Was ein überfälliges Buch uns über Schuld und Verantwortung lehren kann
Wer behauptet, die Arbeit in einer Bibliothek wäre langweilig und man hätte es nur mit gesitteten Menschen zu tun, der verkennt, dass eine Bibliothek als sogenannter Dritter Ort wirklich allen offensteht. Das schließt das ganze Spektrum an Befindlichkeiten, Emotionen und Persönlichkeitsstörungen mit ein. Seit neuestem begegnet mir bei meiner Arbeit zudem eine immer stärker ausgeprägte Opfermentalität.
Vorweg: Ich rede nicht von „echten“ Opfern – Opfern von Missbrauch, von Gewalt oder Krieg, sondern von dem Persönlichkeitsmerkmal, das in der Psychologie als „Tendency for Interpersonal Victimhood“ (TIV) bezeichnet wird. Betroffene sehen sich ständig als Opfer der Handlungen anderer – unabhängig von einer objektiv feststellbaren Benachteiligung.
Schauen wir uns doch mal eine konkrete Situation an. Das Telefon klingelte. Am anderen Ende war eine junge Studentin, die – dem Tonfall nach zu urteilen – an diesem Morgen mit dem falschen Fuß (oder vielleicht sogar mit dem falschen Kopf) aufgestanden war. Der Grund: Sie konnte sich online keine Bücher bestellen. Das ist in der Tat ärgerlich und sollte nicht passieren. Also gab ich ihre Nutzernummer ins System ein und erkannte das Problem sofort: Ein Buch, das bereits von drei anderen Personen vorgemerkt war, war seit 41 Tagen überfällig. Das Konto wurde folgerichtig für weitere Ausleihen gesperrt, bis das Buch wieder bei uns ist. Das ist die Standardprozedur. So weit, so unspektakulär. Ich würde nicht darüber schreiben, wäre die Geschichte hier zu Ende.
Es folgte ein anklagender Monolog. Ob ich denn überhaupt wisse, dass sie sich die Hüfte gebrochen habe und sie daher nicht in der Lage gewesen sei, das Buch zurückzubringen. Mit meiner, wie ich finde, sehr sachlichen Reaktion, dass ich das in der Tat nicht wisse und mir das für sie leid täte, war sie nicht zufrieden. Ich solle (nicht „könnte“ oder gar „könnte bitte“) umgehend dafür sorgen, dass sie sich Bücher bestellen kann, die sie für ihre – wer hätte es gedacht – außerordentlich wichtige Seminararbeit braucht. Leider sind mir in solchen Fällen die Hände gebunden. Das Konto ist gesperrt, bis das Buch zurück ist und die Säumnisgebühren bezahlt sind.
Und dann kam der Satz, den ich bis heute immer noch nicht so ganz verarbeitet habe. Sie sagte wörtlich: „Dann sind Sie schuld, dass ich durchfalle!“ Also noch einmal: Das ist so passiert. Ich bin schuld, dass – nicht, wenn – DASS sie durchfällt. Das stand zu dem Zeitpunkt offenbar schon fest.
Es ging längst nicht mehr um eine gebrochene Hüfte, geschweige denn um ein nicht rechtzeitig zurückgegebenes Buch. Es ging um Siegen oder Scheitern. Es ging um nicht weniger als die Zukunft dieser jungen, äh, Dame. Und damit ja irgendwie auch um unser aller Zukunft.
Ich bitte also um Verzeihung, liebe Leserschaft: Ich war’s. Alles. Wenn irgendwas in Ihrem Leben schief läuft (Wasserrohrbruch, Regenschauer am Geburtstag, Spliss, Pickel auf der Nase etc. pp.), verweisen Sie einfach auf mich.
Kommen wir noch einmal kurz zur Studentin zurück, die das Ausleihen von Büchern so viel spannender findet als das rechtzeitige Zurückgeben derselben: Dass die anderen Nutzer, die seit Wochen vergeblich auf ihr vorbestelltes Buch gewartet hatten, dieses mutmaßlich auch nicht zum Spaß, sondern für ihre ebenso wichtigen Seminararbeiten brauchten, war nie Thema in ihrem Redeschwall. Erstaunlich, was? Auch die Frage, wie sie denn Bücher aus der Bibliothek ausleihen kann, wenn sie gleichzeitig nicht in der Lage ist, das überfällige Buch vorbeizubringen, wird für immer ein Rätsel bleiben.
Was haben wir also gelernt? Vielleicht sollten wir das Mahnwesen einfach abschaffen. Stattdessen verteilen wir süße Smiley-Sticker fürs Zurückbringen. Säumnisgebühren nennen wir zukünftig „emotionale Belastungspauschalen“ und gesperrte Konten versehen wir mit einer Triggerwarnung. Denn Regeln sind schließlich nur so lange sinnvoll, bis sie ausgerechnet für einen selbst gelten.