Wie stark sollte der Staat Massenmedien regulieren? Das wurde in den USA bereits vor 70 Jahren heiß diskutiert. Auslöser war ein Skandal um die beliebte Quizsendung „Twenty-One“, von dem sich das Genre erst Jahre später erholte.
Charles Van Doren, Amerikas wohl berühmtester Quiz-Show-Kandidat der 50er-Jahre, musste sich an diesem Tag einmal mehr wie ein Show-Kandidat vorgekommen sein. Doch dieses Mal kamen die Fragen nicht von einem Quizmaster, sondern von verärgerten Kongressabgeordneten. Es ging auch nicht um triviales Allgemeinwissen, sondern um nichts weniger als die Wahrheit: Hatte Van Doren als Kandidat der beliebten Quizshow „Twenty-One“ betrogen? Die Abgeordneten des „Kongress-Sonderausschusses für legislative Aufsicht“ lauschten an diesem 2. November 1959 in Washington, D.C. Van Dorens Geständnis.
Er gab zu, dass er gecoacht worden war, Fragen und auch die Antworten vorher erhalten hatte. Er gab zu, in zwei vorherigen Anhörungen auf New Yorker Bundesebene gelogen zu haben, aber jetzt mit der Wahrheit herauskommen zu wollen, denn: „Die Wahrheit ist das Einzige, womit ein Mensch leben kann.“
Van Doren gewann 14 Wochen lang
Trotz dieser Reumütigkeit fiel Charles Van Doren mit seinem detailreichen Geständnis vor der gesamten amerikanischen Nation in Ungnade. Sein Ruf war zerstört. 104 Tage lang war er nicht nur der Liebling der Quizshowfans gewesen, sondern auch das intellektuelle Bildungsaushängeschild der Sendung. Van Dorens Auswahl als Kandidat war kein Zufall. Er hatte den richtigen Stammbaum: Sein Vater war Poet und Pulitzer-Preisträger, und auch sein Onkel gewann Amerikas begehrtesten Schriftstellerpreis. Charles Van Doren selbst hatte einen Master-Abschluss in Astrophysik und einen Doktortitel in Englisch. Seine Auftritte vor der Kamera waren souverän. Er kam im Fernsehen perfekt rüber und war genau das, was die Sponsorfirma Geritol wollte. Geritol verkaufte Eisen- und Vitaminpräparate und sah es als selbstverständlich an, dass sie als Geldgeber ein Anrecht hatten, nicht nur über die Kandidatenauswahl zu bestimmen, sondern auch über die Gewinner.
Und genau das machten die Geritol-Manager den Produzenten der Sendung in unmissverständlichem Ton klar. Dies schloss nicht nur ein, dass man bevorzugten Teilnehmern Antworten vorab gab. Sondern auch, dass man unpopuläre Kandidaten mittels eines abgekarteten Spiels vom Schirm entfernte. Charles Van Dorens Showgegner und amtierender Champion war ein gewisser Herbert Stempel. Van Doren sagte vor dem Untersuchungsausschuss, dass Stempel vom Showproducer Albert Freedman bei seinem Anheuerungsprozess als „unschlagbar“ hochgejazzt wurde, „weil er einfach zu viel wisse“. Stempel sei unbeliebt und besiege seine Gegner reihenweise, was dem Programm schade. Damit manipulierte Friedman Van Doren dazu, das gezinkte Spiel mitzuspielen. Die Produzenten gaben Van Doren die richtigen Antworten im Voraus. Manchmal wortwörtlich, und sie coachten ihn sogar, wie selbstbewusst oder zögerlich er auftreten sollte. Ganz perfide für den nichtsahnenden Zuschauer war, dass Stempel in das falsche Spiel eingeweiht war und mitspielte. Die Einschaltquoten von Stempel waren schlecht, und er war nicht besonders telegen. Also musste er weg.
Stempel stimmte dem Plan zu wie ein Boxer, der einen Kampf abschenkte. Er machte wohl auch deshalb mit, weil ihm Folgejobs im TV versprochen wurden – als Berater oder Jurymitglied. Beide Kandidaten wurden auch instruiert, zu welchem Zeitpunkt sie eine Frage falsch beantworten sollten, damit die Spiele spannend blieben und die Einsätze nach oben schnellten. Was de facto eine Täuschung des Zuschauers war, verkauften die TV-Produzenten den Kandidaten als einen integralen Bestandteil der Show und als etwas, das aus Fernsehmacher-Sicht weder ungewöhnlich noch juristisch riskant war.
Charles Van Doren begann zu gewinnen und gewann Woche für Woche – bis auch er Opfer des Masterplans wurde und verlieren musste. Seine berühmt-berüchtigte 14 Wochen anhaltende Siegesserie in der NBC-Quizshow „Twenty-One“, die sein Konterfei auf das Titelblatt des „Time Magazine“ katapultierte, endete am 11. März 1957, als er nach Absprache gegen die Kandidatin Vivienne Nearing verlor. Seine Antworten brachten Van Doren 138.000 Dollar (entspricht heute knapp 1,3 Mio. Dollar) – und furchtbare Gewissensbisse.
Nach eigener Aussage war Van Doren erleichtert, der Show den Rücken gekehrt zu haben, und er hatte wohl vorher auch mehrfach um sein Ausscheiden gebeten. Van Doren hoffte, mit der gefakten Niederlage die Sache hinter sich gebracht zu haben. Abgeschlossen mit der Quizshow „Twenty-One“ hatte Herb Stempel dagegen noch lange nicht. Die Versprechen, zukünftige lukrative TV-Jobs als Belohnung für seine Komplizenschaft zu bekommen, hatten sich nie konkretisiert. Auch deshalb ging Stempel an die Presse. Nicht nur Van Doren traute seinen Ohren nicht, da Stempel schließlich ein willentlicher Teil der Betrugsmasche war. Und sich jetzt mit seiner neuen Rolle als Enthüller auch selbst anklagte. Stempels Beweggrund war wohl eine Mischung aus Groll und dem starken Gefühl, verraten und benutzt worden zu sein. Die von Stempel ins Rollen gebrachten Ermittlungen zu der weitverbreiteten Manipulation von Quizshows führten schließlich zu den Anhörungen im Kongress.
Spätestens nach der Anhörung im November 1959, bei der Van Doren zugab, betrogen zu haben, wurde den Abgeordneten klar, dass die Show „Twenty-One“ kein Einzelfall war. Das Fernsehen in den USA war Mitte der 1950er-Jahre zum größten Werbemedium des Landes geworden, als der Kosmetikkonzern Revlon sich bereit erklärte, „The $64,000 Question“ zu sponsern. Ein Quizshow-Pionier mit enormen Einschaltquoten. Auch dort wurden die Kandidaten gecoacht. Da der durchschnittliche Firmen-Nettogewinn von Revlon in den folgenden vier Jahren von 1,2 Millionen Dollar auf elf Millionen Dollar stieg, versuchte eine Vielzahl von Quizshows, diesen Erfolg zu wiederholen. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität im Jahr 1958 gab es 24 Quizshows. Bis 1959 mit van Dorens Geständnis die Bombe platzte und man später bei mindestens sechs Shows Manipulationen aufdeckte.
Kongress sah Grund zu Nachbesserungen
Dem Kongress blieb wenig übrig, als das Kommunikationsgesetz von 1934, für das damals noch neue Medium Fernsehen zu aktualisieren. 1960 änderte der Kongress den sogenannten „Communications Act“, die Grundlage für die Regulierung der Telekommunikation. Damit sollte das zerstörte Vertrauen der Öffentlichkeit ins Medium Fernsehen repariert werden. Die Manipulation von Wissens-, Geschicklichkeits- oder Glückswettbewerben wurde zu einem meist härter bestraften Bundesverbrechen. Zu den wichtigsten Änderungen gehörten das Verbot der Vorabvereinbarung von Ergebnissen, die Verpflichtung zur Offenlegung von bezahltem Sendematerial und die Stärkung der Aufsicht der FCC über den Rundfunk. Die Federal Communications Commission (FCC) ist eine unabhängige US-Bundesbehörde, die den Kommunikationssektor, zu dem Radio, Fernsehen, Kabel, Satellit, Telefon und Internet gehören, reguliert. Diese Gesetzesänderungen verursachten eine heftige Debatte darüber, ob eine staatliche Regulierung des Fernsehens notwendig oder gefährlich sei.
Das Nachbessern, weil ein neues Medium den bestehenden Gesetzen davongaloppiert und sich so der Kontrolle entzieht, ist eine klare Parallele zur heutigen Diskussion über die Regulierung des vergleichbar jungen Massenmediums Internet: Wie kann man die Öffentlichkeit vor Manipulation und Betrug schützen, ohne die Meinungsfreiheit oder die kreative Freiheit zu untergraben? Gesetzgeber in praktisch allen westlichen Demokratien wollen das Internet regulieren, haben aber Mühe, eine Grenze zwischen Unterhaltung und Täuschung, Meinungsfreiheit und Zensur oder „Cancel Culture“ und robuster Debattenkultur zu ziehen.
Offensichtlich ist, dass soziale Medien schwerer zu regulieren sind als das Fernsehen. Das Internet ist dezentralisiert, global und verändert sich permanent. Staatliche Regulierung aber benötigt Zeit und ist fragmentiert, weil jedes Land auf eigene Regeln und kulturelle und politische Besonderheiten pocht.
Fünf Jahre lang keinerlei Quizshows
Der Quizshow-Skandal damals und die heutigen Versuche, das Internet zu regulieren, stehen für die schmerzliche gesellschaftliche Einsicht: Medien spiegeln die Realität nicht nur wider, sondern gestalten sie aktiv mit. Der Quizshow-Skandal zeigt auch, dass Probleme, die wir heute mit sozialen Medien und Algorithmen verbinden – konstruierte Realität, manipulierbare Nutzer und verlorenes Vertrauen in die Medien allgemein – bereits zu Beginn des Fernsehzeitalters diskutiert wurden.
Nach dem ersten großen Fernsehskandal der US-Geschichte war das Quizformat für einige Jahre mausetot. Wiederauferstanden ist es mit einer Show, die auch hierzulande bekannt und beliebt ist. „Jeopardy“ ging 1964 auf Sendung, und 1975 startete in den USA „Wheel of Fortune“ (deutscher Titel: „Glücksrad“). „Who Wants To Be A Millionaire“ kam 1999 ins US-Fernsehen und lief als „Wer wird Millionär“ im selben Jahr in Deutschland an. Die Sendung ist zum Spielshow-Dauerbrenner schlechthin geworden – mit Kultstatus und oft mehr als 15 Prozent Marktanteil. Der historische Quizshow-Skandal in den USA und seine Auswirkungen wurden mit dem Film „Quiz Show“ im Jahr 1994 auch von Hollywood verarbeitet. Regisseur Robert Redford ließ es sich nicht nehmen, den gefallenen Quizshow-König Charles Van Doren als Berater für den Film anzufragen. Van Doren lehnte ab, weil er wohl genug von zweischneidigem Medien-Ruhm hatte. Anders als sein alter Rivale Herbert Stempel, der Redfords Angebot für einen kleinen Auftritt im Film gerne annahm.