Das Ende der Autoproduktion markiert einen Einschnitt für Saarlouis. Während die Haushaltslage angespannt bleibt, setzt die Stadt auf neue Ansiedlungen, nachhaltige Industriegebiete und klare Worte statt großer Ankündigungen.
Die finanzielle Lage der Kommunen in Deutschland sei „sehr ernst“. Da sind sich nicht nur Experten einig, sondern auch Politiker. Im Saarland sei sie „traditionell sehr schwierig“, bekräftigt auch Marc Speicher (CDU). Der Oberbürgermeister von Saarlouis wird deutlich: „Viele Bürger haben den Eindruck, der Staat funktioniert nicht mehr in den Bereichen, in denen er funktionieren sollte.“ Gerade auf kommunaler Ebene entscheide sich aber, ob Vertrauen in das Gemeinwesen erhalten bleibe. „In den Städten und Gemeinden merken die Menschen, ob der Staat funktioniert. Wenn man Kommunen am langen Arm verhungern lässt, ist das auch eine Gefährdung der Demokratie.“
Saarlouis sei in einer ähnlichen Verfassung wie viele andere Kommunen im Saarland. Das Problem sei weniger mangelnder Wille als mangelnde Planbarkeit: „Es gibt große Verschiebungen bei den Schlüsselzuweisungen“, so Speicher. „Wir wissen oft gar nicht, wie viel wir einsparen müssten, um einen Haushalt genehmigungsfähig zu machen.“ Gleichzeitig greife ein Mechanismus, der die Stadt zusätzlich belaste: „Wenn die Gewerbesteuereinnahmen steigen und gleichzeitig die Kreisumlage steigt – und die Zuwendungen des Landes sinken.“ Das führe dazu, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht eins zu eins in kommunale Gestaltungsspielräume übersetzt werden könne. „Das ist die Herausforderung für uns“, sagt er.
Sparen allein löse das Problem nicht. Pflichtausgaben wie Grundsicherung oder andere bundesgesetzlich vorgegebene Leistungen ließen sich nicht einfach kürzen. „Das sind Aufgaben, die wir erfüllen müssen“, sagt Speicher. „Darauf haben weder ein Landrat noch ein Oberbürgermeister großen Einfluss.“ Wer Kommunalfinanzen rein betriebswirtschaftlich betrachte, greife zu kurz. „Wir haben Ausgaben, die wir machen müssen – und eine Einnahmeseite, die nicht verlässlich ist“, erklärt der 41-Jährige.
Seine Forderung an Bund und Land formuliert er klar: „Wer bestellt, bezahlt – dieser Grundsatz muss gelten.“ Ein höherer, spürbarer Anteil an der Umsatzsteuer für Kommunen könne helfen. „Die Umsatzsteuer ist viel planbarer“, sagt er. „Sie schwankt natürlich mit dem Konsum, aber sie bleibt relativ stabil.“ Es gehe um Verlässlichkeit, nicht um Wunschdenken.
„Höherer Anteil der Umsatzsteuer für Kommunen könnte helfen“
Seit 2024 ist der ehemalige Landtagsabgeordnete nun Oberbürgermeister. Seit seinem Amtsantritt hat Speicher im Rathaus spürbar umgebaut – strukturell wie symbolisch. „In einer Demokratie ist das Rathaus das Haus der Bürgerinnen und Bürger“, sagt er. Deshalb habe man es wieder vollständig geöffnet und das Bürgerbüro neu gestaltet. Er spricht von einer „Kultur der Offenheit“. Gleichzeitig setzte er auf Ordnung und Durchsetzungskraft: Mit sogenannten „Mülldetektiven“, strengeren Kontrollen und klarer Kommunikation sei es gelungen, die illegale Vermüllung rund um Containerstandorte deutlich zu senken. „Wenn die Leute wissen, dass kontrolliert wird und Strafen drohen, verändert das Verhalten“, sagt er. Auch im Ehrenamt habe die Stadt neue Akzente gesetzt, etwa indem sie hohe Sicherheitskosten für Traditionsumzüge übernimmt: „Es kann nicht sein, dass Vereine an Bürokratie und Auflagen scheitern“, betont er. Das Saarland sei Ehrenamtsland und lebe auch von diesem Zusammenhalt und Miteinander. Zu einem Miteinander gehört für ihn auch das Einbeziehen der ganz kleinen Saarlouiser: „Wir wollten, dass junge Familien eine größere Botschaft von uns bekommen als nur die Steuernummer für ihr Kind“, erklärt Speicher. Daher bekomme jedes Neugeborene ein Willkommenspaket mit Gutscheinen und einer persönlichen Nachricht aus dem Rathaus und vom Oberbürgermeister persönlich per Post.
Leider fielen nicht nur schöne Nachrichten in diese Zeit. Das Ende der Autoproduktion bei Ford in Saarlouis markiert nicht nur für Speicher eine Zäsur. „Das ist ein Epochenwechsel für uns“, sagt er. Viele Familien hätten in dritter oder vierter Generation dort gearbeitet. „Das war extrem emotional“, sagt er. Und doch beschreibt er die aktuelle Stimmung überraschend optimistisch – nicht zuletzt durch die geplante Ansiedlung von Vetter Pharma. „Das ist eine tolle Ansiedlung, ein großartiges Familienunternehmen“, so Speicher. Doch bei aller Freude mahnt er gleichzeitig zum Realismus: „Zu Beginn reden wir von drei- bis fünfhundert Arbeitsplätzen“, sagt er. Andere Stellen im Saarland warben mit deutlich höheren Zahlen – taktisch unklug, wie Speicher zu bedenken gibt: „Die Leute merken sich solche Zahlen. Wenn dann in fünf, sechs Jahren nicht 2.000 Arbeitsplätze da sind, sondern eben 500, zerstört das Vertrauen.“ Strukturwandel sei ein langer Prozess, gerade im pharmazeutischen Bereich. „Die höheren Zahlen erreicht man vielleicht Anfang oder Mitte der 2030er-Jahre – aber nicht sofort.“ Glaubwürdigkeit sei in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ein entscheidender Standortfaktor.
Parallel treibt die Stadt die Erweiterung des Industriegebiets am Lisdorfer Berg voran – als „ökologisches Industriegebiet“, wie Speicher betont. Dach- und Fassadenbegrünung, Photovoltaikpflicht, ÖPNV-Anbindung. „Wir wollen nicht irgendein x-beliebiges Gewerbegebiet, sondern eines mit klarer Ausrichtung“, sagt er. Kritik, man solle erst bestehende Flächen füllen, weist er zurück: „Bis so ein Gebiet erschlossen ist, vergehen sechs, sieben Jahre“, sagt er. „Als Oberbürgermeister habe ich die Aufgabe, vorausschauend zu handeln.“ Gescheiterte Ansiedlungen hätten gezeigt: „Wenn du keine verfügbaren Flächen mit Baurecht hast, hast du keine Chance.“ Zugleich zieht er Lehren aus früheren Verfahren: Genehmigungen müssten zentral koordiniert und beschleunigt werden. „Es darf nicht daran scheitern, dass ein Sachbearbeiter im Urlaub ist“, mahnt er. Strukturpolitik brauche Geschwindigkeit und klare Ansprechpartner.
Trotz aller wirtschaftlichen Herausforderungen betont Speicher die Stärken „seiner“ Stadt. Ford bleibe auch weiterhin zweitgrößter Arbeitgeber, wenn auch ohne aktive Produktion. Der letzte produzierte Wagen soll im Stadtmuseum stehen. „Nicht nur als Rückblick, sondern als Symbol dafür, was wir hier leisten können“, sagt er. Saarlouis wolle sich als Standort für gute Arbeit und nachhaltige Industrie profilieren, auch im Kontext von grünem Stahl und Wasserstoff.
Nachhaltig soll es auch in anderen Bereichen vonstattengehen. Seit 1967 ist die Emmes musikkulturelles Highlight. Das große Musikfest ist für Speicher mehr als ein Event – es ist ein Statement. Angesichts steigender Anforderungen sei durchaus diskutiert worden, ob man die Emmes in der bisherigen Form fortführen könne. „Man stand vor der Frage: Beenden wir die Emmes – oder investieren wir bewusst in Sicherheit, Programm und neue Flächen?“ Die Entscheidung fiel klar aus: „Wir haben uns entschieden, zu investieren.“ Erstmals wurde die Altstadt stärker einbezogen, neue Bühnen kamen hinzu, zusätzliche LED-Wände sorgten dafür, dass das Geschehen auch in entfernteren Bereichen sichtbar blieb. „Wir haben das Gelände erweitert und professioneller aufgestellt.“ Hinter den Kulissen arbeite ein eigenes Team tagelang durch, koordiniere Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Die Emmes sei Teil der Identität der Stadt. „Das macht Saarlouis aus“, betont er. Die Planungen für 2026 sind schon lange in Gange. Die ersten Acts haben bereits zugesagt, unter anderem Höhner für den Freitag. „Wir planen ein sehr vielfältiges musikalisches Angebot“, sagt Speicher. „Und wir freuen uns, dass wir hier exklusiv verkünden können, dass unter anderem Roberto Blanco am Donnerstag auftreten wird.“ Ein Name mit Kultfaktor für ein großes Fest – in einer Stadt, die wirtschaftlich im Umbruch steckt, aber ihren Optimismus an keiner Stelle verloren hat.