Erstmals reiste Union für ein Trainingslager ins Adidas-Gelände in Herzogenaurach. Dort fühlten sich die Berliner so wohl wie sonst auch die Nationalspieler. Aber was sagt das für den Saisonstart aus?
Baumgart mit Vizekapitän Rani Khedira - Foto: picture alliance / Sportfoto Zink / Wolfgang Zink
Ein Trainingslager stößt bei den Fußballprofis auf ein geteiltes Echo. Die einen mögen es, weil sie sich hier ungestört auf ihren Job konzentrieren können und es kaum Ablenkung davon gibt. Andere sehnen direkt nach der Ankunft den Tag herbei, an dem die Schufterei ein Ende hat. Manche haben gar – wie andere Menschen in gewöhnlichen Jobs bei Dienstreisen auch – Heimweh nach der Familie. Um sich die freie Zeit im Trainingslager in Herzogenaurach etwas angenehmer zu gestalten, hatte Union Berlins Offensivspieler Wooyeong Jeong seine Musikbox mit dabei. Etwas außergewöhnlicher war der Verdauungsdrink aus Südkorea, den er in seinen Koffer für die zehn Tage gepackt hatte. „Den nehme ich nur, wenn das Essen richtig gut war und ich zu viel gegessen habe – was hier bisher oft der Fall war“, erzählte der 25-Jährige. Für Abwehrspieler Diogo Leite war es unerlässlich, eine Bibel mitzunehmen. „Da schlage ich ab und zu drin nach.“ Ob Union in der kommenden Saison Beistand von oben braucht, darf fleißig diskutiert werden. Klar ist aber, dass bei den Profis das bis zum 1. August abgehaltene Trainingslager auf dem Gelände, auf dem auch die deutsche Nationalmannschaft sich auf große Turniere vorbereitet, sehr gut ankam.
Die Richtung stimmt bereits
„Absolute Weltklasse“ – so bezeichnete zum Beispiel Vizekapitän Rani Khedira die Bedingungen im Adidas Home Ground. „Du hast kurze Wege, viele kleine Bungalows, der Physioraum ist riesig und hat alles, was man braucht. Alles ist einladend, sodass man nicht hier sitzt und sich nicht wohlfühlt“, erzählte Khedira. Zudem sei das Essen „außergewöhnlich gut“ gewesen. Das durchweg positive Fazit des Mittelfeldspielers lautete daher: „Fußballer meckern ja gern, aber es gibt einfach nichts zu meckern.“ Auch mit Blick auf die sportliche Vorbereitung hat sich der Abstecher ins fränkische Land laut der Beteiligten gelohnt. Das einhellige Gefühl nach dem Trainingslager lautet: Das siebte Bundesligajahr in Folge kann kommen, auch wenn es bis zum Ligastart in drei Wochen noch Arbeit gibt.
„Es war schon viel gemeinsame Energie da, darauf bauen wir auf“, sagte Trainer Steffen Baumgart. Und Khedira lobte: „Wir sind auf einem ordentlichen Fitnesslevel.“ Etwas konkreter ergänzte der Routinier: „Bisher versuchen wir auch akribisch an Dingen zu arbeiten, die uns dieses Jahr auszeichnen sollen.“ Ein Trainingsmittel dafür ist die Videoschulung. Trainer Baumgart und sein Team versuchen, mittels visueller Analytik die Spieler mitzunehmen und noch mehr Begeisterung fürs Detail zu wecken. „Wir sind da auch recht kritisch in der Analyse“, berichtete Khedira: „Wir versuchen, unser Spiel so zu strukturieren, dass es uns auf dem Platz leichter fällt, Entscheidungen zu treffen, ohne dass man dieses Fragezeichen oder dieses Gefühl auf dem Platz hat: Ist es jetzt richtig, was ich mache?“
die stattliche Summe von vier Millionen Euro fest verpflichtet - Foto: picture alliance/dpa
Beim Pokalauftakt am 15. August in Gütersloh, spätestens aber beim ersten Ligaspiel eine Woche später gegen den VfB Stuttgart müsse jeder genau wissen, „was zu tun ist auf dem Platz, auf seiner Position, und auch, was der Vorder- oder Nebenmann zu tun hat“. Bei der 0:1-Niederlage im jüngsten Testspiel gegen Zweitligist SpVgg Greuther Fürth war davon aber recht wenig zu sehen. „Ideenlos und schludrig“ nannte das Fachmagazin „Kicker“ den Auftritt des Bundesligisten, der offensiv harmlos und defensiv fehlerhaft agierte. „Heute hat uns die Aggressivität gefehlt“, haderte Baumgart hinterher. Aber nicht nur mit der Leistung seiner Abwehr war er nicht einverstanden: „Wir müssen den Weg schneller nach vorn finden.“ Der Coach begründete den laschen Auftritt unter anderem mit den intensiven Einheiten im Trainingslager: Die Frische habe gefehlt. Zudem konnten nicht alle Spieler mitwirken: Aljoscha Kemlein und Jeong befanden sich noch im Aufbautraining nach Verletzungen, Oliver Burke fiel erkrankt aus.
Außerdem nutzte Baumgart die Partie auch, um taktische Varianten auszutesten – die mit Tom Rothe auf der linken Innenverteidiger-Position in der Dreier-Abwehrkette misslang. Der Youngster, der sich auf der linken Bahn als Schienenspieler im bevorzugten 3-3-2-2-System deutlich wohler fühlt, wurde anfangs von den Fürthern einige Male ausgespielt. Auch die Maßnahme, den Rechtsfuß Josip Juranovic auf die linke Außenbahn und den Linksfuß Robert Skov auf die rechte Außenbahn zu platzieren, fruchtete nicht wie erhofft. Khedira rückte zeitweise von seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld auf die des zentralen Innenverteidigers. „Die Idee dahinter war, Alternativen zu schaffen, falls Spieler ausfallen“, begründete Baumgart: „Wir wissen, dass Rani das gut machen kann. Ob das in der Bundesliga passieren wird, ist eine andere Geschichte.“
Mit einer Portion Demut in die Saison gehen
Das hängt sicherlich vor allem an möglichen Verletzungen und auch am Personalstand in der Abwehr, der sich sowohl durch Zugänge als auch Abgänge noch verändern kann. Aufgrund der Kader-Unsicherheiten ist eine Saisonprognose nicht leicht, bei Union tun sich die Beteiligten damit ohnehin traditionell schwer. Klassenerhalt – so lautet auch in diesem Jahr das Hauptziel. Etwas anderes wird von Spielern, Trainern und Verantwortlichen öffentlich nicht ausgesprochen werden. Zu präsent sind noch die Abstiegssorgen der vergangenen Jahre. Er sei ohnehin ein Freund davon, lieber „mit einer ordentlichen Portion Demut in eine Saison zu gehen, als große Sprüche rauszuhauen und am Ende dann doof dazustehen“, sagte Khedira, der teamintern mit Kapitän Christopher Trimmel die Richtung vorgibt: „Du musst bei dir sein, du musst demütig sein, du musst arbeiten.“ Wer sich früh und ernsthaft genug auf den Abstiegskampf einlässt, wird am Ende die Klasse in der Bundesliga halten – davon ist Khedira überzeugt. Bis auf „die großen vier, fünf, sechs Mannschaften da oben“, meinte der Mittelfeldspieler, „muss jeder dieses Jahr gewappnet sein. Und von dem her geht es für uns von Anfang an darum, so schnell wie möglich auf die Tabelle zu kommen und zu punkten.“
Aber dafür müssen auch Tore geschossen werden – und das war in den vergangenen Jahren ein fast schon chronisches Problem der Eisernen. Khedira weiß, dass es durch den Weggang von Topscorer Benedict Hollerbach wohl nicht leichter wird. Und dass sich die Statik des Unioner Spiels etwas verschieben wird. So einen lauf- und spielfreudigen und dazu noch technisch starken Angreifer haben die Berliner nicht mehr in ihren Reihen. Sorgen macht sich Khedira deswegen aber nicht. Zumindest öffentlich nicht. „Das ist jetzt mein fünftes Jahr bei Union“, sagte er, „und gefühlt hatten wir jedes Jahr einen Abgang, wo wir sagen, das war unser Unterschiedsspieler.“ Gemeint waren unter anderem die Stürmer Max Kruse, Taiwo Awoniyi und Sheraldo Becker. Dass Union die bislang ausgeliehenen Offensivspieler Jeong (vier Millionen Euro) und Andrej Ilic (fünf) fest verpflichten und zudem Ilyas Ansah (vier) und Oliver Burke (ablösefrei) für den Angriff verpflichten konnte, stimmt Khedira zuversichtlich. Von dem Offensiv-Quartett ist der Schotte Burke zwar auf dem Papier der günstigste Neuzugang, doch Khedira hält große Stücke auf ihn. „Er ist für mich der schnellste Spieler, den ich live erleben durfte“, sagte er: „Das ist eine Waffe, die uns vielleicht helfen kann. Der hat ein Potenzial, wenn er das je auf den Platz bekommt, dann wird er uns auch extrem weiterhelfen.“