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WAS MACHT EIGENTLICH...

1987: Paul Schrader am Set mit Michael J. Fox und Joan Jett bei den Dreharbeiten zu  „Light of Day – Im Lichte des Tages“
Foto: picture alliance / Everett Collection

Paul Schrader?

Er schrieb die Drehbücher zu „Taxi Driver“ und „Wie ein wilder Stier“ und machte mit seinem Film „Ein Mann für gewisse Stunden“ Richard Gere zum Star. Sein neuer Film „The Basics of Philosophy“ feierte dieses Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere.

Paul Schrader 2026 bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig
Paul Schrader 2026 bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig - Foto: picture alliance / SIPA

Wenn man von seinen calvinistischen Eltern als Kind mit strengen religiösen Regeln gefüttert wird, können die für das ganze Leben prägend sein. Man wächst mit der Furcht vor einem strafenden Gott auf und hat ständig Schuldgefühle. Zumindest war das bei Paul Schrader so. Glückseligkeit, so wurde ihm eingetrichtert, erreicht nur der, der Buße tut und den steinigen Weg der Selbstaufopferung geht, bis man schließlich erlöst wird. Dieser Moral-Kodex könnte die Blaupause für viele seiner Drehbücher und Filme sein. Immer wieder schickt er seine Protagonisten auf der Suche nach Sinn auf einen von kathartischen Gewaltakten gepflasterten Weg. Er selbst bezeichnete seine Werke „Taxi Driver“, „Ein Mann für gewisse Stunden“, „Light Sleeper“ und „The Walker“ als „eine zusammenhängende Tetralogie, in der sich Männer hinter einer Maske der Oberflächlichkeit verstecken“.

Paul Schrader ist bis heute vielleicht der einzige Intellektuelle in Hollywood. Und es ist schon ein kleines Wunder, dass er sich so lange halten konnte. Geboren 1946, wuchs er in Grand Rapids, Michigan, auf, wo seine Eltern immer darauf achteten, dass er vor allem seinen religiösen Pflichten nachkam. Unterhaltungsmedien waren ihm streng untersagt. Erst mit 17 Jahren besuchte er zum allerersten Mal ein Kino. Schrader erinnert sich: „Es gab in Grand Rapids ein kleines Porno-Kino, und da es nahe dem College war, dachte der Besitzer, er könnte zusätzlich noch ein paar Dollar damit machen, wenn er für uns Studenten Filme von Ingmar Bergman zeigte. Und später auch italienische Filme und Filme der Nouvelle Vague. Ich bin also – im Gegensatz zu meinen Freunden Spielberg, Coppola und Lucas – sehr vom europäischen Kino geprägt worden.“ Zu seinen Einflüssen zählte er unter anderem Regisseure wie Robert Bresson, John Ford, Jean Renoir, Roberto Rossellini, Alfred Hitchcock und Sam Peckinpah.

Schreiben als Selbsttherapie

1968 zog Paul Schrader nach Los Angeles und studierte an der UCLA-Filmschool. Das war die Zeit, in der er ziellos mit dem Auto herumfuhr, sich oft sinnlos betrank und kokste, was die Nase aushielt. Er bekam ein Magengeschwür und musste deshalb sogar ins Krankenhaus. Er fühlte sich isoliert und litt gelegentlich auch unter schweren Depressionsschüben. Diese Erfahrungen waren, wie er später sagte, die wesentliche Inspirationsquelle für den „Taxi Driver“ Travis Bickle in Scorseses Filmklassiker gleichen Namens. Drehbuchschreiben als Selbsttherapie.

1970 schloss Schrader das Studium der Filmwissenschaften mit einem Master ab und begann, sich mit Filmkritiken unter anderem für die „Los Angeles Free Press“ und „Film Quarterly“ durchzuschlagen. Er schrieb fachkundige Essays und Artikel über Filme und Filmemacher und zog so die Aufmerksamkeit der legendären Filmkritikerin des New Yorker Magazins, Pauline Kael, auf sich, die ihn eine Zeit lang protegierte.

Sein autobiografisch gefärbtes Drehbuch zu Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1974) – mit Robert De Niro als Schraders Alter Ego – wurde 1974 ein großer Erfolg und ermöglichte Schrader bei seinem nächsten Projekt „Blue Collar“ (1978) nicht nur, das Drehbuch zu schrei­ben, sondern auch selbst Regie zu führen. Von da an ging es Schlag auf Schlag – und bergauf. Er schrieb das Drehbuch zu Martin Scorseses Boxer-Drama „Wie ein wilder Stier“ (1980) und war noch im selben Jahr bei seinem Film „Ein Mann für gewisse Stunden“ als Regisseur tätig. Richard Gere wurde in der Rolle des aalglatten Gigolos, der in sündhaft teuren Armani-Anzügen reihenweise Frauen verführte, zum Weltstar. Es folgte der aufsehenerregende Horrorfilm „Katzenmenschen“ (1982). Die Hauptrolle spielte Nastassja Kinski, die sich beim Sex in eine gefährliche Raubkatze verwandelt. Gerüchten zufolge verliebte er sich in Kinski, die ihn aber verschmähte.

Es folgten weitere Regiearbeiten wie „Der Trost von Fremden“, „Light Sleeper“, „Auto Focus“, „The Walker“, „The Card Counter“ und „Master Gardener“. Außerdem Drehbücher zu Filmen wie „Mosquito Coast“, „Die letzte Versuchung Christi“ und „City Hall“.

Karriere mit Höhen und Tiefen

Paul Schraders nun schon über 50 Jahre andauernde Karriere war ein ständiges Auf und Ab. Mal war er der gefeierte Drehbuchautor, mal wurde er als innovativer Filmemacher gelobt, der den Mut hat, auch kontroverse Themen anzupacken. Doch es gab auch Zeiten, in denen die Telefonanrufe aus Hollywood ausblieben und er von den Studios links liegen gelassen wurde. Oder schlimmer noch: Sie nahmen ihm den Final Cut seiner Filme weg, wie zum Beispiel bei „Dying of the Light – Jede Minute zählt“, einem bitteren Agenten-Thriller mit Nicolas Cage, und brachten den Film dann auch noch völlig ruiniert ins Kino. Schrader entrüstet: „Aber sollte ich deshalb die Flinte ins Korn werfen? Absolut nicht! Solange ich noch etwas zu erzählen habe, höre ich garantiert nicht auf!“

Dass sich so viel Leidenschaft auch auszahlt, sieht man daran, dass sein neuer Film „The Basics of Philosophy“ dieses Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere hat. Schrader sagt dazu: „Das ist eine Geschichte, die ich eigentlich seit ‚Taxi Driver‘ immer wieder variiert habe: nämlich wie ein vereinsamter Mann durch kathartische Erlebnisse zu sich selbst findet. Diesmal ist es ein Philosophie-Professor, der etwas sehr Schlimmes getan hat, was ernste Konsequenzen nach sich zieht.“

Schuld und Sühne. Gott und die Welt. Gewalt und Erlösung. Das transzendente Kino des Paul Schrader. Man kann ihm nur wünschen, dass er noch viele solcher Geschichten in sich trägt und die Energie hat, sie uns zu erzählen. Am 22. Juli wurde Paul Schrader 80 Jahre alt.

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