Ein politischer Außenseiter fordert Ungarns Dauerpremier ernsthaft heraus – bringt Péter Magyar ein ganzes System ins Wanken? Viktor Orbán kann auf die Unterstützung namhafter Rechtsnationalisten aus dem Ausland zählen, darunter auch die AfD.
Eines muss man dem Mann lassen: Viktor Orbán hat so ein dickes Fell, dass Kritik an ihm abperlt wie Wasser auf einer Teflonpfanne. Mitte März beim EU-Gipfeltreffen ging ein Donnerwetter der Staats- und Regierungschefs auf den Ungarn nieder. Doch der war störrisch. Er blockierte mit seinem Vetorecht einen EU-Milliardenkredit an die verzweifelte Ukraine zur Verteidigung gegen den Aggressor Russland.
„Orbán degradiert die EU-Chefs zu Statisten“, kommentierte ein Journalist. Andere nannten ihn „Systemsprenger“, „Putins Mann“ oder „Unruhestifter der EU“. Tatsache ist: Der 62-Jährige aus der historischen Stadt Székesfehérvár treibt eigentlich Verbündete an den Rand des politischen Wahnsinns.
Das ist bei dem studierten Juristen wohlkalkuliert. Kaum zu glauben, dass er 1989 als junger Mann mit einer vielbeachteten Rede zum Abzug der Sowjets aus Ungarn schlagartig bekannt wurde. Damals verlangte er von der alten kommunistischen Garde den Abtritt – das war mutig, weil die UdSSR noch präsent war. Heute geriert sich Orbán indes als treuer Gefolgsmann des Kremls.
Bislang ist der vom Liberalen zum Hardcore-Nationalisten gewandelte Puszta-Politiker mit seinem Kurs bestens gefahren. Er ist seit 2010 ununterbrochen im Amt, wurde fünf Mal zum Ministerpräsidenten gewählt und erhielt vom Wahlvolk für seine Partei Fidesz („Bund junger Demokraten“) verfassungsgebende Mehrheiten. Orbán ist Europas Inbegriff politischer Dauerpräsenz.
Orbáns Feindbilder in Brüssel
Ob das bei der Parlamentswahl am 12. April 2026 so bleibt, ist fraglich. Der Urnengang ist eine der spannendsten und politisch wichtigsten Wahlen Europas seit Jahrzehnten. Der Grund: Orbán wird erstmals ernsthaft herausgefordert.
Péter Magyar (46) heißt der Widersacher, ein ehemaliger Diplomat, der bis vor zwei Jahren zu den Parteigängern Orbáns zählte. Er löste sich vor zwei Jahren von ihm nach einem Skandal um die Begnadigung eines verurteilten Vertuschers von Kindesmissbrauchfällen. Magyar gründete die Partei „Tisztelet és Szabadság“ („Respekt und Freiheit“ – kurz TISZA) und erreichte aus dem Stand bei den Europawahlen knapp 30 Prozent der Stimmen. Seither ist der EU-Abgeordnete die zweitstärkste Kraft im Lande.
Genau besehen ist der aus dem System kommende Magyar nicht in allen Punkten ein komplettes Gegenstück zu Orbán. Seine Partei ist konservativ, betont nationale Traditionen und Stolz auf Ungarns Geschichte – ähnlich wie Fidesz. Auch das TISZA-Familienbild ist konservativ und die Partei steht wie Orbán für Marktwirtschaft, Privatkapital und wirtschaftliche Stabilität.
Der krasse Unterschied besteht in Magyars pro‑europäischer Ausrichtung. Er will Ungarns EU‑Konfrontationskurs beenden. Außerdem steht er für die Betonung von Rechtsstaatlichkeit und die Wiederherstellung demokratischer Standards. Die hat Orbán autoritär so geschliffen, dass europäische Werte nicht mehr erkennbar sind. Dazu kommt für EU-Politiker belegte Korruption und Bereicherung. Parteiübergreifend fordern Europaabgeordnete, der Regierung in Budapest den EU-Geldhahn zuzudrehen. „Wer sich null um die Achtung der EU-Werte kümmert, hat null Euro aus dem EU-Budget verdient“, schimpft Moritz Körner von der FDP.
Am Nationalfeiertag (15. März) standen sich die Rivalen in der Hauptstadt bei Massenkundgebungen am zentralen Heldenplatz fast gegenüber, präsentierten auf zwei Bühnen ihre jeweiligen Wahrheiten. Tausende drängten sich, Fahnen wehten im kalten Wind und Sprechchöre hallten über den Platz. „Jetzt geht es um alles,“ sagten Teilnehmer beider Manifestationen –
die Orbán-Fans kamen, um den starken Mann zu stützen, die Magyar-Anhänger wollten frischen Wind aufwirbeln.
Die symbolische Wahlkampf-Kraftprobe zeigte einen Herausforderer, der ruhig, fast nüchtern wirkte. Gerade das beeindruckte die Menge. Ungarn stehe „am Kreuzweg zwischen Europa und Diktatur“, beschwor der Jurist sein Publikum. Ungarn müsse „wieder ein normales europäisches Leben führen.“ Der Applaus war laut, auch wenn Magyars Redetalent nicht so pikant ist.
Nicht weit davon beschwor Orbán seine Anhänger. „Was auf dem Spiel steht, ist: Krieg oder Frieden“, rief der Mann der starken Worte. Für ihn ist die Wahl keine Richtungsentscheidung, sondern eine Schicksalsfrage – und er der selbsterklärte Garant von Stabilität.
Die Opposition hingegen hat in dem Fidesz-durchsetzten Staat noch Mühe, ihre Glaubwürdigkeit, programmatische Tiefe und ein breites Führungsteam zu zeigen. Aber die Bewegung bleibt stark von Magyars persönlicher Führung abhängig. Das birgt Risiken. Unterschiede zwischen liberalen, konservativen und linken Kräften könnten nach der Wahl rasch wieder sichtbar werden. Zunächst jedoch mobilisiert die Aussicht auf Orbáns Abwahl besonders junge Städter, Akademiker und die urbane Mittelschicht. Und das, obwohl Orbán sich die Medienlandschaft zurechtgekappt hat.
Budapest ist dieser Tage stark plakatiert. Auf den Straßen diskutieren Menschen über steigende Preise, über Energieversorgung, über Bildung und Gesundheit. „Alles wird teurer“, sagen viele Menschen. Diesen Ängsten setzt Orbán seine Botschaft entgegen: „Nur wir können den Frieden bewahren!“ Sicherheit statt Risiko – diese Formel zieht sich durch seinen Wahlkampf. Es sind weniger Programme als Gefühle, was viele anspricht. Auch Magyars Ruf: „Dieses Land verdient mehr.“
Opposition stark von Magyar abhängig
Seit 2010 hat Orbán Ungarn grundlegend verändert, Institutionen umgebaut, Medien konzentriert, politische Loyalität belohnt. Kritiker sprechen von einem „illiberalen Staat“, Orbán von „nationaler Selbstbehauptung“. Doch nun zeigt das System Risse. Die wirtschaftliche Lage belastet viele Haushalte, die Inflation ist hoch, Investitionen bleiben aus.
Darauf reagiert Orbán so, wie es Autokraten gerne tun: Er sucht einen äußeren Sündenbock. Den hat er in der oftmals strukturell gelähmten EU gefunden. Dabei bedient sich sein Land reichlich aus den Brüsseler Fleischtöpfen. Viele Milliarden Euro flossen für die Modernisierung von Straßen, Autobahnen, Brücken und Bahnen. Im Agrarsektor ist Ungarn einer der größten Empfänger. Erhebliche Mittel gingen aus europäischen Fonds an die Hochschulen, Forschungsinstitute und Start-ups. Das alles war entscheidend für die Modernisierung Ungarns.
Dennoch macht Orbán die EU zum Feind. Brüssel ist die Bühne, auf der er Stärke zeigen kann. Die nationalistische Haltung belastet sogar Ungarns Verhältnis zu Nachbarstaaten. Investitionen aus Österreich und Deutschland werden kritisch beobachtet. Auch mit der Ukraine legt sich der politische Solitär direkt an – im Gebiet Transkarpatien leben ungarische Minderheiten, die Orbán für diskriminiert hält.
Dass das System Orbán ins Wanken gerät, liegt an Magyar. Als ehemaliger Insider kennt er die Mechanismen der Macht – und greift sie gezielt an. Sollte er an die Macht kommen, stehen vier Regierungspunkte ganz oben: Korruption bekämpfen, Staat reformieren, EU-Gelder effizient nutzen, die Wirtschaft stimulieren – auf Ungarisch: „Hazahozzuk a pénzeket“ – „Wir holen das Geld zurück“.
Ein Machtwechsel wäre historisch. Nach über 16 Jahren könnte ein System enden, das den EU-Staat tief geprägt hat. Für Europa wäre das von großer Bedeutung: Blockierte Fördermittel könnten wieder fließen, Konflikte über Rechtsstaatlichkeit könnten gelöst werden. Bleibt Orbán jedoch, ginge der Ärger weiter.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) platzte längst der Kragen wegen Orbán, der sich auffällig oft mit der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel trifft. Beim Brüsseler Gipfel warf der CDU-Vorsitzende dem Budapester Blockierer einen „Akt grober Illoyalität“ an den Kopf, drohte gar mit Kürzung der Ungarn-Gelder im nächsten EU-Etat. Ob das nicht letzten Endes dem Orbánschen Nationalismusnarrativ dient – oder aber den Magyarschen EU-Friedensfühlern –, bleibt abzuwarten. Klar ist: Nur wenn künftig Péter Magyar im neugotischen Parlamentsgebäude am Budapester Donauufer das Sagen hätte, wäre Ungarns Politik-Gulasch auch für Merz & Co. wieder schmackhafter.