Tech-Konzerne und Großmächte sind dabei, die Welt unter sich aufzuteilen. Bestseller-Autor Sven Hilbig nennt das „digitalen Kolonialismus“. Dabei ist ein dritter Weg möglich zwischen dem libertären Weg der USA und dem autokratischen Weg Chinas.
Herr Hilbig, was ist „digitaler Kolonialismus“?
Der Begriff beschreibt eine neue globale Weltordnung, die viel von dem in sich trägt, was den traditionellen Kolonialismus kennzeichnete: Einige private Akteure, aber auch einige Staaten aus dem globalen Norden unterhalten ein Wirtschaftssystem, das von Ausbeutung geprägt ist, und die Ausbeutung geschieht im globalen Süden, also den ehemaligen Kolonien. Es geht um Ausbeutung von Arbeit, Rohstoffen, Energie, aber auch von Daten. Die daraus entstehenden Gewinne von Google, Apple und Meta sind gigantisch. Das ist ein Muster, das wir aus der Kolonialzeit kennen. Neben dem Ausbeutungscharakter geht es auch um strukturelle Abhängigkeit, die wir mit der Phase des Neokolonialismus verbinden. Als die letzten afrikanischen Staaten politisch unabhängig wurden, blieben sie aber immer noch Gefangene eines Wirtschaftssystems, von dem sie nicht profitieren und das sie auch nicht steuern. Dieses Schema sehen wir auch bei der Digitalisierung. Verwaltungen auf dem afrikanischen Kontinent funktionieren nicht ohne die Office-Anwendungen von Microsoft oder Cloud-Infrastruktur von Amazon und zunehmend auch aus China. Und: In den USA stehen weit über 4.000 Rechenzentren, auf dem ganzen afrikanischen Kontinent gibt es nur 90 Rechenzentren, die Hälfte davon in nur vier Staaten. Das wiederum bedeutet, dass die Daten dort gar nicht erfasst und weiterverarbeitet werden können und damit auch keine afrikanischen digitalen Dienstleistungen entstehen, sondern auch zukünftig nur US-amerikanische genutzt werden. Die Gewinne der US-Konzerne steigen dadurch weiter in die Höhe.
Es gibt aber auch weiterhin die bekannte Ausbeutung von Rohstoffen?
Rohstoffe sind die größte Kontinuität zwischen dem historischen und dem digitalen Kolonialismus. In unserem Smartphone stecken 60 Rohstoffe, die vornehmlich im globalen Süden abgebaut werden. Durch die Digitalisierung verschärft sich das: Jedes Jahr werden 1,4 Milliarden neue Smartphones auf den Markt geworfen und auch 1,4 Milliarden neue Tablets. Damit nimmt der Druck auf die Abbaugebiete zu, zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo, wo das Kobalt und das Coltan herstammen. Die Abbaubedingungen sind bekanntlich verheerend, einschließlich Kinderarbeit und Todesfällen. Oder Lithium, ein wichtiges Metall für Elektroautos und Akkus, dessen größte Vorkommen in Südamerika liegen. Lithium wird dort nicht wie in Australien aus Gesteinsmassen gewonnen, sondern aus unterirdischen Salzseen. Das führt zu einem wahnsinnigen Wasserverbrauch und zur Absenkung der Grundwasserspiegel von Trinkwasser. Leidtragende sind die Indigenen vor Ort. Ihnen fehlt es an Wasser für die Landwirtschaft, das Vieh und für die Menschen selbst.
Nun sind die Konzerne auf diese Rohstoffe angewiesen. Ist es dann nicht ein Druckmittel für die Länder gegenüber den Konzernen?
Das ist ein wichtiger Punkt. Sie (die Konzerne, Anm.d.Red.) sind tatsächlich darauf angewiesen. Auch das war in früheren Phasen der Kolonialisierung auch so. Zu Zeiten von Willy Brandt (Bundeskanzler von 1969 bis 1974, Anm.d.Red.) wurde aber auch schon im Rahmen der Vereinten Nationen der einseitige Rohstoffhandel kritisiert, also der Abbau im globalen Süden und die lukrative Weiterverarbeitung im globalen Norden. Tatsächlich ändert sich inzwischen was. Immer mehr Staaten sind nicht mehr bereit, einfach nur Rohstoffe zu exportieren. Bolivien hat schon vor einiger Zeit gesagt: Wir wollen das Lithium selbst weiterverarbeiten. Die Idee war, langfristig vor Ort selbst E-Batterien herzustellen. Die Erteilung von Abbaurechten wurde verknüpft damit, dass ausländische Firmen entsprechende Anlagen vor Ort aufbauen. Es gibt inzwischen auf dem afrikanischen Kontinent zumindest fünf Staaten, die ihre Rohstoffe zu Halbleitern weiterverarbeiten. Da ist ein Bewusstseinswandel im Gang, bei dem auch China in gewisser Weise eine Rolle spielt, und zwar eine Doppelrolle: Einerseits selbst als Kolonisator, aber gleichzeitig sieht man auch: Je mehr Akteure auf den Rohstoffmärkten unterwegs sind, umso mehr Gestaltungsspielräume ergeben sich.
Angesichts der vielen Debatten um den traditionellen Kolonialismus sollte man annehmen, dass man daraus Lehren zieht. Geschieht das?
Jein. Wir merken ja auch in Europa die große Abhängigkeit von den US-amerikanischen Tech-Konzernen, obwohl wir hochindustrialisiert sind. Das trifft erst recht auf die afrikanischen Staaten zu. Nach wie vor hat fast ein Drittel der Menschheit keinen Zugang zum Internet, und 90 Prozent davon leben im globalen Süden. Deshalb haben diese Staaten US-amerikanische und chinesische Unternehmen mit offenen Armen empfangen und gesagt: Bringt uns das Internet. Das hat eine neue Abhängigkeit gebracht, denn wer die Infrastruktur aufbaut und kontrolliert, hält damit auch ein Machtinstrument in der Hand. Das ist eine weitere Parallele zum historischen Kolonialismus.
Gibt es Möglichkeiten, sich aus der Abhängigkeit zu lösen?
Es gibt Möglichkeiten, wie verschiedene Regierungen zeigen. Nigeria, das als größte afrikanische Volkswirtschaft über entsprechende wirtschaftliche Macht verfügt, fordert: Wer bei uns tätig sein will, muss unsere Hardware kaufen (Nigeria produziert selbst Laptops) und vor Ort Rechenzentren errichten, damit eigene Datenpools aufgebaut und daraus eigene Geschäftsmodelle entwickelt werden können. Südafrika orientiert sich an Europas Datenschutz und betrachtet auch Daten als Wirtschaftsfaktor. Und Indien betrachtet Daten als kollektives Gut des indischen Volkes, und stellt dementsprechend Forderungen. Es ist also nicht so, dass alles immer nur schlimmer wird, es gibt auch Widerstand und Gegenbewegung.
Würde sich da nicht anbieten, dass Europa und diese Regionen aus gemeinsamen Interessen, die Abhängigkeiten zu reduzieren, eng zusammenarbeiten?
Aus meiner Perspektive ist das zurzeit noch ein bisschen Utopie, aber ich hoffe, dass sich das zunehmend realisieren wird. Europa leistet Pionierarbeit bei der Regulierung der Digitalisierung. Über zwanzig afrikanische Staaten haben die europäische Datenschutzgrundverordnung übernommen. Europas Regulierungsmodell wird also erfreulicherweise „exportiert“. Und aus Sicht von „Brot für die Welt“ sehen wir die Chance, dass die Europäische Union mit demokratischen Staaten aus dem globalen Süden stärker an einem dritten Weg arbeiten sollte. Also einer Alternative zum libertären US-amerikanischen Modell und dem autoritären, staatsgelenkten Weg Chinas. In der Praxis verfolgt die Europäische Union aber bislang eigene Interessen, gerade in der Rohstoffpolitik. Das Mega-Infrastrukturprojekt „Global Gateway“, das Europas Antwort auf Chinas Neue Seidenstraße sein soll, dient auch dazu, sich einen besseren Zugang zu den Rohstoffen in der DR Kongo zu verschaffen.
Was ist aus diesen Analysen Ihre zentrale Botschaft?
Da Europa bei der Digitalisierung hinter den USA und China hinterherhinkt, sich zugleich aber gegenüber den Ländern des globalen Südens als Kolonialmacht aufführt, wäre es an der Zeit, dass die EU von ihrem hohen Ross absteigt und demokratischen Regierungen in Afrika, Asien und Lateinamerika ein ehrliches Angebot macht. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die diesen Namen verdient. Für den afrikanischen Kontinent bestehen die großen Herausforderungen in der Bekämpfung einer Jugendarbeitslosigkeit von teilweise 30, 40, 50 Prozent, Armut und Hunger. Eine Kooperation muss diese Anliegen in den Mittelpunkt stellen und nicht die Wirtschaftsinteressen Europas. Wir leben in einer sehr dynamischen Phase. Ich sehe Potenziale für einen Neuanfang und habe Hoffnung, weil es Gegenbewegungen im globalen Süden gibt.