Radweltmeister Tadej Pogacar spielt für den erträumten Legendenstatus mit dem Feuer. Entgegen zahlreicher Mahnungen vor den Gefahren geht der Slowene erstmals bei Paris-Roubaix an den Start – und riskiert damit seine Ambitionen bei der Tour de France.
In der „Hölle des Nordens“ will Tadej Pogacar den nächsten Schritt in den Olymp des Radsports machen: Trotz seiner Ambitionen auf einen erneuten Erfolg bei der Tour de France steigt der Weltmeister am Palmsonntag beim Klassiker Paris-Roubaix in den Sattel. Scheinbar um jeden Preis will Pogacar so früh wie möglich den vorletzten Triumph für die Komplettierung seiner Siegessammlung bei den „Fünf Monumenten“ einfahren.
Mit der Entscheidung für seinen ersten Profi-Start bei dem bedeutenden Rennen setzte sich Pogacar nach wochenlangen Debatten gegen die Chefetage seines Teams UAE Emirates durch. „Tadej will das Rennen ausprobieren, aber ich sage ihm schon lange, dass er noch warten muss“, erklärte Teamleiter Mauro Gianetti noch kurz vor der Bekanntgabe von Pogacars Start eine Woche nach der Flandern-Rundfahrt in Nordfrankreich.
Wochenlange Debatten
Doch Pogacar mochte nicht mehr warten und schlug die Ratschläge des Schweizers in den Wind. Seit im vergangenen Februar ein Video von einer Trainingsfahrt des „Dominators“ durch den berüchtigten Wald von Arenberg über das besonders schlechte Kopfsteinpflaster-Stück des Rennens online für Aufsehen gesorgt hatte, waren Pogacars Ambitionen klar – und mühten sich Gianetti und seine Mitstreiter vergeblich um die Einleitung eines Sinneswandels bei ihrem Kapitän. Aus ihrer Sicht besteht bei Paris-Roubaix eine enorme hohe Sturzgefahr und dadurch auch ein hohes Risiko eines Ausfalls für die Tour de France, dem sportlichen wie finanziellen Höhepunkt des Jahres.
Als Pogacar auf dem Weg zu seinem Sieg beim Strade-Bianche-Rennen gestürzt war, unternahm Gianetti einen letzten eindringlichen Versuch zur Umstimmung seines Schützlings. „Er hätte sich das Schlüsselbein brechen und ernsthaft verletzen können. Er hat sich den Kopf angeschlagen, allerdings erst, nachdem er in die Wiese geflogen war, zum Glück. Er hat sich Schürfwunden zugezogen, aber es hätte noch viel schlimmer kommen können“, beschrieb der ehemalige Profi das Malheur, das auch als Warnung für Pogacar vor den Risiken bei Paris-Roubaix hätte dienen können. „Ein Sturz dort könnte unsere Ziele bei der Tour de France gefährden. Tadej soll keine Risiken eingehen.“ Schließlich behielt Pogacar das letzte Wort.
„Das ganze Team geht ein Risiko ein“
Gianettis Sorgen sind durchaus berechtigt. Völlig zu Recht gilt Paris-Roubaix seit seiner ersten Auflage vor 129 Jahren als „Hölle des Nordens“. Besonders quälend sind die Abschnitte auf teils historischem Kopfsteinpflaster, die in der Regel mehr als 50 Kilometer der über 250 Kilometer langen Strecke ausmachen. Über schmale Pfade schlängelt sich das Peloton durch die nordfranzösische Landschaft und wird dabei beinahe Kilometer für Kilometer zunehmend ausgedünnt. Nach der Zielankunft im Velodrom von Roubaix können manche Fahrer tagelang kaum aufrecht gehen. Die entscheidenden und auch brutalsten Passagen beginnen im denkmalgeschützten Wald von Arenberg nach gut 160 Kilometern. Defekte und Stürze sind in diesem Rennabschnitt nahezu unvermeidlich. Die Prominenz in der Radsport-Szene blickt Pogacars Vabanque-Spiel mit gemischten Gefühlen entgegen. „Nicht nur Tadej, sondern das ganze Team geht ein enormes Risiko ein“, meinte etwa Altmeister Alberto Contador im Vorfeld. „Im Regen, auf nassem Untergrund, ist die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes sehr hoch. Und bei Paris-Roubaix stürzt man nicht wie auf einer sauberen Straße, es kann auf Kopfsteinpflaster viel schlimmer ausgehen. Es ist ein Risiko, aber Pogacar ist ein ganz besonderer Fahrer und will es einfach wissen.“ Zugleich allerdings kann der Spanier, der zwar alle großen Rundfahrten gewann, aber nie bei Paris-Roubaix am Start stand, Pogacars Ehrgeiz nachempfinden. „Die fünf Monumente zu gewinnen, ist sehr wichtig für ihn, vor allem, wenn er sich mit Fahrern wie Merckx vergleichen möchte. Er hat eine enorme Gier nach Siegen und ist einer der Fahrer, die in der Lage sind, jedes Rennen zu gewinnen, bei dem sie starten.“
Tatsächlich kann Pogacar Radsport-Geschichte schreiben. Triumphe bei allen „Fünf Monumenten“ – die Klassiker Mailand-Sanremo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt – sind gleichbedeutend mit sportlicher Unsterblichkeit. Insgesamt gelang das Kunststück bisher nur den drei Belgiern Rik Van Looy, Eddy Merckx und Roger De Vlaeminck, der seine Sammlung als letzter Fahrer des Trios 1977 und damit vor 48 Jahren vervollständigen konnte. Noch kleiner ist der Kreis von Profis mit Siegen bei Paris-Roubaix und der Tour de France in einem Jahr: Das „Double“ gelang lediglich der Ikone Merckx 1970 und dem französischen Idol Bernard Hinault vor 44 Jahren.
Wenig verwunderlich, dass sich Pogacar vom Hauch der Geschichte zumindest gestreift fühlt. Flandern, Lüttich und Il Lombardia hat der Allrounder schon für sich entscheiden können. Nachdem Mitte März auch sein fünfter Anlauf auf den Sieg in Sanremo nicht erfolgreich verlaufen war, konnte er Anfang April immerhin die Flandern-Rundfahrt für sich entscheiden. Jedes Jahr seit 2021 konnte Pogacar mindestens ein Rennen aus der Reihe der Monumente gewinnen.
Geeignete Fahrstrategie
Dass es nun in Nordfrankreich der zweite Sieg im laufenden Jahr wird, darf zumindest bei weiteren Blicken in die Statistik als unsicher angesehen werden. Der US-Amerikaner Greg LeMond startete 1991 als letzter amtierender Tour-Sieger bei Paris-Roubaix – und kam auf Platz 55 ins Ziel. Umgekehrt liegt der letzte Tour-Erfolg nach einer vorherigen Teilnahme an der „Königin der Klassiker“ auch schon sieben Jahre zurück; allerdings war der Waliser Geraint Thomas 2018 im Frühjahr vor seinem Triumph bei der „Großen Schleife“ auf dem Weg nach Roubaix vor den entscheidenden und gefährlichen Kopfsteinpflaster-Passagen im Wald von Arenberg ausgestiegen. Allerdings erscheint Pogacars Spezialität der unwiderstehlichen Ausreißversuche und anschließend einsamen Solo-Ritten direkt aufs Siegerpodest für Paris-Roubaix überaus geeignet, wenn nicht sogar prädestiniert. Auch Mathieu van der Poel, der in den beiden vergangenen Jahren Paris-Roubaix gewann und erst in Sanremo Pogacars Angriff widerstand und den Slowenen durch seinen Sieg düpierte, auch van der Poel also erwartet viel von seinem größten Konkurrenten im Kampf um die Pflasterstein-Trophäe: „Tadej hat im vorigen Jahr bei der Roubaix-Etappe in der Tour gezeigt, wie stark er auf Kopfsteinpflaster ist. Also kann er gewinnen. Es wird auch für ihn nicht leicht sein, aber er hat eine Chance.“
Hinault traut Pogacar ebenfalls den Grundstein zum ersten „Frankreich-Double“ seit seinem eigenen Doppel-Sieg 1981 zu. „Er kann auf jeden Fall gewinnen, denn er hat vor nichts Angst.“
Außer Gianetti war im UAE-Team noch einer mit Pogacars Startzusage nicht glücklich: Der Kölner Klassikerspezialist Nils Politt muss seinen prominenten Kapitän im Rennen unterstützen, statt selbst sechs Jahre nach seinem zweiten Platz in Roubaix noch einmal nach seinem ersten Monument-Erfolg zu greifen.
Dadurch dürfte John Degenkolb auch nach Palmsonntag der letzte deutsche Sieger von Paris-Roubaix bleiben. Sein Erfolg jährt sich bei der anstehenden Auflage zum zehnten Mal. Vor Degenkolb konnte nur ein weiterer Fahrer nach der Kopfsteinpflaster-Qual einen Sieg feiern: Josef Fischer bei der Premiere von Paris-Roubaix – vor 129 Jahren.