benzin, Diesel oder Heizöl sind grundsätzlich an den Rohölpreis gekoppelt, unterscheiden sich aber von Land zu Land aufgrund von Zusatzkosten wie Steuern, Abgaben oder Liefergebühren.
Warum betrifft uns der Konflikt zwischen den Huthis und Saudi-Arabien?
Auch die zweite wichtige Öl-Route im Nahen Osten, die Meerenge Bab al-Mandab an der Südspitze des Roten Meeres, ist derzeit stark eingeschränkt. Auslöser sind die mit Iran verbündeten Huthis, die der Exportfähigkeit der Öl-Großmacht Saudi-Arabien einen schweren Schlag versetzt haben. Die Milizen eroberten weite Teile von Jemens Küste am Roten Meer und attackierten Tanker und Ölraffinerien des Königreiches.
Saudi-Arabien hatte zunächst versucht, die Straße von Hormus durch eine Alternativ-Route zu umgehen: Die Regierung in Riad pumpte fünf bis sieben Barrel Öl pro Tag durch die Ost-West-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Der Plan war, das „schwarze Gold“ durch das Bab al-Mandab Richtung Asien zu transportieren. Für den europäischen Markt boten sich die Export-Strecken nordwärts über den Suezkanal sowie die ägyptische Sumed-Pipeline an. Beide führen ans Mittelmeer. Doch die Ost-West-Pipeline wurde durch einen Drohnenangriff aus Irak – mutmaßlich von einer durch Iran unterstützten schiitischen Miliz – beschädigt und vorsorglich abgeschaltet. Dadurch gingen die saudischen Öl-Ausfuhren stark zurück.
Der Ausfall im Nahen Osten ist gravierend. „Schätzungsweise wurden vor dem Iran-Krieg täglich rund zehn Millionen Barrel mehr durch die Straßen von Hormus und Bab al-Mandab exportiert als heute. Dies entspricht etwa zehn Prozent der weltweiten Ölproduktion“, betont der Rohstoff-Experte Klaus-Jürgen Gern. „Falls der Konflikt weiter eskaliert und die Meerenge Bab al-Mandab durch die Huthis völlig blockiert wird, könnte der gesamte Welthandel aus dem Gleichgewicht geraten.“ Dann müssten alle Schiffe, die derzeit noch den Suezkanal passieren, den wesentlich längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung herum nehmen. „Das würde zu deutlich höheren Transportkosten und ähnlichen globalen Lieferengpässen führen wie zur Zeit der Corona-Pandemie 2021 und 2022“, so Gern.
Ursache der derzeitigen Spannungen am Roten Meer ist der Konflikt zwischen dem sunnitischen Wüstenstaat Saudi-Arabien und den schiitischen Huthis. Die Saudis führen seit Jahren eine Mehrstaaten-Koalition gegen die Rebellen an, die auf der Seite der international anerkannten jemenitischen Regierung kämpfen. Trotz moderner amerikanischer Militärtechnik gelingt es dem Königreich nicht, die Huthis in Schach zu halten. Diese haben sich – ähnlich wie Iran – in einem asymmetrischen Krieg eingerichtet. Mit ihren Guerilla-Attacken mittels Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern können die Huthis massive Schäden anrichten. In der zerklüfteten Berglandschaft Jemens sind sie schwer zu orten.
Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg?
Die Ukraine hat in letzter Zeit verstärkt russische Öl-Raffinerien attackiert. Russlands Rohöl-Produktion wurde nicht nennenswert beeinträchtigt, die Rohöl-Exporte sind sogar gestiegen. „Aber Russland kann sein Öl nicht mehr in den Mengen verarbeiten wie früher und muss Öl-Produkte wie Benzin oder Diesel einführen, statt sie wie gewohnt in großem Umfang zu exportieren“, erläutert der Ökonom Klaus-Jürgen Gern. „Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Preise von Benzin, Heizöl und Diesel deutlich stärker gestiegen sind als der Preis von Rohöl. Die zuvor schon durch fehlende Lieferungen von Raffinerien am Golf bestehenden Engpässe wurden dadurch noch spürbar verschärft.“
Wie stehen die Chancen, dass der Ölpreis in absehbarer Zeit wieder sinkt?
Fachleute sehen keinen schnellen Ausweg aus der Energiepreisfalle durch den Iran-Krieg. „Ich glaube nicht, dass es schnell zu einer signifikanten und dauerhaften Senkung beim Ölpreis kommen wird. Der Ölpreis wird sehr wahrscheinlich zumindest bis Anfang kommenden Jahres hoch bleiben“, sagt Samina Sultan, Senior Economist für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Hinzu kommt, dass andere Länder die Lieferlücke aus dem Nahen Osten nicht wettmachen können. „Außerhalb der Arabischen Halbinsel kann die Förderung pro Jahr nur unter größten Anstrengungen um kaum mehr als zwei Millionen Barrel Öl täglich gesteigert werden, da Investitionen in neue Förderanlagen in der Regel einen langen Vorlauf brauchen“, unterstreicht der Konjunktur-Experte Klaus-Jürgen Gern. „Die USA, Kanada, Brasilien oder Guayana sowie zentralasiatische Länder haben zwar Projekte auf den Weg gebracht. Diese können aber nicht kurzfristig den Rückgang des Angebots aus dem Golf um rund zehn Millionen Barrel pro Tag ausgleichen.“
Alles hängt an einer durchgreifenden Entspannung der politischen Lage in Nahost. „Sollte der Konflikt zwischen den USA und Iran eines Tages beigelegt werden, könnten sich die Ölflüsse am Golf normalisieren. Dann werden die Öl- und Benzinpreise schnell und deutlich fallen“, erklärt Klaus-Jürgen Gern vom Kiel Institut. Immerhin gibt es Präzedenzfälle: So ist der Rohölpreis nach der Unterzeichnung des amerikanisch-iranischen Rahmenabkommens Mitte Juni sehr zügig unter die Marke von 70 Dollar pro Barrel gesunken. „Wenn die Golfstaaten wieder auf ihre alten Fördermengen kommen und zusätzliches Öl aus anderen Ländern fließt, ist mittelfristig sogar eine globale Ölschwemme mit noch niedrigeren Preisen als vor dem Iran-Krieg möglich“, so Gern.