Als Kopf und Songschreiber des Duos Simon and Garfunkel komponierte er Welthits. Später war er als Solist mit experimenteller Weltmusik und als Schauspieler und Drehbuchautor erfolgreich. Der 84-Jährige tourt 2026 mit seinem jüngsten Album.
Obwohl Paul Simon schon 2018 seinen Rückzug ins Privatleben verkündet hatte, lässt ihn die Musik noch nicht los. Zwar hatte er damals gelegentliche Auftritte zu wohltätigen Zwecken nicht ausgeschlossen, aber von einer Tournee wollte er nichts wissen. Jetzt gibt er wieder Konzerte und wird nach dem Start in den USA im Frühjahr sogar nach Europa kommen. Seine Tour trägt den Titel „A Quiet Celebration“ („Eine stille Feier“) und hat zwei Teile: Eröffnet wird die Show mit einer 33-minütigen Darbietung seines jüngsten, 2023 veröffentlichten Albums „Seven Psalms“, das von Kritikern als Meisterwerk bezeichnet und mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Simon hatte für den ausschließlich akustisch eingespielten siebenteiligen Liederzyklus alle instrumentalen Parts selbst übernommen. Im zweiten Teil der „A Quiet Celebration“-Tour präsentiert er dann, wegen seiner Rückenprobleme überwiegend sitzend und mit altersbedingten stimmlichen Einschränkungen, eine Auswahl seiner zeitlosen Folk-Klassiker, die in neuem Gewand noch einmal die Breite seines musikalischen Schaffens widerspiegeln. Dass der Großteil seiner Begleitband aus dem klassischen Bereich kommt, sieht Simon als bewussten Bruch mit der Vergangenheit, weil für ihn die neue Klangästhetik wegen seiner teilweisen Taubheit eine Notwendigkeit geworden ist. So ist seine Konzertreise ein Versuch, seine Musik trotz des 2018 erlittenen einseitigen Hörverlustes weiterhin vor Publikum zu präsentieren.
Teilweiser Hörverlust
Von Anfang an ist Simon offen mit seiner linksseitigen Taubheit umgegangen und hat seine Musik entsprechend angepasst: Die Songs sind neuerdings reduziert arrangiert, klar strukturiert und teilweise neu interpretiert. Der Tour-Titel „Eine stille Feier“ steht für diese aktuelle, im Konzert zurückhaltend umgesetzte Musik.
Mithilfe der Hörakustik kann Simon heute sein Handicap einigermaßen kompensieren. Die Aufnahmen seines jüngsten Albums „Seven Psalms“ waren 2023 durch technische Unterstützung überhaupt erst möglich geworden. Simons nur noch einseitige Wahrnehmung von Tönen verändert auch den Zugang zu seinem früheren Werk. Auf der Bühne, wo er mehr denn je eine präzise, ausgefeilte Technik benötigt, klingen seine Songs nicht nur anders, sie fühlen sich für das Publikum auch irgendwie anders an. Der Titel seines Mega-Hits „The Sound of Silence“ („Das Geräusch der Stille“) ist somit nicht nur eine Metapher, sondern für ihn ein Teil seines Alltags geworden. Aufmerksam verfolgt Simon deshalb die neuen Entwicklungen der Hörakustik-Forschung, weil deren technische Errungenschaften ihm helfen, weiterhin neue musikalische Ideen zu entwickeln. Seine neuen Songs komponiere er nicht, sagte er in einem Interview, sondern sie „kämen zu ihm“ und er „empfinde“ sie.
Seit der Veröffentlichung von „Seven Psalms“ hat Simon eigenen Angaben zufolge nur noch zwei neue Songs geschrieben, weil sein teilweiser Hörverlust ihm die Arbeit doch ziemlich erschwere. Früher habe er mithilfe der Gitarre komponiert: „Aber jetzt ist der Klang der Gitarre nicht mehr derselbe. Ich kann damit auftreten, aber es ist nicht dasselbe.“ Einer seiner neuen Songs heißt „Bad Dream“. Er hat ihn 2024 mit seiner Frau Edie Brickell aufgenommen, die auch als Sängerin zu seiner Tour-Band gehört.
2023 erschien eine Film-Doku
Dass Simon heute trotz seiner 84 Jahre wieder auf Tour geht, begründet er damit, dass seine Fans für ihn weiterhin von großer Bedeutung sind: „Musik entsteht erst im Zusammenspiel mit dem Publikum.“ Aus diesem Grund ist er auch kein Freund von Musikvideos, weil sie für ihn „die Vorstellungskraft einengen“. Auf die Frage, welchen seiner Songs, darunter weltweite Hits wie „Bridge over Troubled Water“, „Cecilia“ oder „Mrs. Robinson“, er selbst für den wichtigsten hält, nannte Simon kürzlich „The Sound of Silence“: „Wenn einer meiner Songs die Chance hat, 100 Jahre zu halten, dann könnte es dieser sein.“
Seine größten Erfolge hatte Simon mit Art Garfunkel, mit dem er über Jahrzehnte eine musikalische On-off-Beziehung führte. Nach Solo-Projekten fand das Duo oft wieder gemeinsam auf die Bühne zurück und nahm sogar gemeinsam Platten auf. In jüngster Zeit scheinen sich die 84-jährigen Streithähne wieder angenähert zu haben. Sie haben sich 2024 zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder getroffen und zusammen zu Mittag gegessen. Dabei erfuhr Simon endlich einen der Gründe für Garfunkels langjährige Reserviertheit. Er hatte 2015 seinen Partner in einem Interview verletzt und ihn sogar einen Idioten genannt. „Ich habe geweint, als er mir erzählt hat, wie sehr ihm das wehgetan hat“, bedauert Paul heute. Angeblich hat das Folk-Duo bei seinem gemeinsamen Dinner auch über weitere Treffen und gemeinsame Musik gesprochen. 2023 erschien auch die Film-Doku „In Restless Dreams: The Music of Paul Simon“ über die politisch für die Demokraten und für Klima- und Artenschutz engagierte Folk-Ikone.