Ob in Pfanne oder Regenjacke: PFAS sind nützlich – aber man wird sie nie los. Die EU will die schädlichen Chemikalien verbieten. Und testete nun sogar das Blut von Politikern.
Um auf Umweltprobleme aufmerksam zu machen, braucht es manchmal unkonventionelle Methoden. Kurz nachdem Dänemark im vergangenen Sommer die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hatte, bat das dänische Umweltministerium gemeinsam mit dem Europäischen Umweltbüro (EEB), einem Dachverband von fast 200 europäischen Umweltorganisationen, zwei Dutzend europäische Spitzenpolitiker aus 19 Ländern zum Bluttest. Anfang Oktober wurde das Ergebnis veröffentlicht: Alle von ihnen hatten PFAS im Blut, vom deutschen Umweltminister Carsten Schneider bis hin zur schwedischen EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall.
Aktuell mehr als 10.000 Varianten
PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, besser bekannt als „Ewigkeitschemikalien“. Die Chemikaliengruppe der PFAS wurde vor rund 70 Jahren erfunden, mittlerweile gibt es sie in mehr als 10.000 Varianten. Als fluorierte Gase werden sie beispielsweise in der Kältetechnik genutzt. Andere PFAS sind flüssigkeits- und schmutzabweisend und helfen so, Regenjacken, Pizzakartons oder Coffee-to-go-Becher dichtzuhalten. Wieder andere stecken in Computer- oder Medizinprodukten. Auch in vielen Kosmetika, Feuerlöschschäumen und Düngemitteln waren oder sind PFAS enthalten. So gelangen sie permanent in die Umwelt, regelmäßig werden sie in Böden und im Grundwasser nachgewiesen.
Und selbst im menschlichen Körper lagern sich die Chemikalien ab. Das zeigte nun auch die Blutuntersuchung der EU-Umweltpolitiker. Wenn selbst die zuständigen Ministerinnen und Minister, die um die Risiken der PFAS sehr genau wissen, sich nicht vor ihnen schützen können, wird klar: PFAS sind ein Umweltproblem, das uns alle betrifft.
„PFAS haben eine Reihe von angenehmen Eigenschaften, deshalb wurden sie erfunden“, sagt Claus Haslauer, Wissenschaftlicher Leiter der Versuchseinrichtung zur Grundwasser- und Altlastensanierung (Vegas) der Universität Stuttgart. Das Problem: „PFAS sind persistent. Das heißt, sie verschwinden nicht einfach wieder.“ Mit seinem Team sucht Haslauer nach Wegen, PFAS aus Böden und Grundwasser zu entfernen. Das ist mühsam, teuer und funktioniert bisher nur im kleinen Stil.
Derweil reichern sich die Ewigkeitschemikalien mehr und mehr in der Umwelt an. Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Ihnen aus dem Weg zu gehen, ist unmöglich geworden, sagt Anett Georgi, die am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig eine Arbeitsgruppe für neue Verfahren der Wasserreinigung leitet: „Wir nehmen sie permanent über Nahrung und Wasser auf – und schon bei geringen Konzentrationen im Blutplasma sind Effekte zu sehen.“ Von manchen PFAS weiß man, dass sie die Wirkung von Impfungen vermindern können, andere führen zu erhöhten Cholesterinwerten, wieder andere zu einer niedrigeren Spermienzahl. Zwei PFAS-Verbindungen, PFOA und PFOS, wurden 2023 von der Weltgesundheitsorganisation als krebserregend beziehungsweise möglicherweise krebserregend eingestuft.
2023 veröffentlichte das Forever Pollution Project, für das sich mehr als ein Dutzend europäische Medienorganisationen zu einem Rechercheverbund zusammengeschlossen hatten, eine Karte mit Fundstellen, die stark mit PFAS belastet waren. Europaweit zeigte die Karte 23.000 rote Punkte. In Deutschland waren es rund 1.500, vom Bodensee bis zur Elbe, vom bayerischen Ansbach bis zum sächsischen Zwickau. „Dass irgendwo kein roter Punkt ist, bedeutet nicht unbedingt, dass es dort keine PFAS-Belastung gibt“, sagt Claus Haslauer von der Universität Stuttgart. „Es könnte genauso gut sein, dass man dort einfach noch nicht genau nachgeschaut hat. Das Problem ist überall.“
Nirgendwo sonst in Deutschland scheint das Problem größer als im Landkreis Rastatt, idyllisch gelegen im Rheintal zwischen Straßburg und Karlsruhe. Vor 13 Jahren wurden dort in einem Tiefbrunnen erstmals große Mengen der Chemikaliengruppe entdeckt. Es stellte sich heraus, dass ein Komposthändler über Jahre PFAS-haltige Papierschlämme als Dünger an Landwirte verteilt hatte. 2015 richtete der Landkreis eine PFAS-Geschäftsstelle zur Krisenkoordination und -kommunikation ein. Geleitet wird sie vom Geologen Reiner Söhlmann. Er erinnert sich noch an die Anfangszeit, als viele Landwirte die Hoffnung hegten, die Problemstoffe könnten bald wieder verschwinden: „Ich wurde gefragt: Wann können wir endlich wieder normal auf unseren Feldern anbauen? Dann musste ich sagen: Wir gehen davon aus, dass der Boden auch in 100 Jahren noch nicht sauber ist.“
Verbote gehen eher schleppend voran
Inzwischen ist klar: Mehr als 1.100 Hektar Boden sind belastet. Auf einer Fläche von 127 Quadratkilometern ist das Grundwasser verunreinigt, das betroffene Volumen wird aktuell auf rund 490 Millionen Kubikmeter geschätzt. Das ist in etwa die Wassermenge, die die gesamte Bevölkerung Baden-Württembergs pro Jahr verbraucht. Bis heute hat der Versuch, das Problem zu managen, um die 40 Millionen Euro gekostet – wirklich lösen lässt es sich mit dem aktuellen Stand der Technik nicht.
Die Wasserversorgungsunternehmen der Region Rastatt haben für die Reinigung des Trinkwassers zusätzliche Reinigungsanlagen installiert. Vor dem PFAS-Vorfall seien die Wasserpreise im Rheingraben, wo es reichlich leicht zugängliches Grundwasser gibt, besonders günstig gewesen, erklärt Söhlmann. Inzwischen zählten sie zu den höchsten in Baden-Württemberg.
Andere Wasserversorger entnehmen Wasser aus dem Rhein, der durch Industrieabwässer ebenfalls stark mit PFAS belastet ist. Das hängt mit einer Gesetzeslücke zusammen, die bei Söhlmann Kopfschütteln auslöst: Weder für Industrieabwässer noch für Kläranlagen gelten in Deutschland bislang gesetzlich verbindliche Grenzwerte für die Ewigkeitschemikalien.
Für Anett Georgi vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ist klar: „Diese Emissionen der Industrie muss man stoppen.“ Noch einen Schritt weiter geht Zhanyun Wang, der an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen zu Umweltrisikobewertung und -management forscht: „Es ist wichtig, dass wir möglichst schnell in die Gänge kommen und die Verwendung der Stoffklasse der PFAS insgesamt beschränken. Wo immer möglich, sollten sie durch andere, weniger bedenkliche Stoffe ersetzt werden.“
Die EU will den Einsatz von PFAS in Zukunft weiter erschweren. Anfang Oktober veröffentlichte sie eine Verordnung, die ihren Einsatz in Feuerlöschschäumen nach und nach beschränkt. So dürfen beispielsweise tragbare Feuerlöscher mit PFAS-haltigen Schäumen generell nur noch bis Oktober 2026 verkauft werden; ab Ende 2030 ist es dann verboten, diese Feuerlöscher zum Einsatz zu bringen.
Im kommenden Jahr soll ein Vorschlag für ein weitgehendes EU-Verbot von PFAS gemacht werden. Allerdings gestalten sich die Verhandlungen schwierig – die Industrie will ungern auf die nützlichen Stoffe verzichten. Ob der eine oder die andere Umweltministerin nach dem Bluttest anders auf das Thema blickt? Zumindest dürfte ihnen allen nun klar sein, dass es dabei auch um sie persönlich geht.