Die Gesellschaft ist gespalten, überfordert von den Herausforderungen. Nur weil dieses Lamento allgegenwärtig ist, muss es noch nicht richtig sein.
Das Bild von einer gespaltenen Gesellschaft, in der überall die Moralkeule geschwungen wird, ist ziemlich allgegengewärtig. Studien zeigen zwar, dass das gesellschaftliche Gefüge unter enormem Druck steht durch multiple Krisen, von Corona über Krieg, Wirtschaftskrise bis zu globalen Verwerfungen, aber der gesellschaftliche Zusammenhalt weiterhin „solide“ ist (Bertelsmann Stiftung, Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt).
Grundlegende Werte als Basis des Zusammenlebens sind weiter von Bestand. Das zeigt sich im nach wie vor hohen (wenn auch abnehmenden) ehrenamtlichen Engagement oder in Reaktionen auf Krisen und Katastrophen, die immer wieder eine Welle von Hilfsbereitschaft auslösen.
Die grundlegen Wertvorstellungen einer liberalen Demokratie werden zu einem hohen Prozentsatz geteilt, allerdings zeigen sich beim Vertrauen in Institutionen zunehmend tiefe Kratzer, was sich auch im Wahlverhalten niederschlägt.
Unterschiedliche Studien zeigen, dass Vertrauen in Teilen der Bevölkerung bröckelt, verstärkt durch „mediale Verwertungslogik“, die provozierende und polarisierende Stimmen pusht. Politische „Polarisierungsunternehmer“ machen sich das zunutze.
Unterschiedliche Studien von Bertelsmann Stiftung, Friederich Ebert Stiftung und anderen kommen dabei zu sehr ähnlichen Ergebnissen.
Die Menschheit überrascht sich selbst
Der Soziologe Steffen Mau stellt mit Kollegen in einer umfangreichen Studie aber fest, „dass das häufig gezeichnete Bild einer gespaltenen Gesellschaft nicht zutrifft“. Allerdings gibt es Sollbruchstellen („Triggerpunkte“), an denen sich Empörung breitmacht.
In der Regel geht es dabei um ungerechte Ungleichbehandlungen. Zugrunde liegen moralische Bewertungen. Dabei zeigen sich aber auch Zwiespältigkeiten: Grundsätzlich ist die Gesellschaft tolerant und liberal, in zentralen Fragen gibt es weitgehenden Konsens. Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, ist im Grundsatz ebenso akzeptiert wie Diversität und Klimaschutz. Konflikt gibt es, wenn Ungerechtigkeiten und/oder Überforderungen empfunden werden, wenn gegen Vorstellungen von fairen Lastenverteilungen und Gleichbehandlung verstoßen wird und damit Grundsätze dessen berührt werden, was sein sollte, also den „impliziten Gesellschaftsvertrag“.
Steffen Mau kommt zu der Folgerung, dass nicht eine gesellschaftliche Polarisierung bestimmter Fragen (etwa Migration, Gender, Vielfalt und andere) Grund dafür ist, dass Parteien, Medien und „politische Unternehmer“ Themen besonders bespielen und politisieren, sondern dass umgekehrt die starke Politisierung zu einer Polarisierung der Gesellschaft führt. „Aus Nutzenkalkül sind Parteien besonders laut bei umstrittenen und leise bei konsensualen Themen“, schreibt Mau. Diese These wiederum könnte mit erklären, dass der grundsätzliche „solide“ gesellschaftliche Zusammenhalt angeknackst wird. Womit die Herausforderung beschrieben ist, zu gesellschaftlich akzeptablen Kompromissen zu kommen. Die müssten, wie es der Gesellschaftswissenschaftler Claus Offe nannte, „moralisch plausibel“ sein, also „anschlussfähig an den Alltagssinn für Gerechtigkeit und Angemessenheit“.
Eine zusätzliche Herausforderung an unser moralisches Selbstverständnis ist die Entwicklung der digitalen Welt, besonders KI. Die Entwicklungen sind derart rasant und umfassend, dass wir mit einem „richtigen“ Umgang damit noch weitgehend überfordert sind. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind Diskussionen um ein Social-Media-Verbot als Jugendschutz. Ein einigermaßen hilfloser Versuch. Dabei stellt uns die schöne neue KI-Welt vor grundlegende Herausforderungen. Weil noch niemand wirklich Antworten auf die moralischen Fragen dabei geben kann, spielt sich alles in der kompletten Bandbreite von technikgläubigen Utopien bis deprimierenden Dystopien ab. Was bleibt, ist die Erfahrung aus anderen grundlegenden Umbrüchen in der Geschichte, die völlig neue Antworten erforderten: Am Ende hat sich Menschheit immer wieder selbst überrascht.