Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ein sehr wechselhaftes Jahr hinter sich. Mit einem Happy End. Doch was darf man von ihr bei der WM im kommenden Sommer erwarten?
Wie gut ist diese Nationalmannschaft wirklich? Das weiß niemand so wirklich. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen, Spieler mit Hochs und Durchhängern, ein Trainer, der mal Kritik und dann wieder viel Lob einheimst. Abseits der Hysterie in beiden Richtungen lässt sich feststellen, dass diese Mannschaft Potenzial hat. Und noch viele Baustellen. Und dass die Furcht vor einem dritten Vorrunden-Aus in Folge bei der WM im kommenden Sommer in Nordamerika Stand heute genauso übertrieben scheint wie der Traum vom fünften Titel. Wir beleuchten den Stand aus vielen Blickwinkeln:
So lief das Jahr 2025
Ganz am Anfang und ganz am Schluss spielte die Nationalmannschaft bärenstark. Dazwischen teilweise gruselig schlecht. Es begann mit einem 2:1-Sieg in der Nations League in Italien und einer furiosen ersten Halbzeit mit 3:0-Führung im Rückspiel. Der 3:3-Endstand, der letztlich sogar noch gefährdet war, gab einen ersten Wink. Beim Final Four der Nations League enttäuschte das DFB-Team, war beim 1:2 gegen Portugal und dem 0:2 gegen Frankreich chancenloser, als es die Ergebnisse aussagen. Als dann auch die WM-Quali mit einem 0:2 in der Slowakei begann, fürchteten viele das Schlimmste. Doch nach einem zähen 3:1 gegen Nordirland beendete die Truppe von Julian Nagelsmann die Quali mit vier Siegen und insgesamt 13:0 Toren. Während die erste Halbzeit beim 2:0 in Luxemburg noch einmal alle Alarmglocken schrillen ließ, sorgte das furiose 6:0 gegen die Slowakei für einen sehr versöhnlichen Jahresausklang. „Ich weiß, was in dieser Mannschaft an Potenzial schlummert“, sagte Nagelsmann: „Umso mehr freue ich mich, wenn sie es auch mal herauskitzeln kann.“
Das Tor
Eigentlich die Position, auf der Deutschland die wenigsten Probleme hat. Andererseits trotzdem die meistdiskutierte. Doch ob am Ende endlich mal der noch verletzte und bei Barcelona ins zweite Glied verschobene Marc-André ter Stegen sein erstes großes Turnier als Stammtorhüter bekommt, ob der seit zehn Spielen starke Hoffenheimer Oliver Baumann die Nummer eins bleibt oder ob am Ende sogar Manuel Neuer aus der DFB-Rente zurückkehrt – Sorgen muss man sich im Tor wohl keine machen.
Die Abwehr
Die vier Zu-null-Spiele zum Jahresausklang klingen gut, blenden aber ein wenig. Denn insgesamt fehlen hier die Alternativen in der Breite. Mit Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah hat Deutschland eigentlich drei Innenverteidiger von internationalem Format. Der zuletzt sogar als Kapitän auflaufende Tah bildete zunächst mit Rüdiger das Stamm-Duo, während dessen Verletzung mit Schlotterbeck. Letzterer hat als einziger Linksfuß einen kleinen Vorteil. Vielleicht spielt Nagelsmann aber auch mit Dreierkette. Hinter dem Trio überzeugten Robin Koch, Waldemar Anton und Malick Thiaw zuletzt nur bedingt. Außen hat sich links David Raum als solide Lösung festgespielt und hat Vorteile vor Maximilian Mittelstädt. Rechts könnte Kapitän Joshua Kimmich spielen. Rückt er ins Mittelfeld, wird eine Lösung gesucht. Zuletzt war Ridle Baku dabei und traf sogar nach Einwechslung gegen die Slowakei.
Defensives Mittelfeld
Hier gibt es grundsätzlich viele Alternativen, es geht um die Mischung. Spielt Kimmich hier, ist ein Platz weg. Ansonsten haben seine Münchener Kollegen Leon Goretzka und Aleksandar Pavlovic gute Karten. Auch den Dortmunder Felix Nmecha lobte der Bundestrainer zuletzt überschwänglich: „Ein unfassbarer Spieler.“ Der Stuttgarter Angelo Stiller schien gute Karten zu haben, bis er am Jahresende fehlte. Der 19 Jahre alte Leipziger Assan Ouédraogo, der am liebsten als Achter spielt, legte mit seinem Tor gegen die Slowakei ein Knaller-Debüt hin, verletzte sich aber direkt danach. Und auch der Mainzer Nadiem Amiri ist nach einem Reifeprozess eine echte Alternative. Pascal Groß und Robert Andrich dürften es schwer haben.
Offensives Mittelfeld
Hier stimmt es in der Breite und in der Spitze. Der ehemalige Stuttgarter Meistertrainer Armin Veh stellte kürzlich im „Doppelpass“ bei Sport1 fest: „Wir haben so viele große Talente in Deutschland. Leider spielen sie alle dieselbe Position.“ Der im Januar aufs Feld zurückkehrende Jamal Musiala und der in Liverpool schwer reinkommende Florian Wirtz sind hierfür die besten Belege. Doch auch der im Herbst ebenfalls verletzte Kai Havertz spielt am liebsten auf einer der drei Positionen hinter der Spitze. Ebenso der 17 Jahre alte Bayern-Shootingstar Lennart Karl oder der 19 Jahre alte Köln-Überflieger Said El Mala, den Nagelsmann schon mal nominierte. Dazu die zuletzt stark formverbesserten Leroy Sané und Serge Gnabry oder der schnelle Karim Adeyemi, der aber auch abseits des Rasens für Schlagzeilen sorgte. Und weitere bereits eingesetzte Spieler wie Maximilian Beier, Jamie Leweling, Kevin Schade oder Chris Führich hoffen.
Sturm
Lange klagte man, Deutschland habe gar keine Stürmer mehr. Doch längst sieht es wieder besser aus. Nick Woltemade hat sich mit vier Toren im Jahres-Endspurt erst mal festgespielt. Der zuletzt nicht nominierte Frankfurter Jonathan Burkardt ist treffsicherster deutscher Stürmer in der Bundesliga. Der Gladbacher Tim Kleindienst, der im Frühjahr 2025 überzeugte, ist nach Verletzung zurück. Und auch der vielseitige Deniz Undav zeigte sich zuletzt sehr treffsicher. Da wäre für Niclas Füllkrug derzeit gar kein Platz, doch er könnte seine Chancen mit einem Winter-Wechsel verbessern.
Trainer
Fast logischerweise hat mit den Ergebnissen auch Nagelsmann in diesem Jahr Hochs und Tiefs in der öffentlichen Einschätzung erlebt. Auch, weil sich an seinen öffentlichen Auftritten oft die Geister scheiden. Manchen ist er zu forsch, andere feiern die Frische, die er reinbringt. Dies galt vor allem für die Ansage, Weltmeister werden zu wollen, die von vielen gelobt wurde, weil Nagelsmann vorangeht. Andere werteten sie als realitätsfern oder fürchteten unnötigen Zusatzdruck aufs Team. Bei der EM 2024 hat Nagelsmann sicher das nahezu Bestmögliche rausgeholt, als Deutschland im Viertelfinale sogar Spanien am Rande einer Niederlage hatte. Nach dem Durchhänger muss er nun beweisen, dass sein Team bei der WM noch einen Schritt weiter ist. Seinen Vertrag hat er ohnehin schon bis nach der EM 2028 verlängert. Um dieses Ziel in Ruhe anzugehen, braucht er einen guten Auftritt in den USA, Kanada und Mexiko.
Die Führungsspieler
Mit einer Führungsachse tat sich die Nationalmannschaft schon bei der WM 2022 in Katar schwer. Und da waren noch Spieler wie Neuer, Thomas Müller und Ilkay Gündogan dabei. Und der heutige Kapitän Kimmich erklärte schon nach dem Vorrunden-Aus 2022: „Das ist schon für mich nicht so einfach zu verkraften. Weil ich persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht werde. Ich bin 2016 dazugekommen, davor war Deutschland immer im Halbfinale. Dann kommt man dazu und scheidet zweimal in der Vorrunde aus, im letzten Jahr im Achtelfinale. Das ist nichts, wofür man stehen möchte.“ Kimmich schien zuletzt zwar noch mal sehr gereift und ging beim FC Bayern wie in der Nationalmannschaft immer mehr voran. Doch er und seine Generation werden beweisen müssen, dass sie es können. Das Problem: Viele Mitstreiter als Teamleader hat Kimmich nicht. Denn die, die dafür potenziell infrage kommen, sind entweder noch sehr jung, sehr zurückhaltend oder sportlich nicht unantastbar.
Fazit
Ist Deutschland also WM-reif? Klares Ja! Ist Deutschland auch titelreif? Klares Jein! Ein drittes Vorrunden-Aus in Folge wäre diesmal eine noch größere Überraschung. Nicht nur wegen der Teilnehmerzahl von erstmals 48 Nationen. Sondern, weil in dem Team grundsätzlich zu viel Qualität ist. Doch es gibt Schwachstellen und unnötige Diskussionen. Und Jungstars wie Musiala oder Wirtz müssen ebenso auf den Punkt topfit sein wie mindestens einer der Stürmer. Realistisch scheint aus heutiger Sicht, dass Deutschland ein Vorrunden-Aus nicht fürchten muss. Aber dass es sicher spätestens schwer wird, wenn einer der ganz Großen im direkten Duell kommt. Brasilien oder Argentinien, aber auch europäische Teams wie Spanien, Frankreich und England scheinen dem DFB-Team aktuell doch in einiger Hinsicht noch etwas voraus zu sein.