Seit 2024 ist Stephan Kolling Geschäftsführer der Knappschaft Kliniken Saar GmbH. Dort will der ehemalige Gesundheitsstaatssekretär des Saarlandes das Thema Vorbeugung weiter in den Fokus rücken.
Herr Kolling, Sie kennen das Gesundheitssystem sowohl aus politischer als auch aus operativer Perspektive. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Der Kostendruck auf das Gesundheitssystem insgesamt ist weiter deutlich gestiegen. Kliniken müssen heute noch wirtschaftlicher arbeiten und gleichzeitig komplexere medizinische Leistungen erbringen. Gleichzeitig verschärfen sich bürokratische Vorgaben und Restriktionen. Auch digitaler müssen wir dringend werden. Vor allem aber ist der Fachkräftemangel ein täglicher Hemmschuh für das Vorhalten von medizinischen Leistungen 24/7 an 365 Tagen in allen Sektoren. Das System ist also insgesamt dynamischer geworden – aber auch deutlich angespannter.
Welche Lehren aus Ihrer Zeit als Staatssekretär helfen Ihnen heute bei Ihrer Arbeit?
Die politische Erfahrung von 25 Jahren hilft mir, Entwicklungen früh einzuordnen und strategisch zu denken. Ich habe gelernt, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und trotzdem Entscheidungen zu treffen. Diese 360-Grad-Perspektive ist heute ein großer Vorteil.
In Sulzbach wurde kürzlich ein Präventionszentrum eröffnet: Was war der konkrete Auslöser für dieses Projekt?
Wir wollen Gesundheit nicht erst behandeln, wenn Krankheit entstanden ist. Prävention muss früher ansetzen und stärker Teil der Versorgung werden. Gleichzeitig wächst die Nachfrage an niedrigschwelligen Angeboten. Viele Menschen wollen mehr für ihre Gesundheit und Gesunderhaltung tun, aber es fehlen passende ganzheitliche Angebote. Das Präventionszentrum ist die Antwort der Knappschaft Kliniken auf diese Entwicklung. An all unseren Klinikstandorten bauen wir unsere Präventionszentren aktuell auf. Im Saarland sind wir aktuell der Vorreiter.
Was unterscheidet dieses Zentrum von klassischen Präventionsangeboten?
Unser Ansatz ist deutlich ganzheitlicher: Niemand außer den Knappschaft Kliniken kann Patienten von den eigenen Arztpraxen in unseren MVZ-Strukturen über die Klinikambulanzen und die Fachabteilungen bis hin zu den eigenen Rehakliniken durchgängig betreuen und behandeln. In allen Bereichen bieten wir unseren Patienten Spitzenmedizin. Unsere Präventionszentren ergänzen diese Versorgungskette mit unserer klinischen Exzellenz: Wir bieten medizinische Vorsorge, Gesundheitsuntersuchungen und Check-ups, umfassende Beratung und medizinische Begleitung sowie privatärztliche und physiotherapeutische Angebote unter einem Dach. Durch die direkte Anbindung an die Klinik entsteht zusätzliche Qualität, die in den Präventionsangeboten der Knappschaft Kliniken einmalig ist. Prävention wird dadurch verbindlicher und alltagsnäher.
Welche Zielgruppen möchten Sie besonders erreichen?
Wir richten uns an alle gesundheitsbewussten Menschen, die lange gesund durchs Leben gehen und Krankheiten verhindern wollen. Aber auch Sportler, Firmen und Unternehmen mit ihren Beschäftigten, Manager und chronisch Erkrankte wollen wir unterstützen mit unseren Angeboten. Diese richten sich bewusst an Menschen, die frühzeitig etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Prävention soll möglichst viele erreichen, um körperliche Beschwerden zu vermeiden und ein Leben ohne Beeinträchtigungen zu führen. Besonders wollen wir auch Amateur- und Profisportlern dabei helfen, ihre Leistungen zu verbessern.
Prävention gilt oft als „Nice-to-have“. Wie messen Sie konkret den Erfolg eines solchen Zentrums?
Entscheidend ist, ob sich Gesundheitswerte verbessern und Krankheiten verhindert beziehungsweise schnell behandelt werden können. Der Erfolg ist, ein langes und gesundes Leben zu führen. Daher setzen wir mit unseren vielfältigen Angeboten auf Nachhaltigkeit. Prävention wirkt nicht kurzfristig, sondern über Jahre.
Wird Prävention in Deutschland noch immer unterschätzt – auch finanziell?
Ja, eindeutig. In Deutschland investieren wir noch immer zu wenig in Prävention. Oft reagieren wir erst, wenn Krankheiten bereits entstanden sind. Dabei wäre frühzeitige Vorsorge medizinisch sinnvoller und wirtschaftlich klüger. Deshalb haben wir uns in den Knappschaft Kliniken entschieden, an all unseren 13 Klinikstandorten Präventionszentren aufzubauen. Es lohnt sich für jeden, in seine eigene Gesundheit zu investieren.
Wird Prävention künftig zentraler Bestandteil des Klinikbetriebs?
Davon bin ich überzeugt. Krankenhäuser werden sich zunehmend zu vernetzten Gesundheitszentren entwickeln müssen. Prävention, Therapie, Nachsorge und Reha gehören enger zusammen. Das wird ein zentraler Baustein moderner Klinikstrukturen sein.
Wie verändert die alternde Gesellschaft konkret den Alltag in Kliniken und wie muss sich die Versorgungsstruktur darauf einstellen?
Wir behandeln heute deutlich mehr ältere und mehrfach erkrankte Patientinnen und Patienten. Das erhöht den interdisziplinären Koordinationsbedarf erheblich. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Pflege und Nachsorge. Darauf muss sich die Versorgungsstruktur konsequent einstellen. Der alternde Mensch benötigt oftmals mehrere Disziplinen: Die orthopädische Versorgung ist ebenso wichtig wie die Versorgung der internistischen, neurologischen, psychosomatischen, kardiologischen und rheumatologischen Bedarfe. All das können wir in den Knappschaft Kliniken in Püttlingen und Sulzbach anbieten. Vor allem sind wir stolz auf die Leistungen der Augenklinik Sulzbach: Mit modernen Therapien können wir viel Lebensqualität auch älteren Menschen zurückgeben. Wir sind übrigens mittlerweile die größte Augenklinik in Deutschland.
Reicht das aktuelle System aus ambulanter und stationärer Versorgung noch aus? Oder braucht es ganz neue Modelle?
In dieser Form nicht mehr. Die strikte Trennung zwischen ambulant und stationär ist vielerorts überholt. Patientinnen und Patienten brauchen flexible und vernetzte Versorgung. Deshalb brauchen wir neue sektorenübergreifende Modelle. Als Knappschaft Kliniken gehen wir diesen Weg schon seit einigen Jahren konsequent: Wir haben im Saarland ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit drei Praxen in Saarbrücken, Illingen und Püttlingen für ambulante Versorgungsangebote. Wir operieren ambulant an beiden Klinikstandorten. Aktuell richten wir eine Hausarztpraxis im Krankenhaus Sulzbach ein. Hier steuern wir Patienten an einem Schalter entweder stationär in die Zentrale Notaufnahme des Krankenhauses oder ambulant in die Hausarztpraxis. Nach dem Wegfall der Bereitschaftsdienstpraxis war dies ein wichtiger, konsequenter Schritt, Patienten passgenau zu versorgen.
Wenn Sie an „die Klinik der Zukunft“ denken: Welche drei Eigenschaften sind unverzichtbar?
Erstens: klare Patientenorientierung und gute Medizin. Zweitens: digitale und organisatorische Vernetzung. Drittens: attraktive Arbeitsbedingungen für Fachkräfte. Ohne diese drei Faktoren wird keine Klinik langfristig bestehen.
Welche Rolle spielen interdisziplinäre Ansätze in der Versorgung?
Sie sind entscheidend für gute Medizin. Gesundheit entsteht immer im Zusammenspiel verschiedener Berufsgruppen. Gerade bei chronischen Erkrankungen ist Teamarbeit unverzichtbar. Davon profitieren Patientinnen und Patienten unmittelbar.
Der Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme: Was müssen Kliniken bieten, um attraktiv zu bleiben?
Attraktive Arbeitsbedingungen sind heute der Schlüssel. Dazu gehören gute Aus- und Weiterbildungsangebote, verlässliche Dienstpläne, flexible Arbeitszeitmodelle, Entwicklungsperspektiven und echte Wertschätzung. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird immer wichtiger. Kliniken müssen hier deutlich stärker investieren.
Kann Technologie den Personalmangel kompensieren?
KI und Robotik können Patienten unterstützen, aber Medizin nicht ersetzen. Vor wenigen Tagen habe ich dies in China in den großen neuen Metropolenkrankenhäusern in Peking und Baoding erleben dürfen: Digitale Lösungen entlasten bei Dokumentation und Organisation. Die menschliche Arbeit in Medizin und Pflege bleibt jedoch unverzichtbar. Technik ist Hilfe – keine vollständige Lösung.
Wenn Sie sofort etwas im Gesundheitssystem ändern könnten – was wäre das?
Der Kostendruck im Gesundheitswesen darf nicht auf dem Rücken der Patienten und Beschäftigten ausgetragen werden. Wir brauchen weniger Bürokratie und Reglementierung und mehr Freiheit als Träger zum Gestalten effektiver Strukturen. Dazu gehört aus meiner Sicht, die Sektorengrenzen konsequent abzubauen. Ein stärker vernetztes System würde die Versorgung deutlich verbessern. Genau dort liegt ein zentraler Reformhebel.