Deutschland wird weiter zugebaut. Jeden Tag verschwinden mindestens 25 Hektar Fläche unter Beton, Steinen und Asphalt. Eine Fläche so groß wie Frankfurt am Main. Die Folge: unerträgliche Hitze in den Städten. Können wir noch etwas dagegen tun?
Schon jetzt hat sich Deutschland gegenüber der Zeit vor der Industrialisierung um 2,5 Grad aufgeheizt. Vom 1,5-Grad-Ziel ist keine Rede mehr, obwohl es im Pariser Klimaabkommen verbindlich vereinbart war. Eine weitere Folge der Erwärmung: mehr Starkregen und Überschwemmungen. Weil das Wasser auf versiegelten Flächen nicht versickern kann, stehen die dicht bebauten Städte immer häufiger unter Wasser. Bei Starkregen läuft die Kanalisation über.
2024 hat die Deutsche Umwelthilfe DUH die Versiegelung der deutschen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern erstmals anhand von Satellitenbildern verglichen. Damals hat Detmold den Hitzecheck als angeblich grünste Stadt Deutschlands gewonnen. Inzwischen misst die DUH genauer und kommt zu anderen Ergebnissen.
Auf dem zentralen Schlossplatz in Detmold hat die Zukunft schon begonnen. Sehen kann man sie nicht. Die Stadt hat unter dem 18.000 Quadratmeter großen Platz vor dem Residenzschloss Wasserspeicher angelegt. Bei Regen fließt das Wasser von den umliegenden Dächern über die Fallrohre nicht mehr in die Kanalisation, sondern in die neuen Tanks unter dem Platz. Diese „Rigolen“ fassen nach Angaben der Stadt rund 600 Kubikmeter Wasser, eine zusätzliche Zisterne 40 Kubikmeter. Falls beide im Sommer trockenfallen, gibt es zusätzlich noch einen Brunnen für die Bewässerung des Parks.
Regen und Trockenheit aushalten
Auf dem Platz saugen Steinwollplatten und grobkörniges Gestein überschüssiges Wasser auf und geben es bei Trockenheit allmählich wieder ab. So kühlen sie die Umgebung und schützen vor Hochwasser. Ende Januar haben die Stadt und die beteiligten Landschaftsarchitekten damit den Preis für „grün-blaue Infrastruktur“ 2026 gewonnen. Der Schlosspark ist Teil des neuen „Grünen Bandes“ durch Detmold mit verschiedenen grünen Inseln, Plätzen und Parks.
Auch Bernd Milde von der Detmolder Ortsgruppe des Naturschutzbunds Nabu sieht hier in der historischen Parkanlage einen richtigen Schritt in Richtung Schwammstadt. Angesichts immer häufigerer Dürrephasen und Starkregen-Überschwemmungen bauen viele Städte ihre dicht bebauten und versiegelten Zentren um. Das Ziel: Die Infrastruktur soll bei Starkregen Wasser aufnehmen und in Trockenzeiten langsam wieder in die Umgebung abgeben. So wird verhindert, dass die Kanalisation bei Unwettern überläuft. Bei Hitze kühlt die gesammelte Feuchtigkeit die Umgebung. Entscheidend für eine hitze- und unwetterresistente Stadt sind Bäume. Je mehr und je größer, desto besser.
Detmold wirbt auf seiner Internetseite mit seinen „mehr als 100 öffentlichen Grünanlagen, Grünzügen und Stadtplätzen“ auf zusammengerechnet „367.000 Quadratmetern“. Ein „grünes Band“ mit mehreren Mini-Parks soll bald die Innenstadt umschließen. Das bisher weitgehend eingemauerte Flüsschen Werre wird renaturiert. Bei Hochwasser soll es sich auf Überflutungsflächen ausbreiten können. So will die Stadt Überschwemmungen vermeiden.
Vor sieben Jahren hat die Stadt einen „Nachhaltigkeitshaushalt“ und eine Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen. Alle städtischen Entscheidungen sollen seitdem auf ihre Auswirkungen auf die ökologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung geprüft werden. Pressesprecher Thorsten Engelhardt ist davon überzeugt, „dass das Thema Nachhaltigkeit in die DNA der Stadtverwaltung eingegangen ist.“
Das Engagement hat sich ausgezahlt: 2024 hat die Deutsche Umwelthilfe Detmold zur grünsten Stadt Deutschlands erklärt. Hier sei besonders wenig Fläche versiegelt und es gebe mehr Grün als in den 190 anderen untersuchten Städten.
Städte werden immer heißer
Bernd Milde vom örtlichen Nabu hat sich das Ranking genauer angesehen. Er geht davon aus, dass Detmold genauso versiegelt ist, wie andere Städte auch. Die Deutsche Umwelthilfe DUH hat das Ausmaß der Bodenversiegelung vor zwei Jahren in 190 deutschen Städten anhand von Satellitendaten der Potsdamer Luftbild Umwelt Planung GmbH ermittelt.
Demnach waren in Detmold etwa ein Drittel der Siedlungs- und Verkehrsfläche zugebaut, also versiegelt. Im bundesdeutschen Durchschnitt waren es etwa 45 Prozent. Zu diesen Flächen zählen Häuser, Gärten, Straßen, Parks, Friedhöfe, Sportplätze, Bahnanlagen, Gewerbegebiete und andere Nutzflächen. Berücksichtigt hat die Umwelthilfe auch das Grünvolumen, also Pflanzen, gemessen in Kubikmetern je Quadratmeter Fläche. Hier kam Detmold 2024 auf rund zweieinhalbmal so viel Grün wie das letztplatzierte Ludwigshafen.
Inzwischen hat die DUH ihre Messmethoden verfeinert. Sie erfasst jetzt die Hitzebelastung quartiersgenau in Rastern von 100 mal 100 Metern. Dann vergleicht sie Bevölkerungsdichte, Grad der Versiegelung, Grünvolumen und die durchschnittliche Oberflächentemperatur im Sommer in jedem dieser einen Quadratkilometer kleinen Felder. Außerdem zählt sie nach, wie viele Bäume in der jeweiligen Stadt nach der letzten Messung gefällt wurden. Die Umwelthilfe prüft auch, wie sich die Versiegelung der Stadt in den Jahren von 2018 bis 2025 entwickelt hat: Wurde mehr zugebaut oder hat man Flächen entsiegelt?
Erfasst wird jetzt zudem die „Baumüberschirmung“, also die Flächen, die unter Pflanzen von mindestens 2,5 Metern Höhe liegen. Hier erreichen nur sieben Städte den wissenschaftlich empfohlenen Wert von 30 Prozent, unter anderem Hamburg, Berlin, Oldenburg, Potsdam und Solingen.
Fast eine Million Bäume verloren
Aus all diesen Daten hat die DUH für jede Stadt einen „Hitzebetroffenheitsindex“ errechnet. Die meisten Städte haben ihre Ergebnisse verschlechtert: „Obwohl in diesem Jahr insgesamt fünf Städte mehr untersucht wurden als 2025, ist die Zahl der grünen Karten von 28 auf 21 gesunken.“ Grüne Karten bekommen die Städte, die im Vergleichstest besonders gut abgeschnitten haben.
Im jetzt veröffentlichten Hitzecheck 2026 holten Kiel, Wuppertal und Potsdam die meisten Punkte. Detmold kommt nur noch auf Platz 36. Ein Grund: Beim Vergleich aktueller Satellitenaufnahmen mit früheren Bildern hat die DUH festgestellt, dass dort seit 2018 mehr als 3.000 Bäume gefällt wurden. In allen 195 aktuell untersuchten Städten zusammen seien es seit 2018 sogar fast eine Million Bäume (900.000) weniger.
Auch die Detmolder Stadtplaner haben Natur, Grün, Klima- und Hitzeschutz nicht immer im Blick. Bernd Milde verweist auf einen Neubau am Fluss Werre, gleich hinter dem Schlosspark. Auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei baut ein Investor Eigentumswohnungen.
Vor dem Haus entstehen Parkplätze. Autos sind in allen Städten, neben Wohn- und Gewerbebauten, Hauptgrund für den Flächenverbrauch. In Gewerbegebieten gibt es für Bernd Milde ein weiteres Problem: Gewerbetreibende müssen vor ihren Bauten zwar großkronige Bäume pflanzen. Doch die schneiden sie „auf Bonsaigröße“ zurück, damit sie die Sicht auf die Gebäude nicht behindern. Hinzu komme, dass viele Autohändler die Grünstreifen darunter mit ihren Ausstellungsfahrzeugen zuparkten.
Bäume fallen für den Straßenbau
Und: Auch in Detmold müssen immer noch Bäume für den Straßenbau weichen. Beispiel: Eine Einmündung soll zum Kreisverkehr umgebaut werden. Dafür hat die Stadt vier große Bäume gefällt. Am Kaiser-Wilhelm-Platz in der Innenstadt sollten zahlreiche alte Bäume für die Neugestaltung des Platzes verschwinden. Nach Protesten von Anwohnern blieben sie stehen. Nabu-Mann Milde erinnert sich an „wüste Ideen“ der Planer: Für eine geplante Tiefgarage sollten zahlreiche Bäume gefällt werden, darunter mehrere 150 Jahre alte Eichen. Weichen musste eine Akazienallee vor der Kirche. Anwohner wollten die Bäume loswerden, weil dort Saatkrähen brüteten, die ihnen zu viel Lärm machten. Inzwischen hat die Stadt hier neue Bäume gepflanzt.
Die Naturschützer kritisieren, dass die Stadt mehr Bäume fälle als nachpflanze. Das will der Beigeordnete für Stadtentwicklung, Thorsten Paulussen, so nicht stehen lassen. Viele Bäume setze man in Ausgleichsflächen. Diese würden von der Statistik nicht erfasst.
Birgit Reher vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) fordert mehr Bewusstsein für die Natur, auch in den Stadtverwaltungen. Statt Stiefmütterchen und anderen Deko-Pflanzen, die kaum etwas für die Insekten- und Artenvielfalt brächten, sollten die Stadtgärtner Wildblumen pflanzen, die Insekten Lebensraum bieten. Dazu müssten die Verwaltungen nicht nur in Detmold umdenken. Sie empfiehlt den Städten, dem Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ beizutreten. Dort könne die Verwaltung „viel von anderen lernen“.
Investitionen in Hochwasserschutz und Stadtgrün rechnen sich Geld und Personalmangel sind für sie kein Argument. Insektenfreundliche Wiesen bräuchten nicht mehr Pflege als herkömmliche Beete oder Rasenflächen, oft sogar weniger.
Am Schlossplatz macht Tiefbau-Teamleiter Andreas Hoffmann folgende Rechnung auf: Die Kanalbauarbeiten haben rund 800.000 Euro gekostet. Dafür spart die Stadt die Ausgaben für eine Vergrößerung der Abwasserkanäle und für die Reparatur von Hochwasserschäden.
In zwei neuen Wohngebieten hat die Stadt genau nachgerechnet: Bei der Erschließung von 15 Wohngrundstücken hat die Stadt 200.000 Euro gespart, indem sie eine schmalere Straße mit einem Grabensystem und einem unterirdischen Speicher statt einer normalen Straße mit zwei Kanälen darunter gebaut hat.
Der Umbau der Städte zu hitzeresistenten Schwammstädten lohnt sich auch wirtschaftlich – vor allem, wenn man die Folgekosten von Hitzewellen und Überschwemmungen mitrechnet.