Unter seinem Markenzeichen, der Baseballkappe, zeigt sich bei Sänger Mark Forster langsam ein angegrauter Schopf. Der 43-jährige Songschreiber weiß dennoch weiterhin, wie die Tiktok-Jugend tickt. Demnächst macht er auf seiner Sommertournee Station in Dillingen.
Herr Forster, Sie tragen Ihr Haar neuerdings grau. Das galt in der Popmusikbranche lange als Tabu. Möchten Sie damit ein Statement abgeben?
Nein, mir wäre es lieber, ich hätte keine grauen Haare. Aber ich finde das Statement, die grauen Haare zu färben, schlechter als das Statement, sie einfach zu zeigen. Es gibt in meinem Alter auch Leute, die noch nicht so viele graue Haare haben wie ich, aber ich habe sie nun mal. An der Seite mache ich sie sogar ganz kurz, das sieht schnittiger aus. Ich hätte schon lieber sattes schwarzes, wallendes Haar. Viele Leute, die den Übergang nicht mitbekommen haben, sind überrascht, wie grau ich geworden bin. Aber es ist kein gesellschaftliches Statement.
Schwingt da ein bisschen mit, dass Sie auch als Musiker reifer geworden sind?
Nein. Wenn die Musik es nicht sagt, dass man reifer ist, dann nützt der graue Bart nichts.
Wie würden Sie Ihr momentanes Lebensgefühl beschreiben? Und möchten Sie es gern auf Ihre Konzerte übertragen?
Wahrscheinlich. Ich bin total gehypt, was die Konzerte betrifft. Wir sind zu siebt auf der Bühne und haben fast keinen Zuspieler, was selten ist. Viele große Acts spielen mittlerweile Halb- oder Vollplayback. Wir hingegen spielen alles live mit einer brutal guten Band. Es wird wie immer eine fette Bühne und eine tolle Show werden, aber der Fokus liegt auf dem gemeinsamen Spielen. Ich fühle mich frei und betreibe Mikromanagement, was meine Veröffentlichungen, Social Media, Videos, Fotos und Konzerte betrifft. Viele Dinge, die mir früher gar nicht so wichtig waren, sind mir jetzt wichtig.
Zum Beispiel?
Früher habe ich manchmal sehr unbedarft eine Insta-Story oder einen Tiktok-Post gemacht. Einfach aus Langeweile. Heute ist es keine Reaktion aus Langeweile mehr, sondern eine künstlerische. Für mich haben Tiktok und Instagram die Musikvideos abgelöst. Ich mache zwar noch welche, aber die riesengroßen Zahlen entstehen im besten Falle auf Tiktok und Instagram. Ich bin auch deutlich weniger kulturbewusst gewesen, was meine Klamotten betrifft, und habe immer sehr funktional gedacht. Ich trage halt ein schwarzes Käppi, dann kann sich keiner beschweren, was da draufsteht, und dazu ein weißes T-Shirt und eine Bomberjacke. Heute versuche ich eher, mit dem, was ich anziehe, etwas auszudrücken, weil die Leute eine Awareness dafür haben. Die gab es vor zehn Jahren so noch nicht.
Musik ist für junge Menschen immer eines der wichtigsten Dinge in ihrem Leben gewesen – und stets hochemotional besetzt. Wie steht es heute um die Musikleidenschaft der internetaffinen Jugendlichen?
Erst einmal wird TikTok nicht nur von jungen Leuten genutzt. Sie sind dort nur präsenter und lauter. Je älter man wird, desto stiller und zurückhaltender wird man im Netz im besten Falle. Das Verhältnis zu Musik befindet sich eh in einem Dauerwandel. Schon die frühen Beatles haben in den Abbey-Road-Studios innerhalb einer Woche zweieinhalb Minuten lange Songs geschrieben und produziert. Das war eher Track-Business. Sie haben auch viel gecovert, alte Songs recycelt und verändert. Solche Dinge passieren heute wieder, wenn Doechii zum Beispiel den alten Gotye-Song „Somebody that I used to know“ mit einem anderen Text wieder zu einem Hit macht. Was man heute als jüngerer Mensch cool findet, ist nicht nur abhängig davon, was man hört oder fühlt, sondern auch von Klick-Zahlen.
Welche Ära der Popmusik hat Sie geprägt?
Die Ära des Musikfernsehens, also Viva und MTV. Aus heutiger Sicht keine uninteressante Zeit. Die Sachen, die damals im Radio groß waren, und die, die im Musikfernsehen groß waren, sind oft unterschiedlich gewesen. Die etwas cooleren und jüngeren Sachen liefen in der Superrotation bei MTV, Kinderpopmusik lief in der Rotation bei Viva und die großen Stars, die bei „Wetten, dass…?“ auftraten, waren sehr erfolgreich im Radio. Hier und da hat sich das vermischt. Das ist gar nicht so weit weg von heute. Man hat immer noch das Radio und Künstler, die groß sind auf Instagram oder Tiktok, was unterschiedliche Kanäle sind – wie Viva und MTV. Es gibt heute einfach sehr viel mehr Musik, und die Schlagzahl ist total hoch. Man hat kaum noch Zeit, sich vertraut zu machen mit einem Album oder einem Song, weil man schon das nächste Ding um die Ohren gepfeffert kriegt. Dadurch habe ich als Fan Stress.
Haben Sie sich für Ihre Musik ein klares Ziel gesetzt? Soll sie etwas Bestimmtes bewirken?
Mal so, mal so. Die letzten drei Songs, die ich veröffentlicht habe, habe ich relativ aus der Hüfte geschossen. „Zeitmaschine“, den ersten Song aus dieser neuen Zeit, habe ich morgens angefangen zu schreiben und am späten Nachmittag gepostet. Ich weiß gar nicht, ob ich da schon eine zweite Strophe hatte. Ich fand ihn einfach so anders und wollte wissen, wie das erste Feedback ist. Und das hat zu einem Release geführt. Je länger man diese Tätigkeit ausführt, desto mehr kommt das Handwerk hinzu. Wenn ich mich hinsetze und ein Lied schreibe, dann wird das mit Sicherheit gut klingen, weil ich einfach das Handwerk beherrsche. Ob da aber eine Magie oder eine besondere Idee drinsteckt, ist Schicksal oder Glück. Ob ein Lied viele Leute unabhängig voneinander berührt, hat mit Handwerk nichts zu tun. Die Magie kommt irgendwoher, aber schon aus mir selbst.
Hat das Musikmachen einen therapeutischen Effekt?
Auf jeden Fall. Irgendeinen Knacks muss man haben, wenn man sich ständig auf eine Bühne stellt oder sich immer wieder vor ein weißes Blatt Papier setzt und versucht, immer wieder von vorn ein Lied zu schreiben. Ich hatte das Glück, schon einige geschrieben zu haben, die andere gut finden. Ich muss es also nicht mehr beweisen, aber ich mache es trotzdem, und zwar ständig. Das hat nichts mit Geld oder Ego zu tun, es ist eher eine Notwendigkeit.
Das Schreiben könnte man sich heutzutage auch leicht machen und KI bitten, einen Song zu kreieren. Auch die menschliche Stimme kann mittlerweile künstlich verformt werden und in einem anderen Glanz strahlen. Haben Sie mit KI schon herumexperimentiert?
Ja natürlich, schon seit Langem. Es gibt inzwischen Tools, die sehr nützlich sind. Den Automaten, wo man reinsagt „Mach’ mir ein Lied, was ich mag“, habe ich aber noch nicht gesehen. Ich sehe aber schon beeindruckende und wertvolle Dinge, was KI betrifft. Alle sagen, dass KI sehr schnell wahnwitzig besser wird. Das kann ich mir schon vorstellen, aber bis jetzt hat mich noch nichts von dem überzeugt, was ich gehört habe.
Welche Art von menschengemachten Songs hat noch eine Zukunft?
Auf jeden Fall die Musik, die nicht versucht, Algorithmen nachzumachen. Im weitesten Sinne also Kunst. Kunst muss nicht hochnäsig, akademisch oder verschroben sein, auch Popkunst muss Herz, Verstand und Intelligenz haben.
Was ist die Grundvoraussetzung für das, was Sie tun? Perfektionismus? Leidenschaft? Obsession?
Leidenschaft klingt etwas freundlicher, Obsession ein bisschen nach Zwang. Ich denke einfach super viel über alles nach, was meine Musik betrifft. Ob es nun der Tiktok-Content ist, den ich aktuell plane, oder welche Mikrofone ich benutzen muss, um den Gitarrensound zu verbessern. Meine Gedanken kreisen unnormal viel um diese Musiksache. Sie können ja selbst entscheiden, ob das jetzt leidenschaftlich oder
obsessiv ist.
Sie haben ursprünglich Jura und BWL studiert. Hatten Sie in Ihrem Leben einen Aha-Moment hinsichtlich Musik?
Ich wollte schon immer Musik machen, aber ich bin nicht so wie mein Freund Igor Levit. Mir wurde mit acht Jahren nicht gesagt, ich sei ein Wunderkind. Sondern ich singe einfach Lieder über meine Gefühle. Anfangs dachte ich, das braucht man nicht unbedingt von mir. Ich hatte dann aber einen Aha-Moment, indem ich mir sagte, ich probiere es einfach trotzdem in aller Konsequenz. Das passierte, als ich mit Anfang 20 den Jakobsweg lief. Da habe ich zwei Monate lang über alles nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass es für mich keinen Sinn macht, etwas anderes als Musik zu machen.
Was hatten Sie auf dem Jakobsweg dabei?
Einen Rucksack und zwei Unterhosen. Lustigerweise braucht man Musik gar nicht dabei zu haben, sie dudelt trotzdem im Kopf.